Präsidiumssitzung beim DFB

Generalsekretär Curtius gerät unter Druck

Von Frank Hellmann

Am Freitag versammelt sich das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu einer entscheidenden Sitzung. Vor dem Machtkampf mit Präsident Fritz Keller ist Generalsekretär Friedrich Curtius schwer angeschlagen, denn die Deutsche Fußball Liga (DFL) sperrt ihn künftig von allen Sitzungen aus. Was steckt dahinter?

Die Luft war klar, der Himmel leicht wolkenbehangen, die Temperaturen lagen knapp unter dem Gefrierpunkt und vor den Parkplätzen noch reichlich Schnee- und Eisreste: In diesem Ambiente empfing der Frankfurter Stadtwald am Freitagmorgen (15.01.2021) die ranghöchsten Funktionäre des deutschen Fußballs, die nach einem Corona-Schnelltest im größten Tagungsraum ab 10.30 Uhr im Erdgeschoss zusammenkamen.

Vor kaum einer Präsidiumssitzung hatte unter den Teilnehmern eine derart frostige Atmosphäre geherrscht wie vor diesem Krisentreff, der als Machtkampf im innersten Zirkel bezeichnet wird. Das Vertrauensverhältnis zwischen DFB-Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius scheint irreparabel beschädigt.

DFL bezieht eindeutig Position

Am Donnerstag hat es dabei noch eine wichtige Entwicklung gegeben, die Keller, 63, nützen und Curtius, 45, schaden dürfte. In einem auch der Sportschau vorliegenden Schreiben hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) per Email den Präsidenten Keller und die Mitglieder des DFB-Präsidiums über einen einstimmigen Beschluss des neunköpfigen DFL-Präsidiums vom 18. Dezember 2020 in Kenntnis gesetzt. Demnach wird Keller gebeten, "künftig nicht mehr den aktuellen Generalsekretär des DFB als beauftragten Vertreter zu Sitzungen, der Organe, Ausschüsse und Kommissionen des DFL e.V. zu entsenden."

Für Curtius ist das ein Nackenschlag. So abgrundtief scheint das Vertrauensverhältnis gestört, dass der promovierte Jurist zur Persona non grata wird. Die Begründung liest sich nämlich so: "Hintergrund des Beschlusses ist die Tatsache, dass in mehreren Fällen Indizien darauf hinweisen, dass Dienstleister, die durch den Generalsekretär im Namen des DFB beauftragt wurden und/oder an ihn berichten, Informationen und Interpretationen von Sachverhalten an Medien übermittelt haben, die darauf gerichtet waren, das Ansehen des DFB zu schädigen." Das ist starker Tobak.

Was aber erklärt, warum das Verhältnis zwischen DFL-Chef Christian Seifert und dem DFB-Generalsekretär zerrüttet ist. Und womit erläutert ist, warum der DFL-Aufsichtsratsvorsitzende Peter Peters als  Mitglied im fünfköpfigen Präsidialausschuss kurz vor Weihnachten in einem Gastbeitrag für das Fachmagazin "Kicker" so scharf eben gegen Curtius geschossen hat. Die Liga will den bereits seit 2004 im DFB wirkenden Curtius loswerden. Lieber heute als morgen.

Rolle der Berater wirkt dubios

Der angegriffene Generalsekretär, der im Herbst bei einem häuslichen Leitersturz einen doppelten Ellbogenbruch erlitt und monatelang krankgeschrieben war, wehrte sich noch am selben Abend. "Ich habe keinerlei Verständnis für dieses Vorgehen und versichere, keine Dienstleister dazu veranlasst zu haben, interne Erkenntnisse weiterzugeben", sagte Curtius gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. "Eine solche Behauptung entbehrt jeglicher Grundlage und ist absurd, auch den Dienstleistern gegenüber, von denen übrigens keiner konkret benannt wird."

Zum einen könnte es sich um die Markenberatung Gregor W. Busch handeln, mit denen der promovierte Jurist zur eigenen Profilierung zusammenarbeiten soll. Zum anderen ist die Rolle der als Aufklärer angeheuerten und mit Mitarbeitern direkt in die DFB-Zentrale eingezogenen Firma Esecon dubios, der längst viele DFB-Mitarbeiter misstrauen - Curtius wird als Drahtzieher mancher Nachforschungen vermutet, ist zu hören.

