Bayerns Vorstoß stößt auf Ablehnung

Herber Hainer und Jochen Schneider

Zweite Mannschaften in 2. Liga?

Bayerns Vorstoß stößt auf Ablehnung

Von Marcus Bark

Bayern Münchens Präsident Herbert Hainer hat angeregt, dass zweite Mannschaften künftig auch in der 2. Liga spielen dürfen. Das stößt bei DFL-Klubs auf Ablehung. "Diesen Vorschlag kann ich überhaupt nicht unterstützen", sagte Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider.

Ein Meister soll auch aufsteigen. Es sorgte in den vergangenen Jahren häufig zu Verstimmungen, dass dieser Grundsatz in den Regionalligen außer Kraft gesetzt wurde.

In der gerade abgeschlossenen Saison erwischte es den 1. FC Lokomotive Leipzig. Der Klub war zwar wegen des coronabedingten Abbruchs auch nur aufgrund des besten Punkteschnitts zum Meister erklärt worden, ärgerte sich aber dennoch mächtig über die Niederlage in der Relegation gegen den SC Verl, der dadurch in die 3. Liga aufstieg.

Anstoß mit Verspätung

In jener 3. Liga stieg der Meister auch nicht auf. Niemand regte sich jedoch darüber auf, denn im Verantwortungsbereich der Deutschen Fußball Liga (DFL), also der Bundesliga und 2. Liga, darf nur jeweils eine Mannschaft eines Lizenznehmers spielen. Die Statuten verhinderten dadurch den Aufstieg des Meisters FC Bayern München II.

Bayerns Präsident Herbert Hainer

Bayerns Präsident Herbert Hainer

Mit leichter Verspätung meldete sich aber dann doch jemand zu Wort, der diese Statuten gerne geänderte sähe. Herbert Hainer (Foto, oben), Präsident des FC Bayern München, erklärte im Interview mit dem eigenen Klubmagazin: "Es ist verständlich, dass nicht zwei Mannschaften von einem Klub in einer Liga spielen dürfen. Aber beispielsweise in Liga eins und zwei - warum denn nicht?"

Zweite Mannschaften wenig attraktiv

Die Antwort der ablehnenden Fraktion wird er sich denken können. Vereine wie Hannover 96, der Karlsruher SC und FC St. Pauli werden kaum darauf aus sein, dass ihnen Zweitvertretungen aus München, Hoffenheim oder Wolfsburg den Platz streitig machen. Außerdem gelten Spiele gegen zweite Mannschaften als wenig attraktiv, haben also weniger Zuschauer zur Folge. Jürgen Wehlend, der Geschäftsführer des VfL Osnabrück erklärt dementsprechend "Der deutsche Profifußball braucht schon lange tiefgreifende Reformen. Der Vorschlag von FCB-Präsident Hainer gehört ganz sicher nicht dazu. Denn dieser hat nichts mit der von vielen Seiten geforderten sportlichen Integrität des Wettbewerbs zu tun. Vertragsamateure der DFL-Lizenzklubs sollten entweder wie in England in einem eigenen Ligensystem spielen oder einer neu zu schaffenden 4. Liga zwischen den 5 Regionalligen und der 3. Liga, die – wie zuletzt in der Erfolgssaison 2018/19 – auch gut ohne die Zweitvertretungen der Bundesligisten auskommt. Alles andere wäre eine weitere Wettbewerbsverzerrung."

Wie Wehlend hat sich in den vergangenen Jahren immer mal wieder jemand zu Wort gemeldet, der befürwortete, zweite Mannschaften auch nicht für die tiefste deutsche Profiliga zuzulassen. Diese Diskussion ebbte jedoch ab, da sich die Zahl der Zweitvertretungen erheblich verringerte. In der abgelaufenen Saison war es beispielsweise nur der FC Bayern. Die Münchner wurden also als Aufsteiger Meister, dabei hatten sie nach der Hinrunde nur auf dem 15. Tabellenplatz gestanden.

Abgebügelt

"Ein Leistungssportler strebt nach dem Maximum - und will aufsteigen, wenn er aufsteigen kann. Ich denke, dass man sich da in Deutschland durchaus mal Gedanken machen sollte", begründete Herbert Hainer seinen Vorstoß, der aber prompt von prominenter Seite abgebügelt wurde.

Jochen Schneider, Sportvorstand des FC Schalke 04.

Jochen Schneider lehnt den Vorschlag Hainers rigoros ab.

"Ich habe allergrößten Respekt vor Herbert Hainer, aber diesen Vorschlag kann ich überhaupt nicht unterstützen. Die 1. und 2. Bundesliga müssen den Lizenzmannschaften der Profivereine vorbehalten sein und nicht den Zweitvertretungen - gerade und auch im Interesse der Zweitligisten", sagte Jochen Schneider, der Sportvorstand des FC Schalke 04 in einer Umfrage der Sportschau unter den Klubs aus dem DFL-Bereich. Die 3. Liga habe sich inzwischen "als höchste Spielklasse für Reserve-Teams bewährt".

In Bremen sind sie ebenfalls skeptisch. "Der SV Werder Bremen ist mit der derzeitigen Kompromisslösung, dass zweite Mannschaften in der 3. Liga spielen können, sehr zufrieden. Mit einer Änderung dieser Regelung beschäftigen wir uns derzeit nicht", teilte der Klub mit.

