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In der Schuldenfalle - Wie Fußballer erpressbar werden

Beispiel Dominique Taboga

In der Schuldenfalle - Wie Fußballer erpressbar werden

Von Michael Ostermann und Benjamin Best

Der ehemalige Fußballprofi Dominique Taboga wurde 2014 wegen der Manipulation von Fußballspielen in Österreich verurteilt. Seine Geschichte ist exemplarisch dafür, wie Fußballer in die Fänge der Wettmafia geraten.

Am Ende gab es nur noch einen Ausweg: die Polizei. Als der Druck der Erpresser immer größer wurde und sein Verein ihm auf die Spur gekommen war, weil er in die Mannschaftskasse gegriffen hatte, beschloss Dominique Taboga sich zu stellen. Den Betrug zu gestehen, den er über Jahre verheimlicht hatte. Und der ihm den Schlaf raubte, weil die Leute, mit denen er sich eingelassen hatte, drohten seiner Familie etwas anzutun. Da war der Fußballprofi längst erpressbar geworden, weil er Spiele manipuliert hatte - für die Wettmafia.

Schulden und Geldgier

"Im Nachhinein betrachtet waren zwei Tabogas auf der Welt", sagt Taboga heute. Der Sportler, der sehr, sehr fokusiert war, der gut trainierte. Der Fußballprofi, der sich modisch kleidete, gut aussah und keinen öffentlichen Auftritt scheute, weshalb man ihm und seiner damaligen Frau auf dem Boulevard das Etikett "Beckhams von Österreich" anheftete. Doch dann war da noch der Fußballer, der nachts nicht schlief. Der grübelte und dessen Puls in Wallungen geriet, wenn das Telefon läutete, weil er der Wettmafia Geld schuldete.

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Akte Wettmafia | Das Erste | Mittwoch, 19. Dezember um 23.45 Uhr
Ein Film von Benjamin Best

Schulden und Geldgier sind der Schlüssel für die organisierten Wettbetrüger, wenn es darum geht Fußballer dazu zu bringen, Spiele zu manipulieren. Oft sind es Wettschulden, die die Spieler erpressbar machen. Denn obwohl Profis das Wetten untersagt ist, zocken viele von ihnen ständig. "Sportwetten sind ein riesengroßes Thema. Ich sage mal so: Jeder wettet", sagt Taboga. In den Pausen zwischen zwei Trainingseinheiten sei er oft auf einen Kaffee ins Wettbüro gefahren. "Man sieht das Wettprogramm, man wettet." Auch in Deutschland wetten viele Profis. Ihre Spielsucht oder Wettschulden sind der perfekte Nährboden für eine fatale Beziehung.

Das erste Mal war leicht

Marijo Cvrtak war einer der Drahtzieher im größten Wettskandal des deutschen Fußballs. Die Ermittlungsarbeit der Sonderkommission Flankengott legte 2009 die kriminelle Dimension im Fußball offen. Es ging um rund 200 manipulierte Spiele im In- und Ausland. Auch der Name Taboga tauchte in den Akten auf. Cvrtak wurde 2011 vom Landgericht Bochum zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Prozess gestand er, 60 Spiele manipuliert zu haben - mit Hilfe von Fußballprofis.

Mindestens fünf Profis aus der Bundesliga wetteten bei ihm. "Es waren die, die regelmäßig gewettet haben. Der ist dann praktisch ein potentielles Opfer", sagte Cvrtak der ARD nach seiner Haftentlassung im vergangenen Jahr. Es sei nicht wichtig, wie viel Geld einer verdiene, sondern wie derjenige mit Geld umgehe. Welchen Lebenswandel er habe. "Die haben es gemacht, damit sie Geld verdienen, wir haben es gemacht damit wir Geld verdienen. Es ging nur ums Geld."

