Bundesliga in Angst vor nächster Coronapause

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke

Watzke kritisiert Politik

Bundesliga in Angst vor nächster Coronapause

Die Fallzahlen an Coronainfizierten steigen deutlich an, die Fußballfans werden wieder aus den Stadien verbannt, und auch bei den Profis häufen sich die Infektionen: Die Bundesliga steht wegen der Pandemie vor einem schwierigen Herbst mit vielen Fragezeichen.

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke thematisierte am Wochenende des vierten Spieltags gar das Worst-Case-Szenario für den Profifußball. "Es muss weitergehen. Wir brauchen zumindest diese Geisterspiele. Wenn wir die auch nicht mehr haben sollten, dann wird es ganz eng", sagte Watzke im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF am späten Samstagabend (17.10.2020).

Eine abrupte Unterbrechung wie Mitte März steht akut trotz einer Rekordzahl an Neu-Infektionen zwar nicht zu befürchten. Vereine und Verantwortliche werden sich aber dennoch auf Probleme einstellen müssen, die sie beim Saisonstart im September noch mit viel Optimismus beiseitegeschoben hatten.

"Es ist nicht gut zu reisen"

Ein Auszug des Wochenendes: Mehrere Profis, darunter Torjäger Andrej Kramaric von der TSG Hoffenheim, fehlten, weil sie sich in der Länderspielpause infiziert hatten. Die mit der Politik in harten Verhandlungen erkämpfte Zahl von 20 Prozent Zuschauern war nur noch in einem von neun Bundesliga-Stadien möglich, und in der 2. Liga wurde schon zum zweiten Mal in dieser Spielzeit eine Partie verlegt.

Alarmierend wirkten die Worte von Dortmunds Trainer Lucien Favre. "Wir müssen weiter probieren zu spielen, so lange wie möglich", sagte der Schweizer. Er geht von weiteren Fällen aus und fügte an: "Es ist nicht gut, zu reisen."

Hoeneß und Favre kritisieren Reisen und Terminkalender Sportschau 17.10.2020 02:03 Min. Verfügbar bis 17.10.2021 Das Erste

Doch während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Bürger angesichts der dynamischen Lage am Samstag dazu aufrief, Kontakte zu beschränken und weniger zu reisen, sieht der Plan vieler Klubs in den nächsten Wochen so aus: Europapokal-Reisen, häufig in Risikogebiete, und schon im November der nächste Dreierpack an Länderspielen, der oftmals weite Wege quer über den derzeit von Corona geplagten Kontinent erfordert.

Rosen und Krösche denken über Abstellungsboykott nach

Genau an diesen Länderspielen stören sich einige Bosse in der Liga. Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen, den es mit drei Corona-Ausfällen nach der Länderspielpause am härtesten traf, forderte ein Umdenken. "Das ist ein Ausrufezeichen, das wir jetzt mal setzen müssen, vielleicht als Liga, vielleicht über die DFL, dass wir in der nächsten Abstellungsperiode anders agieren", sagte Rosen bei "Sky". Zur Not müsse man "intensiver drüber nachdenken, die Jungs nicht gehen zu lassen", fügte der Funktionär an.

Es sei "völliger Irrsinn, dass Mannschaften in einer solchen Phase wie wild durch die Gegend reisen und in Risikogebiete fliegen", sagte Sportchef Horst Heldt vom 1. FC Köln dem "Sportbuzzer": "Es sind die Vereine, die die Spieler bezahlen, nicht die Verbände."

Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche sieht die Situation ähnlich: "Wenn man die steigenden Zahlen sieht, muss man sich schon Gedanken machen, ob es in der nächsten Abstellungsperiode Sinn macht, abzustellen."

Stuttgarts Mislintat zeigt Verständnis

Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat warb für gegenseitiges Verständnis: "Ganz ehrlich: Ich finde, wir müssen es einfach so nehmen, wie es kommt. Wir können jetzt nicht jede Woche darüber diskutieren, wenn es uns betrifft, dass ein Nationalspieler mal zwei oder drei Spiele machen muss."

Ärger um Hin und Her bei Corona-Regeln | No Sports!? #21 sport inside 14.10.2020 11:28 Min. Verfügbar bis 14.10.2021 WDR Von Marc Schlömer

Die Gefahr einer Ansteckung oder Quarantäne nach Reisen sah Mislintat nicht als größer an als in anderen Lebensbereichen: "Wenn ein Spieler von uns von der Nationalmannschaft zurückkommen sollte, und er ist positiv - seien wir mal ehrlich: Das kann auch passieren, wenn er auf dem Schlossplatz ein Eis isst. Wir müssen da schon ein gesundes Maß finden, und das machen die meisten."

Europapokal okay, Länderspiele nicht

Bei den Vereinen klingt zwischen den Zeilen stets durch: Europapokal-Reisen ins Risikogebiet sind okay, da müssen Länderspiele nicht auch noch sein. Dass die Verbände den Ligen im Frühjahr mit ihrer Verschiebung der Europameisterschaft ins Jahr 2021 entgegengekommen sind, scheint bei einigen Verantwortlichen bereits wieder verdrängt.

Zuschauerfrage ein Reizthema

Außer infizierten Spielern bleibt vor allem die Zuschauerfrage ein Reizthema. Watzke rechnete im ZDF anschaulich vor, was die gestiegenen Coronazahlen für die Vereinskasse seines BVB bedeuten: "Wir haben eine riesige Kostenstruktur, und wir müssen irgendwann Geld einnehmen. Das war jetzt wieder ein Rückschlag, dass wir ohne  Zuschauer spielen müssen. Schalke (Bundesligaspiel am 24.10., d. Red.) wird uns eine Million kosten, gegen Sankt Petersburg (Champions League am 28.10.) das gleiche." Bei der aktuellen Entwicklung ist zudem nicht damit zu rechnen, dass die Klubs ihre Zuschauerzahlen in Richtung Adventszeit schnell wieder erhöhen können.

In den Tenor mancher Funktionärskollegen, dass man wegen der gründlichen Hygienekonzepte auch bei Grenzwert-Überschreitungen mit Publikum spielen könne, wollte Watzke nicht einstimmen. "Wir haben ein Konzept vorgelegt und haben der Politik diese 35 als Zahl angeboten", sagte er mit Blick auf den Inzidenzwert, der die Zahl der infizierten Menschen der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner angibt. "Verlässlichkeit heißt, dass wir zu dem Angebot, das wir gemacht haben, stehen und nicht jetzt schon wieder versuchen, nachzuverhandeln", fügte Watzke an.

"Populistisches Fußball-Bashing teilweise aus der Bundesregierung"

Einen Seitenhieb auf die Politik konnte er sich trotzdem nicht verkneifen. Der BVB-Boss kritisierte das seiner Ansicht nach "populistische Fußball-Bashing", das zuletzt "teilweise aus der Bundesregierung" gekommen sei. "Ich fand es nicht zielführend", sagte Watzke über eine Merkel-Aussage zur Bedeutung des Fußballs, die er aber nicht mehr konkret in Erinnerung hatte.

Merkel hatte in der Vorwoche gesagt: "Man kann überlegen, ob man bei Fußballspielen weniger Leute oder gar keine hereinlässt." Watzke mahnte: "Wir müssen nicht die Frage nach Wichtigkeit stellen, sondern die nach Gefährdungspotenzial."

dpa, sid, red | Stand: 18.10.2020, 15:52

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