Formel 1 - Ferrari schenkt Hamilton den Sieg

Lewis Hamilton in Sotschi

Großer Preis von Russland

Formel 1 - Ferrari schenkt Hamilton den Sieg

Von Christian Hornung

Zwei zunächst klar überlegene Autos, lange Zeit eine Doppelführung. Doch Ferrari musste dank einer sehr missratenen Strategie mit dubiosen Absprachen beim Großen Preis von Russland am Ende zusehen, wie sich Lewis Hamilton vor seinem Mercedes-Kollegen Valtteri Bottas den Sieg schnappte.

Über den Grand Prix von Sotschi am Sonntag (29.09.2019) wird sicher noch lange und heftig diskutiert werden. Unter dem Strich bleibt, dass Ferrari aus seiner Überlegenheit am Ende fast nichts machte: Platz drei für Charles Leclerc und das Aus von Sebastian Vettel waren am Ende die überaus enttäuschende Ausbeute.

Zweifelhafter Traumstart von Vettel

Dabei war der im Qualifying zum neunten Mal in Serie von Leclerc geschlagene Vettel zumindest optisch grandios in das Rennen gestartet: Von Platz drei schob er sich zunächst an Hamilton im Mercedes vorbei und nutzte dann perfekt den Windschatten auf der 890 Meter langen Startgeraden. Auf der Innenbahn setzte er sich neben Polesetter Leclerc, der es verpasste, zur Verteidigung die Linie zu wechseln. Und trotz des Geschwindigkeitsüberschusses gelang es Vettel dann auch noch, die erste Kurve ohne durchdrehende Räder brillant zu meistern und die Führung zu halten.

Doch ziemlich zügig nach diesem scheinbar überragenden Manöver kamen Zweifel auf. Leclerc sprach über Boxenfunk plötzlich von einem "Swop" (Tausch) und betonte mehrfach, dass er sich "an alle Absprachen gehalten" habe. Der Monegasse signalisierte damit ganz unverhohlen, dass er Vettel beim Start extra nicht am Vorbeifahren gehindert habe und ging nun davon aus, dass er seinen Spitzenplatz zurückgeschenkt bekommen würde.

Formel 1 - Hamilton gewinnt in Russland

Sportschau 29.09.2019 01:08 Min. Verfügbar bis 29.09.2020 ARD Von ARD-Reporter Harry Kiner

Eine schnellste Runde nach der anderen

Doch da hatte er zunächst einmal die Rechnung ohne den Speed von Vettel gemacht. Der Deutsche war so stark unterwegs, dass er nicht nur eine schnellste Rennrunde nach der anderen hinlegte, sondern auch den Abstand zwischen sich und Leclerc auf über vier Sekunden ausbaute, so dass ein Rücktausch auf der Strecke komplett lächerlich gewirkt hätte - denn Vettel hätte komplett abbremsen müssen und damit auch wieder Hamilton freiwillig zurück in die Show geholt.

Vettel sprach dieses Thema mit dem immer größeren Abstand dann auch mehrfach über Boxenfunk an und zeigte sich extrem unwillig, die offensichtlich vorher getroffene Absprache nun auch einzuhalten. Von einem "Plan C" war plötzlich die Rede, doch Leclerc jammerte weiter herum, dass er sich ungerecht behandelt fühle - ohne allerdings auch mal ordentlich Gas zu geben.

Renault verhebt sich bei Hülkenberg

Großes Pech hatte derweil Nico Hülkenberg im Renault, der sich in der 15. Runde mit einem wunderbaren Überholmanöver an Sergio Perez (Racing Point) vorbeigebremst hatte. Bei seinem ersten Boxenstopp zwei Runden später senkte der Mann am Wagenheber diesen zu früh ab, der linke Vorderreifen war noch gar nicht befestigt. Also: Wagenheber wieder hoch, Reifen richtig dran und locker fünf Sekunden verschenkt - so blieb am Ende nur Rang zehn und ein WM-Punkt.

Die Ferrari-Show ging anschließend weiter: Der angesprochene "Plan C" beinhaltete offenbar, dass Leclerc zuerst an die Box durfte, um neue Reifen aufzuziehen - genau umgekehrt wie zuletzt in Singapur. Mit den frischen Gummis machte der Monegasse dann die entscheidende Zeit auf Vettel gut, der dann drei Runden später wechselte und knapp hinter seinem Temkollegen blieb. Mit technischen Problemen schied Vettel dann kurz danach aus, Leclerc verlor durch eine Safetycar-Phase seinen Vorsprung - und plötzlich war dadurch Hamilton dank einer besseren Boxenstrategie ganz vorne.

Mercedes übernimmt Doppel-Führung

Auch Valtteri Bottas im zweiten Mercedes ging in der Folge an Leclerc vorbei, so dass statt der doppelten Ferrari-Führung nun im letzten Renndrittel plötzlich zwei Mercedes vorne lagen. Ferrari reagierte noch einmal, holte Leclerc nur acht Runden nach seinem ersten Stopp schon wieder rein - doch trotz verzweifelten Bemühens kam er am Ende nicht mal mehr an Bottas vorbei.

Noch vor Rennende gab Vettel dann die Absprache zu: "Wir werden das intern klären, aber ich glaube, dass ich mich an die Absprache gehalten habe. Ich habe mich im Rennen gut gefühlt, bin dann meiner Meinung nach zu spät zum Boxenstopp geholt worden. Danach hatte ich dann plötzlich keine Leistung mehr und habe versucht, das Auto so abzustellen, dass kein Safetycar nötig gewesen wäre." Doch am Ende hatte genau diese Safetycarphase entscheidend zum Doppelsieg von Mercedes beigetragen.

Hamilton spricht von "innovativen Lösungen"

Hamilton: "Wir haben niemals aufgegeben und innovative Lösungen gefunden - die Teamleistung macht mich unglaublich stolz. Wir haben einfach immer weiter gepusht, dabei wird es immer schwieriger zu gewinnen." Bottas meinte: "Es war ein gutes Ergebnis von Platz vier aus. Ich konnte am Anfang nicht ganz mit der Pace mithalten, aber am Ende konnte ich Charles gut hinter mir halten - auch das war nicht so schlecht."

Leclerc analysierte: "Es ist schade fürs Team, dass das zweite Auto nicht ins Ziel gekommen ist. Aber sonst war es okay, wir sind sehr konstant und wieder auf dem Podium. Meine Absprache mit Sebastian war so, dass ich nach dem Start Windschatten geben sollte - den Rest müssen wir innerhalb des Teams besprechen."

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 29.09.2019, 18 Uhr

Stand: 29.09.2019, 14:58

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