Grafik: Akte Wettmafia

Ermittler Bahrs - "Es muss ein Umdenken stattfinden"

Interview mit Bochumer Ermittler

Ermittler Bahrs - "Es muss ein Umdenken stattfinden"

Michael Bahrs war Gründungsmitglied der "SoKo Flankengott". Zehn Jahre nach Beginn der Ermittlungen gehört er zu den renommiertesten Experten auf dem Gebiet Wettbetrug im Fußball. Dank seiner langjährigen Ermittlungsarbeit hat Bahrs ein weltweites Netzwerk an Informanten aufgebaut. Im Interview mit der ARD kritisiert er, das mangelnde Bewusstsein vieler Ermittler und Verbände für die Gefahren der Wettmanipulation.

Herr Bahrs, welche Bilanz ziehen Sie zehn Jahre nach Beginn Ihrer Ermittlungsarbeit?

Michael Bahrs: Innerhalb dieser zehn Jahre hat sich nicht wirklich viel Gutes getan. Von daher ist mein Fazit nach wie vor unverändert negativ. Das liegt nicht an meiner Emotion oder meiner Motivation, etwas zu bewegen. Sondern daran, wie wir uns aufstellen bei diesem Thema. Sowohl die Ermittlungsbehörden, wie auch die Fußballverbände. Da wird so gut wie gar nichts gemacht. Das sind Fakten, mit denen ich selber immer wieder klar kommen muss, weil ich nach wie vor Informationen bekomme und Ermittlungsverfahren zu generieren versuche.

Ermittler Bahrs - "Es muss ein Umdenken stattfinden" Sportschau 18.12.2018 00:47 Min. Verfügbar bis 19.12.2019 Das Erste

Was heißt das konkret?

Bahrs: Es wird aus meiner Sicht versäumt, dieses kriminalistische Phänomen ernst zu nehmen. Damit fängt das Ganze schon an. Dabei geht es gar nicht um dieses eine manipulierte Spiel, sondern um organisierte Tätergruppierungen, die dahinter stecken. Wenn diese Tätergruppen Geldautomaten aufsprengen, ist das Geschrei groß. Wenn die aber irgendwo im Rahmen von match-fixing jemanden erpressen, ist es erstmal nur Fußball. Da gibt es gar keine Priorität. Es geht aber gar nicht um Fußball. Fußball ist das Mittel zum Zweck, um kriminelle Dinge durchzusetzen. Das Problem ist eigentlich, dass es für die Leute mittlerweile so einfach ist. Darum switchen die um. Warum soll sich jemand, der im Drogenhandel tätig war, dieser Gefahr noch aussetzen, wenn er einfach mal ein paar Spiele manipulieren kann? Wir haben die Pflicht, darauf zu reagieren. Deshalb müsste man die Wertigkeiten neu überdenken. Ermittlungsgruppen gründen, eine Generalstaatsanwaltschaft installieren. Man müsste diese Fälle komplett anders bewerten, als man es derzeit tut.

Was machen Sie denn, wenn Sie Informationen zu einem möglichen Wettbetrug erhalten?

Bahrs: Aufgrund des föderalistischen Systems bin ich verpflichtet zu prüfen, ob wir in Bochum zuständig sind. Bochum ist aber in den meisten Fällen nicht zuständig. Meist ist es jetzt so, dass diese Fälle dann dem BKA übergeben werden. Und das BKA hat dann zu entscheiden, was passiert. Bochum ist normalerweise in der Strafverfolgung bzw. in die Ermittlungen überhaupt nicht mehr eingebunden. Das halte ich für einen Fehler, weil man sich hier über die Jahre ein Wissen angeeignet hat, das woanders nicht vorhanden ist. In anderen Deliktsbereichen fragt man ja auch Experten.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem BKA?

Bahrs: Ist das überhaupt eine Zusammenarbeit? Es wäre viel, viel effektiver, wenn man tatsächlich zusammenarbeiten würde. Es ist aber eher einseitig. Die Infos gelangen zum BKA und dann höre ich eher nichts mehr davon. Ich weiß nicht, was am Ende mit diesen Fällen passiert. Der Austausch erfolgt nur in der Form, dass man die Sachverhalte dem Sachbearbeiter für den Bereich des match-fixings schickt und um die Abarbeitung des Falles bittet. Das ist aus meiner Sicht nicht zielführend.

Ermittler Bahrs - "Die Politik ist gefordert" Sportschau 18.12.2018 01:07 Min. Verfügbar bis 19.12.2019 Das Erste

Wie groß ist der Aufwand bei Ermittlungen in Sachen Wettbetrug? Sie haben damals ja mit 20 Leuten ermittelt.

Bahrs: So ein Aufwand schreckt natürlich erstmal ab. Aber ich glaube, da spielt auch noch eine ganz andere Sache eine Rolle. Man muss die Straftat erstmal erkennen. Wenn ich einen Fall auf dem Tisch habe, weiß ich erstmal gar nicht so genau, wie starte ich jetzt. Ich habe das Spiel A gegen B, 3:2, das soll manipuliert sein. Fang jetzt mal bitte an zu ermitteln. Ist das jetzt schon ein Anfangsverdacht? Das kann man natürlich erstmal behaupten. Aber ich weiß gar nicht, was mache ich jetzt? Wo beginne ich? Wir erkennen hier nichts. Wir haben keine strafbaren Handlungen. Das heißt, man muss Umfeldarbeit betreiben, man muss gucken, wer war dieser Wettsetzer. Was für Summen sind gesetzt worden. Man muss Profile erstellen, Ermittlungen vor Ort führen, man muss Leute befragen. Man muss sich also in diesen Themenkomplex richtig reinarbeiten, um überhaupt Zusammenhänge zu erkennen. Dieser Betrug am Sport, war auch für uns absolut neu. Wir haben bei null angefangen. Ich kannte das Wort match-fixing überhaupt nicht. Wir mussten uns peu à peu nach vorne arbeiten und mit viel Engagement, Fleiß und Motivation an dieses Thema herangehen. Das ist auch das Problem europaweit. Ich glaube auch, dass in Europa einzelne Länder schon häufig mit dieser Thematik konfrontiert worden sind. Aber das zusammenzuführen und zu sagen: Wir haben hier Überschneidungen und eine Tätergruppierung, die bei Euch eine Rolle spielen könnte. Das müsste viel, viel häufiger passieren.

Ermittler Bahrs - "Es liegt nicht immer auf der Hand" Sportschau 18.12.2018 00:43 Min. Verfügbar bis 19.12.2019 Das Erste

Die Wettmafia agiert international. Muss man daher nicht ohnehin grenzübergreifend ermitteln?

Bahrs: Die Umsetzung ist schwierig. In anderen Ländern zu ermitteln bedeutet, ich brauche Rechtshilfe im jeweiligen Land. Das steht und fällt es mit der Motivation des unterstützenden Landes. Haben die Kapazitäten, haben die Interesse daran. Ist das überhaupt eine Straftat in dem jeweiligen Land? Wenn ich eine Straftat vorliegen habe und in einem anderen Land ist das gar nicht strafbar, habe ich ein Problem.

Die Fragen stellte Benjamin Best

Stand: 13.12.2018, 12:47

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