"Verwässerung des Wettbewerbs"

Auch beim 1. FC Heidenheim findet Hainers Denkanstoß keine positive Resonanz. Der Zweitligist, der nur knapp in der Relegation am Aufstieg in die Bundesliga scheiterte, teilte mit: "Wir verfolgen die aktuelle Diskussion natürlich, sehen aber keinen Grund an der derzeitigen Regelung Änderungen vorzunehmen." Heidenheim habe 2014 sogar die zweite Mannschaft abgemeldet, um die Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum in den Vordergrund zu rücken. "Bei uns gibt es keinerlei Pläne, dieses Konzept zu ändern", schrieb der 1. FC Heidenheim weiter.

Auch der SSV Jahn Regensburg sieht den Vorstoß skeptisch. Christian Keller, Geschäftsführer Profifußball, teilte mit: "Herbert Hainers Vorschlag, dass auch zweite Mannschaften an der 2. Bundesliga teilnehmen sollen, ist aus der Perspektive des FC Bayern sicher nachvollziehbar und gut gemeint. Aus Sicht des SSV Jahn ist diese Aufweichung allerdings nicht zielführend. Sie würde allen voran zu einer Verwässerung des Wettbewerbs führen."

Unterstützung für sein Anliegen erfährt Herbert Hainer dagegen vom Sportlichen Leiter des SV Sandhausen, der sich prinzipiell vorstellen kann Zweitvertretungen auch in der 2. Liga spielen zu lassen. Dafür stellt Mikayil Kabaca allerdings Bedingungen. Er fordert eine Altersbegrenzung dieser Mannschaften und die Nichtberücksichtigung bei der Verteilung der Fernsehgelder.

Fünf Bundesligisten ohne zweite Mannschaft

Von den künftigen 18 Bundesligisten haben 13 eine zweite Mannschaft für den Spielbetrieb gemeldet. Mit Ausnahme der Bayern spielen sie jeweils in der Regionalliga. Fünf Vereine haben keine Zweitvertretung mehr. Diese war bis einschließlich der Saison 2013/14 für eine Lizenzerteilung notwendig. Als das Statut geändert wurde, meldete Eintracht Frankfurt seine U23 sofort ab. Es gab im vergangenen Winter zwar Pläne, zur kommenden Saison wieder eine zweite Mannschaft zu melden, diese wurden aber auch wegen der durch die Corona-Krise gesunkenen Einnahmen verworfen.

Bundesligisten und ihre Zweitvertretungen
Vereinzweite Mannschaft ja/neinLiga
FC Bayernja3. Liga
Borussia DortmundjaRegionalliga
RB Leipzignein
Bor. MönchengladbachjaRegionalliga
Bayer Leverkusennein
TSG HoffenheimjaRegionalliga
VfL WolfsburgjaRegionalliga
SC FreiburgjaRegionalliga
Eintracht Frankfurtnein
Hertha BSCjaRegionalliga
1. FC Union Berlinnein
FC Schalke 04jaRegionalliga
1. FSV Mainz 05jaRegionalliga
1. FC KölnjaRegionalliga
FC AugsburgjaRegionalliga
Werder BremenjaRegionalliga
Arminia Bielefeldnein
VfB StuttgartjaRegionalliga

Als Argument für eine Zulassung von zweiten Mannschaften für die zweithöchste Spielklasse führte Herbert Hainer das spanische Modell an. Dort wäre es möglich, dass die Reserven in der "Segunda" spielen. Es war auch etwa bei Real Madrid und dem FC Barcelona der Fall. Inzwischen spielen die beiden Mannschaften aber in der dritten Liga, die in Spanien in regionale Divisionen unterteilt ist.

Geschlossene Gesellschaft in England

In England darf nur eine Mannschaft pro Verein in einer der vier Profiligen spielen. Dafür gibt es ein Ligensystem für die zweiten Mannschaften von Profiklubs, in dem sie sich ausschließlich untereinander begegnen. Ein solches Modell wurde auch in Deutschland mal ins Spiel gebracht. Zur Abstimmung stand es aber nie.

Die Initiative müsste von einem Klub kommen, der dann Unterstützer findet, um in der DFL-Versammlung eine Mehrheit zu finden. Genau so wäre auch der Weg für den Vorschlag Hainers. Noch findet sich aber niemand, der die Debatte im Sinn des Bayern-Präsidenten mit anschieben möchte.

Weitere Reaktionen aus der 1. und 2. Bundesliga

RB Leipzig teilte auf Sportschau-Nachfrage mit, man werde eine wie auch immer geartete Entscheidung über die Meldung einer 2. Mannschaft nicht von dieser Statuten-Änderung abhängig machen.

Greuther Fürth sieht zweite Mannschaften in der 2. Bundesliga kritisch. Sportdirektor Rachid Azzouzi: "Die Aussage zeigt, dass die Top-Vereine in ihrer eigenen Blase leben und lässt mich befürchten, dass trotz der aktuellen Umstände während der Corona-Pandemie leider wenig Verständnis für ihre 'kleineren Mitstreiter besteht." Er gehe davon aus, dass die Münchener Zweitvertretung bei einem Aufstieg finanziell zum Spitzenfeld gehören würde und somit ein anderer Verein aus dem Wettbewerb verschwinden würde. Azzouzi weiter: "Letzten Endes würde Herbert Hainers Vorschlag dazu führen, dass die Schere zwischen den Top-Vereinen der Bundesliga und den finanziell schwächer aufgestellten noch größer wird."

Stand: 20.07.2020, 10:44

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