Analyse - Bierhoffs Weckruf kommt fast zu spät

Oliver Bierhoff beim 43. Ordentlichen DFB-Bundestag

DFB-Bundestag

Analyse - Bierhoffs Weckruf kommt fast zu spät

Von Frank Hellmann

Oliver Bierhoff hat den DFB-Bundestag genutzt, um dem deutschen Fußball ins Gewissen zu reden. Inzwischen hinken Nationalmannschaft, Liga und Nachwuchs so weit hinterher, dass es einen Aktionsplan braucht. Eine Analyse.

Erst kürzlich hat Deutschland das EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande nachträglich noch gewonnen. Die krachende 2:4-Niederlage im Hamburger Volksparkstadion, die am 6. September den fußballerischen Rückstand auf die Weltspitze manifestierte, wandelte eine deutsche Auswahl noch in einen Sieg um. Zumindest bei der Spielanalyse.

Bei einem so genannten "Taktik-Hackathon" präsentierte ein Team vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) eine bessere Aufarbeitung als die Kooperationspartner des Königlichen Niederländischen Fußball-Bundes (KNVB). Beide Verbände hatten je 16 Analysten und IT-Freaks aufgeboten, die die wichtigsten Erkenntnisse aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zusammenfassten.

Schonungslose Analyse, konkrete Lösungsansätze – das "Projekt Zukunft" von Bierhoff Sportschau 27.09.2019 12:11 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Hinter dem Projekt im Rahmen einer Innovationswoche der DFB-Akademie, durchgeführt bei einem Technologiepartner nahe des Hamburger Flughafens noch in derselben Nacht nach der Qualifikationspartie, steckt das Ziel, dass der deutsche Fußball aufholen muss. Und wenn nicht zuerst auf dem Rasen, so doch zumindest am Laptop. Irgendwo muss ja angefangen werden.

Bierhoffs Vortrag ist auch Selbstanklage

Genau drei Wochen später, in der Frankfurter Messe, hat Oliver Bierhoff, längst eine Art Mastermind für den größten Sportverband der Welt, das "Projekt Zukunft – Für die Weltmeister von Morgen" vorgestellt und ohne Gegenstimme durchbekommen.

Zuvor hielt der Ex-Nationalstürmer ein Referat, das einer Selbstanklage gleichkam. Selbst im Spitzenbereich laufe inzwischen Grundsätzliches schief, stellte Bierhoff am Freitag (27.09.19) im mahnenden Tonfall vor der versammelten Spitze des deutschen Fußballs fest. Fazit: Die persönliche Entwicklung der Spieler steht nicht im Fokus des Systems. Überspitzt: Die Talentförderung schießt lauter Eigentore.

Rainer Koch, der mächtige Vizepräsident, ging bei der Grundsteinlegung einen Tag zuvor im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel sogar so weit, den fünften Stern, also den nächsten Weltmeistertitel, lieber erst für 2034 anzukündigen. Wo auch immer dann gekickt wird. Vielleicht vergibt die FIFA bis dahin noch eine WM mit 80 Nationen auf den Mond. Der lange Zeithorizont war insofern aber eine weitsichtige Schlussfolgerung, weil es abgesehen von Kai Havertz (Bayer Leverkusen) ziemlich dünn aussieht bei den Toptalenten.

Die Leerstellen in den U-Nationalmannschaften sind erschreckend

Die Leerstellen von der U19-Nationalmannschaft abwärts sind erschreckend. Schon die neue U21-Auswahl unter Stefan Kuntz ist weitgehend eine Ansammlung von Namenlosen ohne viel Bundesliga-Praxis. Sein Kapitän ist Johannes Eggestein (Werder Bremen), der noch nicht bewiesen hat, zum überdurchschnittlichen Erstligaprofi reifen zu können.

Fritz Keller ist neuer DFB-Präsident Sportschau 27.09.2019 01:23 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Noch ein Beispiel: Die Fritz-Walter-Medaillen in Gold gingen gerade an Nicolaus Kühn (U19) und Karim Adeyemi (U17). Der eine spielt bei Jong Ajax, zweite Mannschaft von Ajax Amsterdam, der andere beim FC Liefering, zweite österreichische Bundesliga. Sagt das nicht alles?

