Analyse - Der Tag, an dem Vettel seinen Nummer-1-Status verlor

Ferrari-Pilot Charles Leclerc in Monza vor Sebastian Vettel

Großer Preis von Italien

Analyse - Der Tag, an dem Vettel seinen Nummer-1-Status verlor

Von Christian Hornung

Der 8. September 2019 ist in der großen Formel-1-Karriere von Sebastian Vettel ein besonderer: Mit dem Rennwochenende von Monza dürfte er seinen Nummer-1-Status bei Ferrari eingebüßt haben. Eine Analyse.

Die 34. von 53 Runden muss für einen ehrgeizigen Fahrer wie Vettel der Horror gewesen sein. Es war der Moment, in dem er in Monza überrundet wurde. Überrundet - so wie die Hinterbänkler der Formel 1, wie George Russell im Williams oder Antonio Giovinazzi im Alfa Romeo. Und der Mann, der ihm da als Erster die ultimative Demütigung verpasste, war Charles Leclerc. Der spätere Sieger. Und sein eigener Teamkollege.

Leclerc jetzt Liebling der Fans

Was Leclerc dann bei der Zieldurchfahrt und der Siegerehrung für einen Jubel-Orkan bei den in den vergangenen Jahren gebeutelten Ferrari-Fans auslöste, muss Vettel in den Ohren geklungen haben. Es war der erste Triumph der "Roten" in ihrer Heimat seit neun Jahren. So schnell kann man zum Publikumsliebling werden, mit gerade 21 Jahren. Was mit Vettel passiert war, trübte die Freude offensichtlich nicht.

Ferrari feierte die Rückkehr des Selbstwertgefühls. Und das verdanken sie nicht wie erwartet Vettel. Sondern Leclerc, der schon beim Rennen zuvor in Spa-Francorchamps triumphiert hatte. Das Ganze ist ein Szenario, das den Deutschen offenbar fast verzweifeln lässt.

Zu hohes Risiko

Denn völlig unbedrängt so einen Fahrfehler zu begehen wie in der siebten Runde in Monza, mag angesichts der aktuellen Drucksituation noch nachvollziehbar sein. Keine Entschuldigung gibt es aber für einen 32-jährigen erfahrenen Piloten, der dann ohne Rücksicht auf Verluste einfach auf die Strecke zurück fährt und die Gesundheit der Kollegen und seine eigene gefährdet.

In der Gesamtwertung ist Leclerc an Vettel vorbeigezogen, 182 zu 169 steht es nun im Ferrari-internen Punkteduell. Der Monegasse ist nun also auf dem Papier die Nummer eins bei den "Roten", aber was Vettel noch ernsthafter an seiner Führungsrolle im Team zweifeln lassen muss, hatte sich bereits am Tag vor dem Rennen ereignet.

Beim Qualifying im Stich gelassen

Im Qualifying schien Vettel der Schnellere zu sein, doch für die Top-Runde benötigte er beim Losfahren den Windschatten seines Kollegen. Dies war von Ferrari auch so angeordnet worden, doch der Youngster verweigerte - selbst zu diesem Zeitpunkt in Führung liegend - die Hilfeleistung.

Das erzürnte Vettel, der erwartete, dass die Teamleitung klare Worte an Leclerc und wohl auch an die Öffentlichkeit richten würde. Doch jegliche Rückendeckung für den viermaligen Weltmeister blieb aus. Es gab ein paar wachsweiche Kommentare, und nach Leclercs Sieg am Sonntag sagte Teamchef Mattia Binotto: "Ja, es gab ein paar Diskussionen mit Charles. Aber jetzt haben wir ihm schon wieder alles vergeben, was er getan hat."

Neue Zeitrechnung

Das heißt im Klartext: Wenn er am Ende gewinnt, darf sich Leclerc auch böse Fouls gegen den eigenen Kollegen erlauben, er darf Vorgaben ignorieren und Absprachen brechen. Vettel muss sich also offenbar auf eine neue Zeitrechnung einstellen. Seit er 2008 in seinen ersten Toro Rosso stieg, war er immer die Nummer eins im Team: neben Sebastien Bourdais, dann bei Red Bull neben Mark Webber und später Daniel Ricciardo (erst im letzten Jahr, als ein frustrierter Vettel schon mit seinem Ferrari-Wechsel liebäugelte, bekam der Australier freie Fahrt) und natürlich bei Ferrari neben Kimi Räikkönen.

Ab jetzt ist Vettel im Hintertreffen, und die Unterstützung im Ferrari-Team pendelt eindeutig in Richtung Leclerc. "Ein guter Tag für das Team", presste sich der Deutsche später noch heraus: "Aber natürlich kein guter für mich." Es wird sehr spannend zu beobachten sein, wie Vettel damit jetzt umgeht.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 08.09.2019, 18 Uhr

Stand: 08.09.2019, 18:00

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