Grafik: Akte Wettmafia

Armenische Wettmafia auch in Deutschland aktiv

Hand und Wettscheine

Europaweites Netzwerk

Armenische Wettmafia auch in Deutschland aktiv

Von Benjamin Best

Der Betrug funktioniert europaweit. Die armenische Mafia ist international tätig, wenn es um Wettmanipulation im Sport geht. Sie ist nach ARD-Recherchen auch in Deutschland aktiv.

Die armenische Mafia gilt als eine der gefürchtetsten und gefährlichsten Gruppierungen der organisierten Kriminalität. Es ist ein europaweites, kriminelles Netzwerk, das auch in Deutschland aktiv ist. Als illegalen Geschäftszweig betreibt diese armenische Mafia Wettmanipulationen im Fußball, Handball, Basketball und Tennis. Die ARD hat von einem Informanten eine brisante Liste zugespielt bekommen: 28 Wetten, gesetzt an drei Tagen durch Mitglieder der armenischen Mafia in Deutschland. Jede einzelne Wette hat gewonnen.

Auch in Deutschland aktiv

Die Liste zeigt detailliert, wie die Wettmafia vorgeht: die gesetzten Beträge und die jeweiligen Wettgewinne. Die genaue Uhrzeit, also wann die Wetten platziert wurden. Und auch welche Partien und Sportarten manipuliert wurden. Damit unser Informant nicht enttarnt werden kann, dürfen wir die genauen Details nicht nennen. Nur so viel: Die Liste ist nachweislich authentisch. Gewettet wurde auf Fußballspiele in Armenien und im asiatischen AFC-Cup, nach der asiatischen Champions League der zweitwichtigste Fußball-Wettbewerb in Asien. Auch Tennispiele der Damen und Herren auf der Profitour, russische Handball- und Basketballspiele sind darunter.

"Die Armenier wetten auf ganz viele Sportarten. Sie haben Kontakte zu Fußballprofis, Basketballprofis, Handball. Tennisspieler – Männer und Frauen. Volleyball. Das ist unfassbar. Und häufig sind es Sportler aus dem Ostblock. Aber andere Nationalitäten sind auch oft dabei. Zum Beispiel im Tennis", berichtet der anonyme Informant, der sich in diesem kriminellen Milieu bestens auskennt. Der Informant kennt die kriminellen Verbindungen der armenischen Mafia in den Sport. Und er weiß, wie sie grenzüberschreitend agiert.

Dass die armenische Mafia auch von Deutschland aus aktiv ist und im großen Stil Sportler besticht, bestätigt auch Michael Bahrs. Er war Gründungsmitglied der "Soko Flankengott", die vor zehn Jahren mit ihren Ermittlungen zu Wettmanipulationen im Fußball begann. Bahrs gehört heute zu den renommiertesten Experten auf dem Gebiet Wettbetrug im Fußball. Dank seiner langjährigen Ermittlungsarbeit hat er ein weltweites Netzwerk an Informanten aufgebaut, von denen er immer noch viele Hinweise zu vermeintlich manipulierten Spielen bekommt. "Es ist richtig, dass armenische Tätergruppierungen hier am Werk sind und sich hier in Deutschland finanzieren. Da geht es um Wettbetrug", sagt Bahrs.

Fixer, Runner und im Mittelpunkt die Paten

Meistens geht es dabei um Spiele weit weg von der großen Bühne. Mit Sportlern, die wenig verdienen. Das ist der Rahmen für die Manipulation. Der anonyme Informant erklärt, wie der Betrug der armenischen Mafia in Deutschland umgesetzt wird: "Sie bekommen die manipulierten Spiele über verschlüsselte Nachrichten-Apps aufs Handy. Manchmal sitzen sie stundenlang in Wettbüros rum. Aber wenn die Spiele kommen, dann schwärmen sie aus wie Bienen und wetten auf diese Spiele in verschiedenen Wettbüros. Anonym. So läuft es dann in vielen Städten in ganz Deutschland ab."

Laut Informant sind die Wettsyndikate in mehrere Ebenen unterteilt. Im Mittelpunkt die Paten. Sie geben den Auftrag zur Manipulation an sogenannte Fixer weiter. Diese kontaktieren und bestechen Sportler, Funktionäre und Schiedsrichter. Die sogenannten Runner platzieren dann Wetten in Wettbüros. Der große Vorteil: Sie können anonym agieren, denn die Wettbüros verlangen keine Kontaktdaten. Je größer das Netzwerk der Runner, desto mehr Wetten können gesetzt werden - umso größer die illegalen Gewinn der Syndikate.

Vor allem Fußballspiele in Südosteuropa seien betroffen. Es handle sich vor allem um sogenannte Live-Wetten, also Wetten während des Spiels. "Bei diesen Spielen müssen die Wetten schnell gesetzt werden. Deshalb brauchen sie viele Soldaten. So können sie pro Anbieter zwar nur zwischen 300 und 500 Euro pro Spiel unterkriegen. Aber die Masse macht es. Ein aufmerksamer Wettanbieter reagiert dann und senkt die Wettquoten oder nimmt die Spiele gleich aus dem Angebot. Wenn das passiert, ziehen sie weiter zum nächsten Anbieter. Das ist wirklich gut organisiert."

Weltweite Verbindungen

Im vergangenen Juni gelang den belgischen Behörden ein Schlag gegen die armenische Wettmafia. Rund um Brüssel kam es zu 21 Hausdurchsuchungen. Sechs Armenier wurden danach angeklagt. Es geht um Wettmanipulation im Tennis. Doch Belgien ist in diesem Fall nur ein Schauplatz von vielen. Die Verbindungen sind weltweit: Auch in den USA, Frankreich, Bulgarien, der Slowakei und den Niederlanden führte die Polizei Razzien durch. In Deutschland gab es ebenfalls Durchsuchungen.

"Die Armenier hier in Deutschland haben Kontakt zu Armeniern in Belgien. Sie haben Informationen über Manipulationen ausgetauscht. Nach den Razzien im Sommer hatten sie für ein paar Wochen keinen Kontakt. Jetzt habe ich mitbekommen, dass alles so wie vorher läuft. Nach zwei drei Monaten haben die sich komplett neu aufbauen können. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei Neue. So ist das", sagt der Informant. Mit den manipulierten Wetten, so schätzt der Insider, macht die Mafia pro Woche sechsstellige illegale Gewinne.

Stand: 19.12.2018, 14:05

Darstellung: