Formel 1 in Sotschi - Positive PR durch den Rennzirkus

Erstmals Formel 1 in Russland

Formel 1 in Sotschi - Positive PR durch den Rennzirkus

Von Arne Lichtenberg

Erstmals findet am Sonntag (12.10.2014) ein Formel-1-Grand-Prix in Russland statt. Der Rennzirkus soll der Olympiastadt Sotschi helfen, sein Olympia-Erbe nachhaltig zu nutzen - und positive Werbung für Russland machen.

Dimitri Zhurkin steht auf dem Dach des mehrstöckigen Boxengebäudes. Von hier oben hat er den besten Überblick. Die Zuschauertribüne und der Start- und Zielbereich der neuen Formel-1-Rennstrecke liegen direkt unter ihm. Und nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt liegt die Vergangenheit. Das Olympiastadion "Fisht", indem im Februar die Eröffnungs- und die Schlussfeier der Olympischen Winterspiele stattfanden, grenzt direkt an den neuen Rundkurs.

Doch Olympia ist für Zhurkin mittlerweile weit weg. Für den Bauleiter der Rennstrecke zählt so kurz vor der Formel-1-Premiere auf russischem Boden nur noch der Grand Prix. "Die gesamte Rennstrecke verläuft innerhalb des Olympia-Parks", sagt Zhurkin stolz. "Das wird mit den ganzen Sportstätten von Olympia zu einer einmaligen Atmosphäre beitragen. Das wird einfach eine spannende Show werden."

Eine spannende, aber auch eine teure Show. Rund 260 Millionen Euro haben die Streckenbetreiber investiert. Wie schon bei den Olympischen Spielen werden auch die Kosten für das Formel-1-Projekt am Ende deutlich höher sein als anfangs gedacht. 142 Millionen waren eigentlich veranschlagt worden. Die Rennstrecke wird am Ende also fast doppelt so teuer werden wie ursprünglich geplant. Doch Zhurkin schüttelt den Kopf, wenn man ihm die gestiegenen Kosten vorhält. "Wir hätten viel höhere Kosten gehabt, wenn wir an einem anderen Standort eine komplett neue Rennstrecke gebaut hätten. Hier im Olympia-Park können wir die gesamte Infrastruktur nutzen, alle Kommunikationsleitungen und so weiter. Das spart uns viel Geld."

Importiertes Know-how aus Aachen

Im Konferenzraum seines Aachener Büros sitzt der Architekt Hermann Tilke. Hinter ihm an der Wand hängen Bilder von Formel-1-Rundkursen auf der ganzen Welt. Der Architekt hat an vielen Strecken mitgearbeitet - auch in Sotschi. Auf den anspruchsvollen Parcours ist er stolz: "Die Autos werden nach dem Start einen Kilometer lang beschleunigen. In der ersten Kurve sind sie also über 300 km/h schnell. Ich hoffe, dadurch gibt es ordentlich Action und viele Überholmöglichkeiten." In der Woche nach dem schweren Unfall des Marussia-Piloten Jules Bianchi klingt der Verweis auf die actiongeladene Streckenführung indes nur bedingt reizvoll.

Ob sich viele russische Zuschauer von dieser Action anlocken lassen, ist auch ungeachtet der jüngsten Ereignisse fraglich. Ursprünglich hatten die Veranstalter mit 100.000 Zuschauern gerechnet. Doch jetzt ist die Zuschauerkapazität auf nur noch 45.000 Plätze reduziert worden. Die Formel 1 hat in Russland keinerlei Tradition. Aktuell gibt es mit Daniil Kwjat nur einen russischen Fahrer und mit Marussia nur einen russischen Rennstall, der dem Feld weit abgeschlagen hinterherfährt und zudem finanziell darbt. Auch mit internationalen Besuchern rechnet kaum jemand. Zu umständlich ist die Anreise nach Sotschi.

Die Ukraine-Krise tut ihr übriges. In der Politik wurde ein Boykott des Rennens in Sotschi gefordert. Aber der weltweite Rennzirkus ist ein Milliardengeschäft, es geht um die Erschließung neuer Märkte. Allein 50 Millionen Dollar soll der Ausflug nach Sotschi pro Jahr in die Kasse des Rechte-Inhabers Bernie Ecclestone spülen. Die Erweiterung nach Osten geht weiter: 2016 wird auch Aserbaidschan neu in den Rennkalender aufgenommen.

Vertragsunterschrift mit den Mächtigen

Bis 2020 haben die russischen Verantwortlichen die Verträge mit der Formel 1 unterschrieben. Die Rennen sollen mithelfen das Olympia-Erbe zu nutzen. Denn allein 40.000 Hotelzimmer in Sotschi warten auf Übernachtungsgäste. Fraglich ist allerdings, ob der Rennzirkus dauerhaft in Sotschi zu Gast sein wird. Die Verträge mit dem Großen Preis von Russland sind nicht an die Olympiastadt gebunden. Auch in Moskau gibt es großes Interesse. Einzig eine Formel-1-taugliche Strecke fehlt noch.

Unwahrscheinlich ist dagegen, dass es dem Olympia-Austragungsort ähnlich wie Indien oder Südkorea gehen könnte. Dort wurden die Grands Prix trotz langjähriger Verträge nach nur wenigen Ausgaben wieder aus dem Rennkalender gestrichen. Ein Grund war das mangelnde Zuschauerinteresse. Nach Meinung des englischen Formel-1-Experten und Buchautoren Christian Sylt spielen die Zuschauerzahlen in Sotschi nur eine untergeordnete Rolle. "Ich glaube nicht, dass es in Sotschi darum geht, genügend Zuschauer anzulocken, um das Rennen wirtschaftlich zu machen", sagt Sylt. "Die Rennen, die staatlich unterstützt werden - und dieses hier wird ganz besonders stark vom Staat gefördert - sind auf die Zuschauereinnahmen nicht angewiesen."

Es stecke enorm viel Prestige im Großen Preis von Russland, sagt der Ecclestone-Kenner. Das werde allein schon dadurch sichtbar, dass die Verträge mit Ecclestone von Wladimir Putin höchstpersönlich unterzeichnet und ausgehandelt wurden. Man stelle sich nur vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel würde dasselbe beim Großen Preis von Deutschland machen. Was hierzulande undenkbar ist, ist in Russland Chefsache. Momentan werden sogar alle Kosten von der Regierung getragen. Was Christian Sylt zu der Annahme bewegt, dass es bei diesem Rennen "nicht darum geht, die Formel 1 in Russland zu entwickeln", sagt er. "Bei diesem Rennen geht es vielmehr darum, Russland im Rest der Welt bekannt zu machen." Positive Schlagzeilen in schwierigen Zeiten also - die Formel 1 in Sotschi hat einen klaren Auftrag.

Stand: 09.10.2014, 08:00

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