Analyse - Stallorder ja, aber bitte ehrlich

Valtteri Bottas und Lewis Hamilton auf dem Podest in Russland

Diskussion um den Platztausch von Hamilton und Bottas

Analyse - Stallorder ja, aber bitte ehrlich

Von Christian Hornung

Lewis Hamilton hat den Großen Preis von Russland dank einer Stallregie von Mercedes vor Valtteri Bottas gewonnen. Solche Situationen mag kein Fan, aber sie sind kaum vermeidbar. Vermeidbar sind aber die Märchen hinterher - eine Analyse.

Es gibt sie, seit es die Formel 1 gibt und die Teams aus zwei Fahrern bestehen. Aber trotzdem bringt die Stallregie, dieser Eingriff von außen, regelmäßig viele Zuschauer in Rage, in den Sozialen Netzwerken führen sie zu Wutausbrüchen: verständlich. Schließlich schaut man Autorennen, um Rennaction zu sehen. Und nicht mitanhören oder zumindest -sehen zu müssen, wie künstlich aus der Box das Geschehen gelenkt wird. So wie jetzt wieder in Sotschi, als Mercedes Bottas anwies, Hamilton vorbeizulassen: "Wir mussten das jetzt machen", hieß es entschuldigend via Boxenfunk.

"Let Michael pass"

Vergleichbare Fälle haben seit Jahrzehnten für Furore gesorgt: "Let Michael pass for the championship!" Dieser Befehl an Rubens Barrichello 2002 in Österreich war quasi die Mutter aller Stallorderfälle - damals wurde Michael Schumacher der Weg zur WM geebnet, obwohl gerade mal sechs Rennen gefahren waren und Schumacher davon bereits vier gewonnen hatte. Barrichello zögerte den Platztausch damals bis kurz vor dem Zielstrich hinaus, eine Demonstration seiner Wut und Enttäuschung. Schumi schämte sich so sehr, dass er auf dem Podium Platz eins und den Siegerpokal an den Kollegen abgab - Ferrari bezahlte damals eine Million US-Dollar für den Zeremonienverstoß. Nicht aber für die damals noch erlaubte, später dann verbotene und jetzt wieder zulässige Stallregie.

F1: Vettel verliert in Russland den Anschluss an Hamilton

Sportschau 30.09.2018 00:30 Min. ARD

Es gab aber auch schon Fälle, in denen die Fahrer das Spiel einfach nicht mitmachten. Gleich zweimal passierte das im Dauerduell zwischen Sebastian Vettel und seinem ihm in inniger Abneigung zugetanen Red-Bull-Kollegen Mark Webber, einmal 2010 und einmal 2013. Bei diesem Rennen in Malaysia griff Vettel Webber an, obwohl die Teamleitung das aus Sorge vor einem Crash verboten hatte. Der Deutsche gewann das Rennen, der Australier war außer sich.

"Er kann mich ja überholen"

Ebenfalls 2013 gab es bei Mercedes einen Skandal, als Hamilton im Kampf um Platz drei die Teamorder lächerlich machte. Trotz der klar schlechteren Reifen und eindeutigen Anweisungen ließ er Nico Rosberg nicht vorbei - der noch vorne hätte angreifen können. Hamilton ätzte damals über Boxenfunk: "Ich gehe für ihn nicht vom Gas. Wenn er nah genug rankommt, kann er mich ja überholen." Kam Rosberg aber nicht.

Sowohl Hamilton als auch Vettel waren schon mehrfach in der Situation, die Hilfe ihrer Nummer-2-Fahrer in Anspruch zu nehmen - von daher sind Beschwerden des Deutschen nicht angebracht. Und es kamen auch keine, zumal Mercedes-Sportchef Toto Wolff schon vor dem Rennen angekündigt hatte, man wolle "in dieser Phase der WM die Fahrer eigentlich nicht mehr gegeneinander kämpfen sehen." Das ist nachvollziehbar, vor allem, wenn man sich nochmal die jüngere Vergangenheit zwischen zwei Alphatieren wie Hamilton und Rosberg in Erinnerung ruft, wo das "freie Fahren" mehrfach blechern endete - und auch mit Ausfällen.

Schlechtes Argument

Von daher kann man sowohl den Fan-Frust als auch die Intention der Teams nachvollziehen. Nicht nachzuvollziehen sind hingegen Begründungen wie "Wir wollen ja auch die Konstrukteurs-WM gewinnen", die Hamilton nach dem Rennende spontan als eine Begründung für den Platztausch anführte. Für die 43 Punkte, die es für Platz eins und zwei aber gibt, ist es nämlich nicht maßgeblich, ob Mercedes-Pilot Hamilton davon die 25 für den Sieg holt und Mercedes-Pilot Bottas die 18 für Platz zwei. Oder umgekehrt.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 30.09.18, 18 Uhr

Stand: 30.09.2018, 15:22

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