Streit in der Formel 1 - Ferrari droht mit Rückzug

Ferrari präsentiert seinen neuen Formel-1-Renner

Diskussion um Kostendeckel

Streit in der Formel 1 - Ferrari droht mit Rückzug

Inmitten der Corona-Krise kommt in der Formel 1 eine Diskussion auf, die für Zündstoff sorgt. Es geht um eine neue Budgetobergrenze. Ferrari ist dagegen und droht sogar mit Rückzug. FIA-Präsident Jean Todt will einen Kompromiss.

Im Streit ums liebe Geld bediente Ferrari alte Reflexe. Die Corona-Pandemie droht die Formel 1 in eine existenzielle Krise zu stürzen, kleinere Teams fürchten um die Zukunft - doch ein Entgegenkommen in einer zentralen Frage ist zumindest für Scuderia-Teamchef Mattia Binotto keine Option.

Im Ringen um eine Reduzierung der hart verhandelten Budgetobergrenze positionierte sich der Schweiz-Italiener klar gegen eine weitere Senkung des Kostendeckels - und drohte mal wieder mit dem Ausstieg aus der Königsklasse.

Binotto: "Racing-DNA erhalten"

Niedrigere Budgetgrenzen könnten "nicht ohne weitere und spürbare Opfer erreicht werden. Das würde auch unser Personal betreffen", sagte Binotto dem Guardian: "Wenn die Obergrenze noch weiter abgesenkt wird, wollen wir nicht an einen Punkt gelangen, an dem wir uns andere Optionen überlegen müssen, unsere Racing-DNA zu entfalten."

Später versuchte Ferrari in einer Mitteilung, die Aussagen Binottos zu entschärfen. Er habe nie gesagt, dass Ferrari die Formel 1 verlasse, im Gegenteil, hieß es. "Er hat gesagt, dass wir nicht in eine Position gebracht werden wollen, in der wir uns nach anderen Optionen - neben der Fortsetzung in der Formel 1 - umsehen müssen, um unsere Racing-DNA zu erhalten", hieß es weiter.

Formel 1 Warm-Up: Vettel und Ferrari nutzen Stillstand zur Aufholjagd Sportschau 17.04.2020 04:45 Min. Verfügbar bis 17.04.2021 Das Erste

Kleine Rennställe von Corona-Krise schwer getroffen

Es ist nicht das erste Mal, dass die einflussreiche Scuderia ihre Machtposition in der Formel 1 ausspielt und mit einem Abschied, den keiner will, kokettiert. Neu ist dagegen die Dimension der Krise. Vor allem kleinere Teams kämpfen wegen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ums finanzielle Überleben.

Die Absage oder Verschiebung der ersten neun Rennen hat die Rennställe schwer getroffen. Vermarkter Liberty Media hat diesen Teams daher nun ausgeholfen. Diese Finanzspritze bestätigte Liberty-Chef Greg Maffei bei einer Telefonkonferenz. Summen oder die Teams nannte er nicht, das Traditionsteam Williams gilt aber bereits seit längerer Zeit als angeschlagen. Es sollen mehrere Rennställe eine vorgezogene Zahlung aus dem großen Geldtopf der Motorsport-Königsklasse bekommen haben. Die Teams erhalten prozentuale Anteile am Gesamteinkommen der Formel 1, große Teams wie etwa Ferrari bekommen zusätzliche Bonuszahlungen.

Weil das finanzielle Überleben vieler Rennställe fraglich war, ist auch eine weitere Reduzierung der Budgetobergrenze im nächsten Jahr auf 145 Millionen Dollar (134 Millionen Euro) im Gespräch. Bis 2022 könnte sie nochmals auf 130 Millionen Dollar (120 Millionen Euro) gesenkt werden. Bislang sind 175 Millionen Dollar (161 Millionen Euro) pro Saison festgelegt.

FIA-Präsident Todt fordert Kompromiss

Einen Fürsprecher haben die kleineren Rennställe in Jean Todt, dem Präsidenten des Automobil-Weltverbandes FIA. Das wirtschaftlich bedingte Aus ganzer Teams, an dem natürlich auch Ferrari nicht interessiert ist, soll verhindert werden. Und wenn das nicht gelingt?

"Im schlimmsten Szenario wäre die Formel 1, wie wir sie heute kennen, nicht mehr möglich", sagte Todt im Interview mit Motorsport aktuell: "Dann müssten wir uns mit den Inhabern der kommerziellen Rechte Grundsatzfragen stellen: Wie soll die Formel 1 der Zukunft aussehen?"

Der Franzose forderte ein Umdenken in der Krise, auch wenn noch stärkere Begrenzungen des Budgetlimits schwierig umzusetzen seien. "Wir können nur auf eine vernünftige Zahl kommen, wenn wir die Formel 1 von heute vergessen und mit einem weißen Blatt Papier beginnen", sagte Todt: "Mit einem Kostendeckel von 50 Millionen Dollar ohne Ausnahmen wäre aber nichts mehr, wie es war. Es wäre eine völlig neue Formel 1. Eine Super-Formel-2. So wie die Formel 1 im Moment strukturell ist, ist so ein Neuanfang nicht möglich. Da würden wir zu viele Teams verlieren, auch die großen."

Binotto spricht von "sozialer Verantwortung"

Und damit auch Ferrari. Seine Haltung in der Budgetfrage begründete Binotto mit der "sozialen Verantwortung" gegenüber den Mitarbeitern, eine Entlassungswelle soll verhindert werden. Dem 50-Jährigen schweben daher andere Lösungen vor: Nein zu einem "linearen" Kostendeckel, Ja zu einem Zwei-Stufen-Modell, das höhere Ausgaben für Teams wie Ferrari, die Kundenteams beliefern, gestattet - ein Modell, das auch FIA-Boss Todt befürwortet.

Auch der Vorschlag von Red-Bull-Teamchef Christian Horner, finanzschwache Teams vergleichsweise kostengünstig mit Kundenautos zu versorgen, ist für Binotto denkbar, "wenn die derzeitige Notlage wirklich die Existenz einiger unserer Konkurrenten gefährden sollte."

sid/red | Stand: 23.04.2020, 21:18

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