Rudi Völler - der jähzornige Sympathieträger

Rudi Völler im Interview

Ex-DFB-Teamchef feiert Geburtstag

Rudi Völler - der jähzornige Sympathieträger

Von Jörg Strohschein

Rudi Völler ist der Sympathieträger der (Fußball-)Nation. Weil er als Spieler, Trainer und Sportdirektor etliche Erfolge feierte, aber auch, weil ihn eine Eigenschaft von vielen anderen unterscheidet: seine öffentlich zur Schau gestellte Emotionalität. Am Ostermontag wurde er 60.

Es war ein Hype, der nicht nachlassen wollte: "Es gibt nur ein' Rudi Völler", sang Anfang der 2000er Jahre nahezu die gesamte Nation, wo immer der einstige Fußballprofi auch auftauchte. Als Völler als Trainer der Nationalmannschaft in Japan und Südkorea völlig überraschend mit einer überschaubar talentierten deutschen Mannschaft bis ins Finale einzog und dort unglücklich Brasilien (0:2) unterlag, war der neue Mythos vom "Unikat Völler" geschaffen. Völler hatte den letzten Schritt zum Auserwählten des deutschen Fußballs gemacht.

Dabei begann diese Legendenbildung bereits viel früher. Seit der WM 1990 in Italien hatte er diese Begeisterung der deutschen Fans geradezu aufgezwungen bekommen. Völler wurde damals mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister. Doch der eigentliche Hype um den gebürtigen Hanauer entstand bereits auf dem Weg zum größten Triumph seines sportlichen Lebens.

Rijkaards Spuckattacke

Im WM-Achtelfinale sah Völler Rot. Er hatte einen Ohrenzupfer sowie eine Spuckattacke des Niederländers Frank Rijkaard überstanden - ohne verwerfliche Reaktion. Völler musste aber trotzdem gemeinsam mit Rijkaard vom Feld. Nachdem der argentinische Schiedsrichter Losteau im späteren Spielverlauf auch noch Lothas Matthäus eine umstrittene Gelbe Karte zeigte, schimpfte Heribert Faßbender emotionsgeladen am ARD-Mikrofon: "Jagt ihn schnell in die Pampas, diesen Mann."

Handgreiflichkeiten im Kabinengang

Zwischen Völler und Rijkaard flogen im Kabinengang dann sogar die Fäuste, als der Niederländer erneut zum Lama mutierte. Aber es gehört zu Völlers Leben wie sein gut gehegter, mittlerweile weißer Lockenkopf, dass er Entschuldigungen annehmen und sich immer wieder vertragen konnte. Selbst mit Rijkaard, wenn auch in diesem speziellen Fall erst sechs Jahre später.

Rudi Völlers große Fußballkarriere - ein Rückblick in die 1980er Jahre Sportschau 12.04.2020 05:35 Min. Verfügbar bis 12.04.2021 Das Erste

Jähzorniger Sympathieträger

Diese charakterliche Größe lieben die Menschen an Völler. Auch deshalb ist diese Völler-Hymne entstanden, die ihn einst freute, die er aber nie so richtig verstehen konnte. Und die er mit den zunehmenden Jahren immer weniger hören mochte. Selbst einige Jahre später, als Völler seine Fußballschule auf Mallorca besuchte, flüchtete er vor der überbordenden Zuneigung und den immer wiederkehrenden Gesängen der Touristen. Es war ihm sichtlich unangenehm.

Rudi Völler ist zweifelsohne immer noch einer, wenn nicht der größte Sympathieträger der Fußball-Bundesliga. Er war einer der besten Torjäger aller Zeiten, gilt immer noch als bescheiden, als bodenständig und nahbar. Er ist aber auch seit jeher vom Jähzorn getrieben, kann aus der Haut fahren wie kaum ein anderer Funktionär.

Wutreden und Umarmungen

"Du warst auf allen Gebieten ein echter Vollblutstürmer" lobt ihn sein langjähriger Trainer bei Werder Bremen, Otto Rehhagel, zum 60. Geburtstag am Ostermontag (13.04.2020). "Ehrlich und gradlinig. Du hattest auch immer deine Meinung. Aber wir lagen zum Glück meistens auf einer Wellenlänge." Völler trägt seine Emotionalität auf der Zuge - manchmal bis an die Schmerzgrenze. Das unterscheidet ihn von von den meisten übrigen Fußball-Funktionären in diesem Land, die sich zumeist jegliche Form von öffentlich ausgetragener Erregung selbst verbieten.

"Scheißdreck, Weizenbier, unterste Schublade" - Völlers Wutrede als DFB-Teamchef WDR 12.12.2003 11:17 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR

"Kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören"

Wer das nicht glauben mag, der sollte unter anderem beim ehemaligen ARD-Moderator Waldemar Hartmann nachfragen. Der hatte im Jahr 2003 die gesamte Wut Völlers zu spüren bekommen, als er als Teamchef der Nationalmannschaft das furchtbare Spiel seiner Elf auf Island (0:0 in der EM-Qualifikation) kommentieren sollte. "Immer diese Geschichte mit dem Tiefpunkt und noch 'nem Tiefpunkt, dann gibt’s noch mal 'nen niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören", schimpfte Völler zunächst in Richtung der ARD-Kommentatoren Gerhard Delling und Günter Netzer, die sich in einem anderen Fernseh-Studio befanden.

Die Sache mit dem Weizenbier

Und auch Hartmann bekam noch sein Fett weg: "Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker." Aber auch manch ein Bundesliga-Schiedsrichter weiß sein ganz eigenes Lied davon zu singen, wenn Bayer-Sportdirektor Völler wieder einmal vor Spielende von der Leverkusener Haupttribüne durch die Katakomben ins Stadioninnere sprintete, um dem Schiedsrichter ungeschminkt seine Auffassung von der Leistung des Regelhüters kundzutun.

Eitel und nachgiebig

Was Völler aber stets gelingt, ist, dass er seine Empörung drosseln und sogar verdrängen kann. Er nimmt seine Kontrahenten mit einiger Zeitverzögerung dann nicht nur verbal in den Arm. Vor allem dann, wenn er gemerkt hat, dass er über das Ziel hinausgeschossen ist. Es ist nicht so, dass Völler uneitel ist - im Gegenteil. Aber er kann auf seine vermeintlichen Gegenspieler zugehen.

Diese Eigenschaft hat er sich über die vielen Jahre im Profigeschäft und trotz des großen Ruhms bewahrt. Und das ist wohl auch das eigentliche Geheimnis seiner über die Landesgrenzen hinaus bestehenden Beliebtheit.

Rudi Völler kann nicht aus seiner Haut - und er versucht es auch gar nicht erst. Auch wenn er zuletzt versucht hat, sich ein wenig mehr aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Jüngst hat Völler angekündigt, dass er seinen Vertrag bis 2022 nun doch erfüllen will. Er bleibt der Bundesliga - auch ohne Völler-Hymne - noch erhalten.

Stand: 13.04.2020, 08:00

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