"Der deutsche Fußball ist immer noch konkurrenzfähig, jedoch sind klare warnende Tendenzen nicht erst seit dem Ausscheiden in der Vorrunde bei der WM 2018 von uns erkannt worden", sagte Bierhoff in der Frankfurter Messe. Der 51-Jährige hat diese Agenda aber seit mehr als einem Jahr auf dem Schirm. Deshalb war der Weckruf überfällig, denn der Handlungsdruck wird dadurch erhöht, dass Deutschland die Euro 2024 ausrichtet.

Die Bundesliga holt die Talente einfach aus Frankreich

Aber wer sind die neuen "Schweinis" und "Poldis", die in fünf Jahren ein Sommermärchen schreiben? In der vergangenen Saison haben 30 Prozent weniger junge Spieler den Sprung in die ersten Mannschaften der Bundesliga geschafft als 2006. Bierhoff ist inzwischen zur Einsicht gelangt, dass es eine Neuausrichtung braucht. So wie 2000, als mit der Schaffung der Stützpunkte die Grundlage für den WM-Titel 2014 gelegt wurde. Doch eigentlich ist schon zu viel Zeit verschenkt worden. Weil man sich zu sehr auf dem Triumph in Brasilien ausgeruht hat.

Fritz Keller locker wie ein "amerikanischer Manager bei Produktpräsentation" Mittagsmagazin 27.09.2019 01:59 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Bundestrainer Joachim Löw lobt nun den Zukunftspakt, hatte zuletzt aber andere Sorgen als so langfristig zu planen. Nun aber wirkt der Ist-Zustand zu alarmierend, um so weiterzumachen wie bisher. Die Bundesligisten, vom Mittelklasseklub 1. FSV Mainz 05, dem Tabellenführer RB Leipzig bis zum Branchenführer FC Bayern, haben es recht einfach: Sie holen sich die Toptalente und Spitzenspieler für mehr oder weniger viel Geld einfach aus dem Weltmeisterland. Franzosen sind generell besser ausgebildet. Auf der Strecke bleibt damit aber der erste Repräsentant, die deutsche A-Nationalmannschaft.

Schlüsselrolle für den Akademieleiter Tobias Haupt

An dieser Stelle kommt der neue Akademieleiter Tobias Haupt ins Spiel. Der 35 Jahre alte Professor ist einer der wichtigsten Mitarbeiter für Bierhoff. In der Direktion Nationalmannschaft und Fußball-Entwicklung leitet der ehemalige Bayernliga-Torwart, der in jungen Jahren einem Oliver Kahn nacheiferte ("hatte leider nicht das Talent") bereits diverse Projekte mit ambitionierten Zielen. Und der kluge Kopf weiß: Die schönsten Innovationen und besten Ideen im noch zu errichtenden "Harvard des Fußballs" (Bierhoff über die Akademie) helfen nicht, wenn das Wissen nicht in der Bundesliga, den Nachwuchsleistungszentren und bestenfalls irgendwann auch an der Basis umgesetzt wird.

Wichtig ist jetzt, alle ins Boot zu holen. Interessant, dass der mächtige Amateurvertreter Koch mit dem Auslaufen des Grundlagenvertrags 2023, der die Zahlungsströme zwischen Profi- und Amateurfußball regelt, eine neue Stoßrichtung vorschlug. Aus seiner Sicht besitzt der DFB "keinen geborenen Rechtsanspruch auf die Einnahmen aus dem Profifußball". Statt pauschal drei Prozent der Milliarden-Erlöse einzufordern, schlug er nun vor, "zweckgebundene Leistungen einzufordern, um die Mädchen und Buben zu fördern, die unsere Zukunft bilden". Sollte dieser Deal gelingen, könnte das ein Meilenstein sein - wenn es sich nicht um eine Alibiabgabe handelt, die im Promillebereich liegt.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Samstag, 28.09.19, ab 18 Uhr

Stand: 28.09.2019, 09:00

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