Formel 1 - Lewis Hamilton holt sich seinen siebten WM-Titel

Lewis Hamilton emotional nach seinem 7. WM-Titel

Grand Prix in Istanbul

Formel 1 - Lewis Hamilton holt sich seinen siebten WM-Titel

Von Christian Hornung

Lewis Hamilton hat beim Großen Preis der Türkei Formel-1-Geschichte geschrieben. Im viertletzten Saisonrennen krönte er sich am Sonntag (15.11.2020) vorzeitig zum Weltmeister - und ist nun mit sieben Titeln gleichauf mit Michael Schumacher. Einen guten Tag erlebte auch das gebeutelte Ferrari-Team.

In einem spannenden Rennen mit ständig wechselnden Streckenbedingungen siegte Hamilton in Istanbul vor Sergio Perez im Racing Point und sensationell Sebastian Vettel im Ferrari, der knapp vor seinem Teamkollegen Charles Leclerc ankam.

"Für alle Kids da draußen"

"Das ist für alle die Kids da draußen, die an das Unmögliche glauben. Ihr könnt es schaffen!", sagt Hamilton nach der Zielflagge sichtlich berührt über Funk. Im Sieger-Interview sagte er: "Ich bin so unfassbar stolz auf diesen Erfolg, das muss ich erstmal sacken lassen. Wir haben alle gesehen, wie Michael seine sieben Titel gewonnen hat. Allein einen oder zwei zu holen, ist schon unfassbar schwer - aber sieben - das hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht vorstellen können."

Auch Vettel war froh:  "Das war ein ganz schön langes und intensives Rennen. Es ist ein bisschen überraschend, dass es am Ende das Podium wurde, aber ich bin sehr glücklich."

Chaos in den letzten Kurven

In der vorletzten Kurve hatten sich die Ereignisse überschlagen: Perez hatte zunächst seinen zweiten Platz an Leclerc verloren. Dann aber verbremste sich auch noch Leclerc und musste wieder Perez und auch Vettel vorbeiziehen lassen und am Ende mit Platz vier vorlieb nehmen.

Auf regennasser Strecke hatte Vettel einen absoluten Traumstart hingelegt. Während sich Valtteri Bottas im Mercedes und Esteban Ocon im Renault berührten und von der Strecke drehten, rauschte der in dieser Saison von Pech und Unfähigkeit verfolgte Heppenheimer wie in allerbesten Zeiten nach vorne - von Platz elf bis auf Rang drei.

Verstappen anfangs mit Problemen

Auch die beiden Red Bull schnappte sich Vettel, Max Verstappen hatte beim Start zu viel riskiert und war mit durchdrehenden Rädern beinahe stehengeblieben. Wie stark Vettels Leistung in dieser Phase einzuschätzen war, zeigte auch der Vergleich mit seinem Ferrari-Teamkollegen: Charles Leclerc dümpelte auf den Plätzen 14 und 15 herum.

An der Spitze fuhren die beiden Racing Point mit Überraschungs-Polesetter Lance Stroll und Sergio Perez eine schnellste Rennrunde nach der anderen, ehe Verstappen von Vettels frühem Boxenstopp profitierte: Der Deutsche wechselte in der neunten Runde von Regenreifen auf Intermediates, dadurch hatte Verstappen freie Fahrt und war nun seinerseits der schnellste Mann im Feld.

Hamilton vermeidet das Risiko

Bei Hamilton war im ersten Renndrittel klar ersichtlich, dass er für seine Verhältnisse ziemlich risikoarm fuhr: Er hielt sich beim Start aus allen Scharmützeln heraus, wechselte ebenfalls früh auf Intermediates und wusste natürlich auch, dass sein letzter verbliebener WM-Konkurrent Bottas nach seinem Dreher weit hinten lag.

Erstaunlich lange klebte Hamilton dann auch hinter Vettel fest, aber immerhin verlor er nicht so die Geduld wie Verstappen: Der Niederländer sah auf Rang drei liegend einen kleinen Fehler von Perez, wollte sofort attackieren, drehte sich dabei aber kurzzeitig ins Gras neben der Strecke und konnte seine Hoffnungen auf den Sieg begraben.

Albon dreht sich, Stroll wird durchgereicht

Was für die Red Bull an diesem Tag möglich gewesen wäre, zeigte auch Alex Albon. Der vielkritisierte Thailänder verkürzte Runde um Runde den Rückstand auf Stroll und Perez. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als könne Albon um den Sieg mitfahren, doch ein selbstverschuldeter Dreher in der 34. Runde beendete auch seine Hoffnung.

Lance Stroll (Racing Point)

Lange auf Siegkurs, dann ging nichts mehr: Lance Stroll im Racing Point

Eigentlich schien alles wie gemalt für den Sensationssieg von Stroll, doch nach seinem zweiten Boxenstopp ging es plötzlich rückwärts: Kaum, dass er auf der immer mehr abtrocknenden Strecke in Runde 37 die frischen Gummis draufhatte, funkte er genervt, dass er bereits starke Abnutzungserscheinungen ("Graining") spüre - und wurde regelrecht durchgereicht.

Bottas gedemütigt

Ziemlich schlimm muss sich kurz danach auch Bottas gefühlt haben. Der Zweitplatzierte in der Fahrerwertung hatte sich in Istanbul gleich dreimal von der Strecke gedreht - und wurde in der 46. Runde von Stallgefährte Hamilton sogar überrundet. Am Ende wurde er enttäuschender 14.

Immer besser in Szene setzte sich ab der Hälfte des Rennens Leclerc - der sich bis auf Rang drei nach vorn arbeitete und erst kurz vor dem Ziel von Vettel noch abgefangen wurde. Dabei hatte Vettel bei seinem letzten Boxenstoppnoch Pech gehabt, dass das Team bei ihm mit satten 5,3 Sekunden fast doppelt so lange gebraucht hatte wie bei Leclerc, weil offenbar mal wieder eine Radmutter klemmte.

Hamilton verzichtet auf Boxenstopp

Zwei Runden vor dem Ende sah es dann plötzlich so aus, als müsste der inzwischen in Führung liegende Hamilton doch noch einmal an die Box kommen, weil laut Mercedes-Crew nochmal ein Regenschauer erwartet wurde. Seine Mechaniker standen schon mit Regenreifen in der Boxengasse, rannten dann aber wieder in die Garage, weil sich Hamilton zum Durchfahren entschied, um seinen Vorsprung nicht zu gefährden.

Nach der Zielankunft blieb der Brite sichtlich bewegt noch lange in seinem Auto sitzen - Vettel kam als erster Gratulant zum Mercedes. Warum er doch nicht mehr an die Box gefahren war, erklärte Hamilton so: "Ich wollte nicht nochmal in einer Boxengasse einen Titel verlieren, das ist mir 2007 schonmal passiert."

Karriereende kein Thema mehr

Da sein Vertrag bei Mercedes immer noch nicht verlängert ist, gab es ja bereits Spekulationen, Hamilton würde bald aufhören. Dem widersprach er nun aber erstmals vehement: "Ich habe noch viel vor und fühle mich fast ein bisschen wie am Anfang. Unser Sport hat eine weltweite Botschaft, ich will zur Nachhaltigkeit beitragen - und noch länger Teil des Ganzen bleiben."

Stand: 15.11.2020, 13:26

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