Ferrari sucht Trost in Imola

Sebastian Vettel im Ferrari

Großer Preis der Emilia Romagna

Ferrari sucht Trost in Imola

Von Christian Hornung

Seit 14 Jahren ist auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari kein Formel-1-Rennen mehr gefahren worden. Die Rückkehr am Samstag (31.01.20, Training und Qualifying) und Sonntag (Rennen ab 13.10 Uhr, alles im live-ticker bei sportschau.de) auf den Heimkurs nach Imola wäre ein perfekter Ort für die "Roten", um ihre katastrophale Saison noch ein bisschen aufzuhübschen.

21,3 Punkte hat der alte und künftige Weltmeister Lewis Hamilton in dieser Saison im Durchschnitt eingefahren, das ist nicht weit weg vom Optimum: 25 bekommen die Fahrer für einen Sieg. 18 gibt es für einen zweiten Rang - und Sebastian Vettel steht bei 18. Nicht im Schnitt, sondern insgesamt, seine durchschnittliche Ausbeute liegt also bei 1,5. Das wäre selbst für einen semitalentierten Rookie in einem mittelmäßigen Auto eine schwache Bilanz. Für einen stolzen Traditionsrennstall wie Ferrari ist es eine Schande.

Mutmaßungen von Bernie Ecclestone

Auch die 75 Punkte und der aktuell fünfte Platz in der Fahrerwertung von Vettels Kollege Charles Leclerc genügen natürlich nicht den Ansprüchen der Scuderia, aber die Lücke zwischen den beiden ist schon erstaunlich. Der viermalige Weltmeister selbst sprach nach dem Portugal-Grand-Prix zuletzt schon von einem "Klassenunterschied" im eigenen Rennstall und rätselte: "Es ist ja nicht nur, von Charles geschlagen zu werden. Selbst die Runden, die ich treffe, sind viel zu langsam." Das hörte sich fast nach Verzweiflung an, zumindest aber nach mehr als nur Ratlosigkeit.

Formel 1: Rückkehr nach Imola

Sportschau 29.10.2020 02:37 Min. Verfügbar bis 29.10.2021 ARD


Bernie Ecclestone dagegen wittert eine Verschwörung. Seine Begründung: "Charles und Sebastian sind und waren große Talente. Sebastian hat mehr Erfahrung. Eigentlich müsste er also vorne sein. Da er das aber nicht ist, muss es andere Gründe geben", sagte der langjährige Formel-1-Pate anlässlich seines 90. Geburtstags bei "Sport1". Ecclestone weiter: "Ferrari war schon immer ein wenig durchschaubares Team, wo die Innenpolitik immer eine große Rolle spielte. Eigentlich zogen nur zur Zeit von Michael Schumacher dort immer alle an einem Strang." Heute also längst nicht mehr.

Traurige Erinnerung an 1994

Dass sich Ferrari aber in dieser schlimmen Saison auch noch selbst um Konstrukteurs-Punkte bringt, erscheint sehr schwer vorstellbar. Vettels Performance aber, auch schon in den Qualifyings, in der er inzwischen regelmäßig in der vorletzten Session ausscheidet, hätte sich vor der Saison wohl auch niemand vorstellen können. Was auch immer dahintersteckt: Beim Heimspiel in Imola wird Ferrari mutmaßlich alles tun, um sich noch einmal von der bestmöglichen Seite zu zeigen.

Siegchancen haben sie dabei natürlich kaum - aber das Treppchen für Leclerc oder das Erreichen der dritten Qualifying-Runde für Vettel wären doch schonmal etwas.

2006, beim bisher letzten Rennen hier, gewann Michael Schumacher knapp vor Fernando Alonso. Die Rennstrecke ist ein Formel-1-Mythos, leider auch deshalb, weil sie mit dem furchtbarsten Wochenende der Geschichte dieses Sports untrennbar verbunden ist: 1994 verloren hier Ayrton Senna und Roland Ratzenberger nach furchtbaren Unfällen ihr Leben. 

"Energie, Herz und Leidenschaft"

Sowohl die Strecken als auch die Autos in der Formel 1 wurden danach sicherer, auch der Kurs in Imola. Der Bürgermeister der 70.000-Einwohner-Stadt in der wunderschönen Emilia Romagna, Marco Panieri, spricht gegenüber ARD-Italien-Korrespondent Jörg Seisselberg über seine Gefühle vor dem Comeback der Königsklasse: "Ich bin sehr glücklich. Eine Rückkehr nach 14 Jahren. Eine Rückkehr von Geschichte und Energie, von Herz und Leidenschaft."

Panieri erzählt, dass die Formel 1 hier immer eine Familienangelegenheit gewesen sei. Die ganze Stadt habe mitgefiebert, an der Strecke, auf den Balkonen, an den Fenstern: "Man lebte den Tag des Rennens gemeinsam. Meine Mama zum Beispiel, wie viele Mütter oder andere Leute hier aus der Gegend, hat als Freiwillige bei der Organisation im Autodrom mitgeholfen."

Hoffnung auf Domenicali

Genauso wie sie nun bei Ferrari auf bessere Zeiten hoffen, so hat auch Panieri einen großen Wunsch: Die Rückkehr nach Imola soll keine einmalige Sache bleiben. Zu viel wurde investiert in die Motorsportarena, die mehr als doppelt so viele Zuschauer fasst wie die Stadt Einwohner hat.

Von den 150.000 Plätzen sollten corona-bedingt immerhin über 13.000 vergeben werden, nun werden aber wegen der wieder stark gestiegenen Zahl an Neuinfektionen gar keine zugelassen. Stark verbunden ist die Hoffnung auf eine Formel-1-Zukunft in Imola mit dem künftigen Formel-1-Chef Stefano Domenicali. Er hat eine lange Ferrari-Geschichte, war von 2007 bis 2014 dort Teamchef. Und ist in Imola geboren.

Stand: 29.10.2020, 20:17

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