Alemannia Aachen – die Schatten der Vergangenheit

Tivoli-Stadion von Alemania Aachen

Finaltag der Amateure

Alemannia Aachen – die Schatten der Vergangenheit

Von Tim Beyer, Aachen

Einst war Alemannia Aachen ein großer Name, heute spielt man in der Regionalliga. Beim Finaltag der Amateure trifft Aachen auf den Oberligisten 1. FC Düren. Es geht um viel Geld und ein Spiel gegen die Bayern.

An einem Donnerstagvormittag im August steht Stefan Vollmerhausen auf dem Trainingsplatz von Alemannia Aachen und sieht für einen Moment sehr besorgt aus. Vollmerhausen, 47, ist der Trainer des Regionalligisten, zwei Tage sind es noch bis zum Finaltag der Amateure, dann spielt Aachen gegen den Fünftligisten 1. FC Düren um den Titel. Der Gewinner darf in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen den FC Bayern ran.

Über Aachen scheint die Sonne, es wird an diesem Tag noch einmal über 30 Grad warm werden, doch dafür hat Vollmerhausen gerade keinen Blick. "Kai und Vinnie", sagt er und meint den Spielmacher Kai Bösing und den Angreifer Vincent Boesen, "der Laufweg passt nicht, ihr müsst viel weiter vorne angreifen." Vollmerhausen unterbricht das Trainingsspiel und spricht mit Bösing und Boesen, seine Arme zeichnen Kreise und Linien in die Luft, der Rest des Kaders hat Pause.

Am Abend zuvor war Vollmerhausen bei einer Sponsorenveranstaltung, später hat er im Fernsehen gesehen, wie die Bayern ins Finale der Champions League eingezogen sind. Gut habe ihm das Spiel gefallen, sagt Vollmerhausen, dann möchte er lieber nicht mehr über die Bayern sprechen. Sein Thema ist der 1. FC Düren. "Ein aufstrebender Oberligist mit großen Ambitionen", sagt Vollmerhausen: "Eine Mannschaft mit der Qualität für die Regionalliga, damit haben wir genug zu tun."

Nur die Trainingsplätze erinnern an bessere Zeiten

Im deutschen Fußball ist Alemannia Aachen noch immer ein klangvoller Name, dabei liegen die Erfolge bereits viele Jahre zurück: Finale im DFB-Pokal 1965, Vizemeister 1969 und dann die Saison 2003/04. Als Zweitligist marschierte Aachen bis ins Finale des DFB-Pokals, besiegte gar die Bayern, und unterlag im Endspiel Werder Bremen nur knapp. Da Bremen als deutscher Meister für die Champions League qualifiziert war, durfte Aachen sogar im UEFA-Cup ran. Davon ist der Klub weit entfernt, heute erinnern nur noch die Trainingsplätze daran, sie heißen Hafnarfjördur und Alkmaar - benannt sind sie nach Gegnern aus jener UEFA-Cup-Saison.

Später spielte Aachen noch einmal ein Jahr Bundesliga, in der Spielzeit 2006/07 war das, man wurde mit dem Trainer Dieter Hecking und Spielern wie Jan Schlaudraff und Vedad Ibisevic Vorletzter und stieg direkt wieder ab. Seitdem haben sie in Aachen sehr oft leiden müssen: Als das neue Stadion fertig war, war es viel zu groß geraten für die sportliche Realität und zu teuer war es auch. Der Rest ist bekannt: Ein Insolvenzverfahren und dann noch eins. Alemannia gibt es noch immer, doch dass der Trainer nun vor einem Oberligisten warnt, sagt einiges aus über den Zustand des Vereins.

Die Auswirkungen einer Pandemie

Als Vollmerhausen im März als neuer Trainer vorgestellt wurde, hatten sie mit dieser Personalie in Aachen einige Hoffnungen verbunden. Vollmerhausen hat mal zweieinhalb Jahre den Wuppertaler SV traininert, noch so ein Traditionsverein mit finanziellen Problemen. Zuletzt war Vollmerhausen im Nachwuchs von Bayer 04 Leverkusen tätig. In Aachen soll er nun die Erfahrungen aus beiden Stationen verbinden: mit wenig Geld auskommen und gleichzeitig ein Team mit Perspektive aufbauen.

Es waren die Tage, in denen das Coronavirus das Leben in Deutschland von einem Tag auf den anderen veränderte, als da plötzlich Unsicherheit war und so viel Angst. In der Regionalliga West ist seitdem nicht mehr gespielt worden, die Spielzeit 2019/20 wurde abgebrochen. Für einen Verein wie Alemannia Aachen, der auf die Zuschauereinnahmen angewiesen ist, macht sich das bemerkbar. Um "ein gutes Drittel" niedriger als geplant sei das Budget für die neue Saison, sagt Vollmerhausen. Im Kader, der derzeit 18 Feldspieler und zwei Torhüter umfasst, wäre noch Platz, doch es ist unklar, ob Geld für Verstärkungen da ist.

"Leichter wird es nicht"

Thomas Hengen, 45, war einst ein wirklich guter Libero, in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, als der Bundestrainer Berti Vogts hieß, galt Hengen manchem Experten als kommender Nationalspieler. Nationalspieler wurde Hengen nie, heute ist er Sportdirektor in Aachen. Es gibt im deutschen Fußball sicher einfachere Jobs. "Leichter wird es nicht, wenn du weniger Geld zur Verfügung hast als gedacht, das ist ja klar", sagt Hengen. Doch das, so sieht Hengen das, seien eben Probleme, die gerade viele Vereine hätten: "Wir müssen die Situation so annehmen, wie sie ist. Und das machen wir, auf allen Ebenen."

Das Finale gegen Düren ist für Aachen deshalb eines, in dem um die nähere Zukunft des Vereins gespielt wird. Der Sieger darf später im DFB-Pokal gegen die Bayern ran, das Fernsehen überträgt, es geht um viel Geld. Der Trainer Vollmerhausen sagt, ihnen allen sei klar, dass nicht nur sie in Aachen die Auswirkungen von Covid-19 zu spüren bekommen: "Wir versuchen, mit der Aufgabe zu wachsen und das Bestmögliche herauszuholen."

Stand: 21.08.2020, 06:00

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