Curtius ist schwer zu durchschauen

Bis heute ist Curtius für die Öffentlichkeit schwer zu greifen. Er wuchs mit vier Geschwistern erst in Bonn, dann in Darmstadt auf, studierte in Heidelberg, sammelte Auslandserfahrungen in Pennsylvania und Montpellier. Als sein fußballerischer Bezugspunkt gilt der Traditionsverein SV Darmstadt 98, den "Lilien" trat er auch als Mitglied bei. Seit Jahren hat er von allen wichtigen Vorgängen im DFB Kenntnis.

Generalsekretär Friedrich Curtius | Bildquelle: imago images/osnapix

Er war als Büroleiter des früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach tätig, der im Zuge der Enthüllungen über die WM 2006 hatte zurücktreten müssen. Im April 2016 wurde der smarte Aufsteigertyp zum Generalsekretär befördert und verantwortet als höchster hauptamtlicher Angestellter die Geschäfte der Zentrale. Es war ein kluger Schachzug, die fleißige Heike Ullrich als DFB-Direktorin Vereine, Verbände und Ligen zu seiner Stellvertreterin zu machen. Seit längerem ist klar, dass Curtius eigentlich starker Mann der DFB GmbH werden soll, bei der sich der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb bündelt.

Doch über die Zeit hat sich Misstrauen bei seiner Person angesammelt: Der "Kicker" nannte zwei konkrete Fälle, über die im Dunstkreis der DFB-Zentrale seit Jahren gemunkelt wird: der 2017 ohne Ausschreibung zustande gekommene Langzeitvertrag mit "sporttotal.tv" zur Übertragung von Amateurspielen mit Hilfe von automatisierten Kameras und die Vergabe der Aufklärungsarbeit zur WM 2006 an die Finanz- und Rechtsexperten von Freshfields. Bei den einen ist der Chef Peter Lauterbach ein alter Schulfreund von Curtius, bei den anderen kannte Curtius den bis 2018 für Freshfields tätigen Professor Christian Duve  aus dem Vorstand beim Rotary-Club Frankfurt.

Keller wird von den mächtigsten Liga-Bossen gestützt

Keller will jeden Anflug von Klüngelei vermeiden. Aber Curtius verfügt über eine Hausmacht, die nicht zu unterschätzen ist. Sein Rückhalt sind offenbar die Amateurvertreter und Landesfürsten, denen der Einfluss der Liga in dem mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern größten Einzelsportverband seit jeher suspekt ist. Keller wiederum hat nicht nur Seifert und Peters, sondern auch die mächtigen Liga-Bosse wie Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern) und Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) auf seiner Seite.

Schwer abzusehen, wer aus dem "Finale in Frankfurt" (Süddeutsche Zeitung) als Sieger aus dem Ring klettert. Nach Sportschau-Informationen wird mit einer mehrstündigen Sitzung gerechnet, bei der keiner der beiden Streithähne seinen Rückzug erklärt. Keller, ganz der Kämpfertyp, will seinen ureigenen Auftrag als Aufklärer wahrnehmen; ihn spornt zudem die Rückendeckung der mächtigen Liga-Vertreter sogar noch an, nicht aufzugeben. Curtius, ganz der Stratege, wäre als gut bezahlter Angestellter schlecht beraten, um Vertragsauflösung zu bitten.

Kommt wieder ein außerordentlicher Bundestag?

Zudem hat er Unterstützung vom DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch - dessen Rolle in dem Intrigenspiel zunehmend undurchsichtiger geworden ist - und von Schatzmeister Stephan Osnabrügge, den sich einige sogar als DFB-Präsidenten vorstellen können.  Das Präsidium will offenbar auch keine Kampfabstimmung, weil dann die Bruchlinie für jeden sichtbar wäre.

Mögliche Kompromissformel wäre ein altbekannter Rettungsanker: nämlich mal wieder einen außerordentlichen Bundestag einberufen, bei dem die Delegierten das letzte Wort haben. Immerhin hat der DFB auch schon Erfahrungen mit dieser Veranstaltung in Pandemiezeiten gesammelt. Im Mai vergangenen Jahres ging auf digitalem Wege alles reibungslos, um den Spielbetrieb in der dritten Liga fortzusetzen oder wichtige Haftungsfragen wegen der Corona-Krise zu klären. Das aber war ein Kinderspiel zu der jetzt zu klärenden Machtfrage.