Auch bei Dominique Taboga ging es ums Geld. 2004 war er das erste Mal an einer Spielmanipulation beteiligt. Damals spielt er seine zweite Saison als Profi beim DSV Leoben in der zweiten österreichischen Liga. Ein Mitspieler, mit dem er gut befreundet ist, spricht ihn an, ob er nicht helfen wolle, das Spiel gegen den SV Ried zu verschieben. Ried müsse gewinnen. Die Sache scheint einfach, denn Ried ist eh der große Favorit. "Wir waren schlecht drauf. Ried hat alles zerschossen in der Liga. Da weiß man, da brauchen wir einen Sterntag als Mannschaft und Ried einen grottenschlechten Tag", sagt Taboga der ARD. "Eigentlich war für uns klar, dass wir nichts machen müssen, weil wir diese Partie sowieso verlieren und wir haben nur als Sicherheit auf dem Platz gestanden."

Von der Wettmafia bedroht

Damals verdient Taboga 1.200 Euro im Monat plus Punkteprämien. Für die Niederlage gegen Ried gibt es 7.000 Euro von der Wettmafia. "Geld war die Antriebsfeder und so bin ich eigentlich zu dem schnellen Ja gekommen", sagt Taboga. Tun muss er damals nichts dafür, das Spiel geht rein sportlich verloren. Das schlechte Gewissen hält sich deshalb in Grenzen. Das Geld bekommt Taboga von einem der Mitspieler in einer DVD-Hülle überreicht. Er ist angefixt. Weitere Manipulationen folgen, die Gewinne steigen. Kontakt zu den Hintermännern hat Taboga nicht. Das ändert sich erst, als eine Manipulation schiefgeht.

Ein Spiel bei RB Salzburg. Taboga spielt inzwischen beim Kapfenberger SV. Wieder scheint die Sache einfach. Salzburg ist der führende Verein in Österreich, Kapfenberg der Außenseiter. Doch der gewinnt das Spiel 2:0. Die Wettmafia verliert Geld, viel Geld. Taboga muss Rechenschaft ablegen. In einem dubiosen Hotel trifft er zwei Hintermänner aus Albanien und wird per Sykpe mit einem Drahtzieher verbunden. Der Schaden sei wiedergutzumachen, fordert der. Das gelingt mit dem nächsten manipulierten Spiel, aber aus den Fängen der Wettmafia kommt Taboga nicht mehr heraus. "Auszusteigen war keine Möglichkeit", sagt er.

In der Falle

So muss er immer weiter manipulieren. Doch bei jedem Spiel gibt es die Gefahr des Scheiterns und damit die Angst vor der Reaktion der Wettmafia. "Gerade zum Schluss sind sehr, sehr viele Manipulationen schief gegangen. Ich wurde gezwungen und konnte mir die Manipulationen nicht mehr aussuchen. Am Schluss war ich nur noch alleine oder höchstens ein zweiter Spieler war involviert. Und natürlich ist dann ein größerer Geldschaden entstanden", sagt Taboga.

Seine Schulden wachsen. Verzweifelt versucht er, das nötige Geld aufzutreiben, aber es ist immer zu wenig. Die Wettmafia bedroht ihn, kündigt an seiner Familie einen Besuch abzustatten, wenn er beim Training ist. Er denkt an Selbstmord.

Am Ende belaufen sich Tabogas Schulden auf 120.000 Euro. Er bedient sich in der Mannschaftskasse, die er verwaltet und die mit 5.000 Euro gefüllt ist. Der Diebstahl bleibt im Klub nicht unentdeckt. Taboga wird zur Rede gestellt. "Der einzige Ausweg war zur Polizei zu gehen, meine Karriere zu beenden, um einen Schlussstrich zu ziehen. So ist es dann auch gekommen. Im Nachhinein gesehen Jahre zu spät", sagt er. Im August 2014 wird Taboga in Graz der Prozess gemacht. Er wird zu einem Jahr Haft plus zwei Jahre auf Bewährung verurteilt.

Tabogas Fall ist beispielhaft dafür, wie Fußballer erpressbar werden können. Ein Einzelfall ist er nicht. Die Wettmafia hat leichtes Spiel - auch heute noch. "Es hat sich doch nichts geändert. Wenn ich das machen möchte, dann wäre es heutzutage genauso einfach wie früher", glaubt der verurteilte Wettbetrüger Marjio Cvrtak, der seine Strafe inzwischen abgesessen hat. "Fußballspieler gibt es doch wie Sand am Meer. Irgendwo beißt schon einer an."

Stand: 18.12.2018, 10:59

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