Vor 30 Jahren - die schnelle Vereinigung gegen den Willen des DFB

Hans-Georg Moldenhauer und Hermann Neuberger reichen sich zur Vereinigung von DFB und NOFV die Hände

Zeitzeuge Moldenhauer: "Dramatische Zeit"

Vor 30 Jahren - die schnelle Vereinigung gegen den Willen des DFB

Von Marcus Bark

Am 21. November 1990 sind die beiden Fußballverbände aus Ost und West vereinigt worden. Es war eine "dramatische Zeit", wie der letzte Präsident des DDR-Verbandes der Sportschau sagte. Der DFB hätte die Einheit gerne hinausgezögert - des Geldes wegen.

Die Plakate waren längst gedruckt, mehr als 30.000 Eintrittskarten verkauft, eine Gedenkmünze schon geprägt. Das Länderspiel im Leipziger Zentralstadion zwischen den Auswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Deutschen Fußball-Verbandes (DFV) sollte der Höhepunkt beim "Fest des deutschen Fußballs" werden, das für den 21. November 1990 angekündigt worden war.

Doch das Spiel wurde abgesagt. "Der DFB und der ostdeutsche Verband nannten als Gründe den schlechten baulichen Zustand des Stadions sowie die schwierige Sicherheitslage", las Werner Veigel am 13. November 1990 in der Tagesschau eine entsprechende Meldung vor.

Marodes Stadion und Krawalle - Vereinigungsspiel abgesagt Sportschau 20.11.2020 02:23 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 Das Erste

Ein paar Wochen vorher war bei Fußballkrawallen ein Mensch ums Leben gekommen, die genauen Umstände sind bis heute offen. Die neue Freiheit wurde im Osten ausgenutzt. Bei vielen Spielen gab es schwere Ausschreitungen. Das marode, riesige Zentralstadion, in dem Asphaltbrocken aus den Tribünen als Wurfgeschosse hätten genutzt werden können, war unter Sicherheitsaspekten einer der schlechtesten Orte für ein "Fußballfest". Die Absage - verständlich.

Formeller Akt ohne Schmuckwerk

So war die Vereinigung am Gründungsort des DFB ein formeller Akt ohne Schmuckwerk. In der Leipziger Oper schlossen sich am 21. November der DFB und der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) zusammen. West und Ost waren nun auch im beliebtesten Ballsport der Republik wieder vereint, etwa sieben Wochen, nachdem die DDR am 3. Oktober von der Weltkarte verschwunden war. Der DFV hatte sich am 20. November aufgelöst und war zum NOFV geworden, einem von heute noch fünf Regionalverbänden des DFB.

Fußballvereinigung am 21. November 1990: Der Osten knipst das Licht aus Sportschau 20.11.2020 02:02 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 Das Erste

Hans-Georg Moldenhauer war letzter Präsident des DFV und erster des NOFV. Im Gespräch mit der Sportschau erinnerte er sich an eine "dramatische Zeit" seit dem Mauerfall im November 1989, in der er häufig mit dem damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger überlegt und beraten habe, wie es im gesamtdeutschen Fußball weitergehen soll.

Wie viele Vereine aus der ehemaligen DDR-Oberliga dürfen in die Bundesliga? Behält die Bundesliga überhaupt ihren Namen? "Ich hatte Deutschlandliga ins Gespräch gebracht", so Moldenhauer. Der 1992 verstorbene Neuberger habe es abgelehnt, weil der Name "Bundesliga" etabliert sei, also auch besser zu vermarkten.

Der Kommerz stand zunächst im Weg

Der Kommerz, er stand auch einer schnellen Vereinigung der beiden Fußballverbände im Weg, zumindest wenn es nach dem Willen von Neuberger gegangen wäre. Ging es aber ausnahmsweise nicht. Die Geschichte überrollte sogar den mächtigen DFB.

Der chronologische Abriss: Noch "das alte Präsidium" des DFV, so Moldenhauer, sei im Januar 1990 nach Frankfurt am Main zum DFB gefahren und habe zwei Spiele zwischen den Auswahlmannschaften der BRD und DDR ausgemacht: für den 29. August in Leipzig und den 21. Dezember in München.

Allerdings gab es den Vorbehalt einer gemeinsamen Gruppe in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1992. Am 2. Februar wurden die Lose gezogen. Es passierte tatsächlich: Belgien, Wales, Luxemburg, Bundesrepublik, DDR.

Im politischen Wiedervereinigungstaumel hatte das Los die Chance ergeben, einen sportlich dunklen Flecken in der Geschichte des DFB zu tilgen. Bei der WM 1974 unterlag der spätere Weltmeister der DDR. Jürgen Sparwasser. Jeder kennt die Geschichte.

WM 1990 und die Wiedervereinigung - Freudentaumel und politisches Marketing sport inside 07.10.2020 08:58 Min. UT Verfügbar bis 07.10.2021 WDR

Die beiden Spiele versprachen auch finanziell viel. Neuberger hatte schnell lukrative Verträge abgeschlossen, daher sollte es die Partien BRD - DDR geben, am 21. November 1990 in Leipzig, das Rückspiel später in München.

"Er wollte die Spiele unbedingt. Es standen bei Absage schon Vertragsstrafen ins Haus", sagt Moldenhauer über Neubergers Haltung, für die auch der Sporthistoriker Markwart Herzog kritische Worte findet: "Für den DFB war Geld wichtiger als die deutsche Einheit."

Sporthistoriker Markwart Herzog: "Geld wichtiger als Einheit" Sportschau 20.11.2020 01:11 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 Das Erste

Neuberger, so Moldenhauer, habe die Vereinigung aus Vermarktungsgründen erst nach der EM 1992 gewollt. "Wir können nicht einfach so tun, als wenn es die politische Vereinigung nicht gäbe", habe Moldenhauer erwidert und in Hintergrundgesprächen mit anderen DFB-Funktionären bei der WM in Italien erfahren, dass der Präsident des westdeutschen Verbandes zunehmend allein mit seinem Willen dastand.

Als Moldenhauer von der WM, bei der die DFB-Auswahl den Titel gewann, nach Hause gekommen sei, habe er einen Brief vom DFB in der Post gefunden. Darin habe Neuberger seinen Widerstand aufgegeben und der früheren Vereinigung zugestimmt.

Letztes Spiel in Belgien

Mitte Juli sei der gemeinsame Beschluss gefasst worden, die Mannschaft der DDR aus der EM-Qualifikation zurückzuziehen. Aus der Partie in Belgien am 12. September wurde ein Freundschaftsspiel, das letzte der DDR.

Am 20. November knipste Moldenhauer, der bis 2010 im Präsidium des DFB vertreten war, auf Wunsch von Thomas Skulski beim DFV das Licht aus. Der heutige Journalist des ZDF arbeitete zwischen Mauerfall und Wiedervereinigungen für den DFF, den Deutschen Fernsehfunk der DDR. Für die Sportschau erinnerte er sich an die Zeit vor 30 Jahren, in denen Geschichte geschrieben wurde - und befremdliche Geschichten.

Sportjournalist Skulski über die Wendezeit: "Es war schlichtweg Chaos" Sportschau 20.11.2020 13:33 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 Das Erste

Stand: 21.11.2020, 07:00

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