Analyse - Ferrari macht sich mit Funk-Farce lächerlich

Sebastian Vettel (vorn) und Charles Leclerc in Sotschi

Großer Preis von Russland

Analyse - Ferrari macht sich mit Funk-Farce lächerlich

Von Christian Hornung

Als echter Racer würde Lewis Hamilton um den WM-Titel sicher gerne richtig kämpfen. Aber Ferrari tut alles, um ihm den sechsten Triumph einfach so zu schenken - durch eine lächerliche und selbstherrliche Absprachen-Taktik, die via Boxenfunk auch noch die ganze Welt mitbekommt. Eine Analyse.

Wenn man im Kindergarten keine Lust hatte, sich in der Schlange an der Schaukel ganz hinten anzustellen, half schonmal die Anfrage beim weiter vorn stehenden Kumpel: "Lässt du mich vor, lass ich dich vor?" Gelebtes Kindergartenverhalten in einer Schlange - hier von ganz vielen Autos - war auch das, was Ferrari am Sonntag (29.09.2019) in Sotschi vorführte.

Die Absprache, die sich die Taktikcrew um Motorsportchef Mattia Binotto für seine Piloten Charles Leclerc und Sebastian Vettel ausgedacht hatte, war dabei schon im Ansatz an Sinnfreiheit nicht zu überbieten. Für den Fall, dass Vettel es von Platz drei aus schaffen würde, beim Start an Lewis Hamilton vorbeizuziehen, sollte er dann gleich auch noch an Leclerc vorbeidürfen - dieser Platzwechsel sollte dann schnell danach durch einen Tausch der Marke "Let Michael pass for the Championship" (Ferrari, 2002 in Österreich) wieder korrigiert werden.

...lass ich dich NICHT vor

Doch das, was sich die Ferrari-"Taktiker" da ausgedacht hatten, wurde zur Funk-Farce, die im Desaster endete. Vettel fuhr an der Spitze so schnell, dass Leclerc nicht mehr mitkam. Aber wie ein beleidigtes Kind verwies der Monegasse immer wieder trotzig auf die Absprache. Der zweite Trotzkopf fuhr vorne weg und sah plötzlich gar nicht mehr ein, seinen prima Platz in der Schlange freiwillig wieder abzugeben. Motto: Lässt du mich vor, lass ich dich NICHT vor. Ätsch.

Anarchie statt Absprache? Da griffen dann natürlich die Kindergärtner aus der Taktikzentrale der "Roten" ein. Leclerc durfte vier Runden früher an die Box, holte mit frischen Reifen die entscheidende Zeit raus, erst dann durfte auch Vettel wechseln (obwohl er vorher lautstark über schlechte Reifen geklagt hatte) und hatte seine knapp viereinhalb Sekunden Vorsprung eingebüßt.

Maßlose Selbstüberschätzung

Das heißt: Für diese Platztausch-Posse verschenkte Ferrari freiwillig ein Viereinhalb-Sekunden-Polster des zu diesem Zeitpunkt klar besten Autos im Feld. Das beinhaltet die maßlose Selbstüberschätzung, mit der Konkurrenz von Mercedes ein bisschen spielen zu können, weil man sich selbst an diesem Sonntag ganz stark fühlte. Unbesiegbar stark offenbar.

Was die Rennsport-Fans von so einer inszenierten Nummer halten sollen, die das Gegenteil von "Racing" darstellt, war Ferrari augenscheinlich ebenfalls egal.

Hart, aber gerecht

Die Strafe fiel hart aus. Aber überaus gerecht. Vettels Defekt kurz nach seinem Stopp löste nicht nur sein eigenes Rennende, sondern auch noch genau die Safetycar-Phase aus, die beide Mercedes zum entscheidenden Reifen- und Führungswechsel nutzten. Ein auf dem Silbertablett servierter Doppelsieg für die "Silbernen" stand am Ende zu Buche, Lewis Hamilton und der einfach nur mitfahrende Valtteri Bottas konnten ihr Glück selbst kaum fassen.

"Dieses Ergebnis ist unglaublich, Ferrari war so schnell", staunte Hamilton. Und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff hielt fest: "Dass Ferrari selbst das entscheidende Safety Car ausgelöst hat, war skurril. Auch, wenn du nicht immer das schnellste Auto hast, kannst du gewinnen." Du brauchst eben nur solche Taktikexperten wie die von Ferrari.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 29.09.2019, 18 Uhr

Stand: 29.09.2019, 17:01

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