Expected Goals im Fußball - Glück und Pech in Prozenten

Spielszene Eintracht Frankfurt - Bayer Leverkusen

Datenanalyse im Fußball

Expected Goals im Fußball - Glück und Pech in Prozenten

Von Marcus Bark

Glück und Pech sind Faktoren, die gerne im Fußball benutzt werden. Sie sollen belegen, dass ein Sieg verdient war - oder eben nicht. Wie ist Glück zu messen? Wie Pech? Immer häufiger werden dabei die "Expected Goals" aufgeführt. Die "zu erwartenden Tore" gießen die Qualität einer Torchance in einen Wert.

"Da war sie, die hundertprozentige Torchance." Wie oft ist das zu hören, zu lesen? Es ist streng genommen immer falsch, denn theoretisch kann jede Torchance vergeben werden. Aber unter einer "hundertprozentigen Torchance" kann sich jeder Fußballfan etwas vorstellen.

Im Gegensatz dazu wissen die Wenigsten, was "xG 0,17" bedeutet. Die Abkürzung xG steht für "Expected Goals", also etwa "zu erwartende Tore". Der Wert hinter xG ist immer einer zwischen 0 und 1. Ein Wert von 0,17 bedeutet: 17 Schüsse (oder auch Kopfbälle) von 100, die von einer bestimmten Position aus abgegeben werden, landen im Netz.

Unterschiedliche Modelle

Die Berechnung von xG basiert auf historischen Daten (von welcher Position wurde wie oft geschossen und dabei getroffen) und mathematischen Modellen. Es gibt verschiedene Anbieter, teilweise nutzen sie unterschiedliche Modelle, bewerten Chancen anders. Es wird kompliziert, daher soll hier in Grundzügen erklärt werden, was "Expected Goals" sind und wobei sie helfen.

Elfmeter mit einem Wert von 0,75

Als Basis bietet sich der Elfmeter an. Der Ball liegt immer auf der gleichen Stelle, es ist nie ein Abwehrspieler zwischen Schütze und Torwart. Statistiker haben gezählt, dass etwa 75 von 100 Elfmetern verwandelt werden. Damit ergibt sich für einen Elfmeter ein xG-Wert von 0,75.

Weitere Beispiele: Marco Reus, damals noch bei Borussia Mönchengladbach, umspielt den Torwart des 1. FC Nürnberg und schießt aus kurzer Distanz ein. Er trickst dabei noch ein bisschen herum. Theoretisch hätte das schiefgehen können. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tor aus dem Abschluss resultiert, ist deutlich höher als bei einem Elfmeter. Der xG-Wert kommt der 1 recht nahe.

Bei der folgenden Szene trifft Reus erneut. Aber es sind etwa 25 Meter Entfernung, ein Abwehrspieler steht zwischen ihm und dem Torwart. Die Chance, in dieser Situation zu treffen, ist recht gering. Der xG-Wert liegt außerhalb des Strafraums unter 0,1. Hier dürfte er noch deutlich geringer sein.

In den Statistiken, die nach Bundesligaspielen auch öffentlich zugänglich sind, werden meistens "Torschüsse" aufgeführt, dann noch "Schüsse aufs Tor". Die Zahlen werden auch von Trainern gerne genutzt, um über Pech zu klagen oder einen verdienten Sieg zu belegen. Aber was nutzen fünf "Schüsse aufs Tor", die aus mehr als 20 Metern dem Torwart in die Hände kullern?

Hätte diese vielleicht ideenlose Mannschaft den Sieg eher verdient als die, die nur zwei Mal aufs Tor schoss, aber dabei ihren Mittelstürmer anspielte, der nur noch einzuschieben braucht? Sicher nicht. Die "Expected Goals" haben eine bessere Aussagekraft.

Blinde Flecken im System

Aber die Datenanalyse ist hier noch eher am Anfang. Es wird zwar berücksichtigt, ob der Abschluss aus acht Metern in zentraler Position nach einem Konter (vermutlich weniger Gegenspieler, dadurch höhere Wahrscheinlichkeit auf ein Tor) oder nach einem Eckstoß (große Ansammlung von Gegnern) erfolgt. Dennoch gibt es noch vieles zu verbessern.

Dieser Treffer von Axel Witsel liefert ein Beispiel. Der Dortmunder kommt aus sechs Metern zum Schuss, er hat nur noch den Torwart vor sich. Aber er nimmt den Ball direkt aus der Luft, ein bisschen schon nach rechts von der Tormitte versetzt. Die Wahrscheinlichkeit auf ein Tor wäre noch größer gewesen, wenn er mit einem Rückpass an der Stelle bedient worden wäre. Andererseits hätte er an der Stelle auch mit dem Rücken zum Tor angespielt werden können, zwei Innenverteidiger und der Torwart hinter ihm. Wann gelingt dann ein Tor mit der Hacke? Allerdings ist dieser Fall auch schon sehr konstruiert. Die Daten aus so vielen Jahren Profifußball und verschiedenen Ligen bieten eine solide Basis, um die Qualität einer Torchance zu bemessen.

Schalke oder Leverkusen - wer hat den Sieg verdient?

xG-Werte jedes einzelnen Abschlusses werden nach der Partie addiert. So ergab sich etwa nach dem Bundesligaspiel Schalke 04 - Bayer Leverkusen am Mittwoch (19.12.2018) für die Gelsenkirchener eine Summe von 1,25, für die Gäste 0,51. Nachdem Leverkusens Trainer Heiko Herrlich behauptet hatte, es sei ein "letztlich verdienter Sieg" seiner Mannschaft gewesen, widersprach Domenico Tedesco: "Ich finde das Ergebnis nicht ganz okay."

Die "Expected Goals" sind auf der Seite des Schalker Trainers. Der Verlauf im Tweet des Taktikportals "Between the Posts" zeigt, dass die Leverkusener in der zweiten Halbzeit nur eine Chance hatten, die nicht sehr gut war. Schalke hingegen hatte zwei ziemlich große Möglichkeiten. Das hatte auch Herrlich so gesehen: "In zwei Situationen hatten wir Glück." Das Glück ist mit "Expected Goals" ein bisschen besser zu fassen.

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Stand: 20.12.2018, 15:30

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