Fünf Wechsel pro Team - keine Angst vorm Zeitspiel

Julian Brandt (r) kommt fürn Timo Werner ins Spiel

Coronakrise

Fünf Wechsel pro Team - keine Angst vorm Zeitspiel

Von Chaled Nahar

Fußballmannschaften sollen wegen der Coronavirus-Pandemie bald vorübergehend fünf Mal statt bisher drei Mal wechseln können. In einigen Spielen wären dann sogar sechs Wechsel möglich. Das hat Folgen für die Taktik des Spiels und für die Personalkosten der Klubs - Zeitspiel fördern wird die Maßnahme dagegen kaum.

Die Neuerung wird im Schnellverfahren kommen. Fünf Wechsel pro Mannschaft wünscht sich der Weltverband FIFA, um den Teams in der Coronavirus-Pandemie mehr Flexibilität zu geben, da es bei einer Fortsetzung des Spielbetriebs zu überdurchschnittlich vielen Spielen kommen kann. Die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) werden nach Informationen von sportschau.de noch in dieser Woche dafür stimmen - und das hat Folgen für viele Bereiche.

Ablauf: Fünf Wechsel möglich, aber nur drei Unterbrechungen

Die Befürchtung, dass die Vergrößerung des Wechselkontingents zu mehr Zeitspiel führen könnte, ist unberechtigt. Den Vorschlag, den die FIFA den Regelhütern gemacht hat, prägt eine besondere Struktur: Zwar sind demnach fünf Wechsel möglich, aber nur drei Unterbrechungen des Spiels erlaubt. Es müssen also teilweise mehrere Auswechslungen auf einmal vollzogen werden, außerdem bleibt die Halbzeitpause als Gelegenheit zum Wechsel.

"Das läuft so auch in der B-Junioren-Bundesliga", sagt Alex Feuerherdt vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben". "Auch da sind fünf Wechsel möglich, die in höchstens drei Unterbrechungen vollzogen werden müssen. Das funktioniert dort einwandfrei."

Seit Sommer 2018 ist ein vierter Wechsel möglich, wenn es in einem Spiel zu einer Verlängerung kommt. Diesen zusätzlichen Wechsel wird es nach Informationen von sportschau.de weiterhin geben, was bis zu sechs Wechsel in einer Mannschaft pro Spiel bedeutet.

Taktik: Mehr Möglichkeiten für die Teams

Damit ergeben sich für Trainerinnen und Trainer ungeahnte Freiheiten. "Die taktischen Möglichkeiten steigern sich natürlich enorm", sagt Tobias Escher vom Taktikblog "Spielverlagerung". "Jeder Wechsel ist eine Chance, die Formation umzustellen." Neue taktische Variationen, mehr Chancen zur Umstellung und zur Korrektur sind die Folgen für die Taktik im Spiel.

Unfreiwillig hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Voraussetzungen für die neue Regel vor der Saison verbessert. Seit Beginn der aktuell unterbrochenen Spielzeit dürfen neun statt zuvor sieben Spieler auf der Ersatzbank Platz nehmen. In der Frauen-Bundesliga und in der 3. Liga sind weiterhin sieben Spielerinnen und Spieler auf der Bank erlaubt.

Geld und Gesundheit: mehr Prämien, vorschnelle Einsätze als Gefahr

Es gibt auch finanzielle Folgen: In vielen Verträgen mit Spielern sind Punkt- und Auflaufprämien vereinbart. Für zwei weitere Spieler könnten diese Zahlungen nun in jedem Spiel anstehen. Manche Verträge verlängern sich auch automatisch, wenn eine bestimmte Zahl an Einsätzen erreicht ist.

Gesundheitlich stellt sich die Frage, ob angeschlagene Spieler leichtfertig und vorschnell in die Startelf gestellt werden könnten. Mit fünf möglichen Wechseln in Aussicht könnte die Schwelle sinken, es im Zweifel zu probieren.

Umsetzung: IFAB entscheidet im Schnellverfahren und setzt eine Frist

Die Regel wird befristet. Sie soll für Wettbewerbe gelten, die 2020 oder 2021 beginnen oder abgeschlossen werden. Die aktuelle und die kommende Bundesliga-Saison, aber auch die EM 2021 könnten die Regel nutzen. Die Ligen und Verbände können, müssen die Ausnahmeregelung aber nicht umsetzen. Die DFL wollte auf Anfrage von sportschau.de nicht kommentieren, ob sie fünf Wechsel zulassen wird.

Normalerweise muss für Regeländerungen ein formelles Verfahren im IFAB angestoßen werden, Regeländerungen können eigentlich nur bei der Generalversammlung der Regelhüter vorgenommen werden, die meist im Frühjahr stattfindet. Da es sich aber nur um eine "temporäre Anpassung" handelt, darf das "Board of directors" diese direkt umsetzen.

Dieses Gremium im IFAB besteht aus der FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura sowie den vier Generalsekretären der britischen Verbände Jonathan Ford (Wales), Mark Bullingham (England), Patrick Nelson (Nordirland) und Ian Maxwell (Schottland). Sie werden die Regel wohl noch in dieser Woche beschließen.

Geschichte: Wie sich die Auswechslung veränderte

Dass Mannschaften nun fast zur Hälfte ausgetauscht werden können, ist eine Fortschreibung der Regel, die es früher gar nicht gab. Generell erlaubt sind Wechsel erst seit 1972, zuvor gab es nur Ausnahmen in einigen Ligen und Verbänden. Lange Zeit waren nur zwei Wechsel möglich. Seit 1995 sind es drei, 2018 kam die vierte Auswechslung im Fall einer Verlängerung hinzu.

"Seit 2015 sind in unteren Ligen zudem Rückwechsel erlaubt", sagt Petra Tabarelli, die in ihrem Blog "Nachspielzeiten" über die Geschichte von Fußballregeln schreibt. "Wer ausgewechselt ist, darf also seitdem wieder auf den Platz zurückkehren."

Stand: 28.04.2020, 12:20

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