Vettel und Ferrari - Der Graben wird immer tiefer

Ferrari: Sebastian Vettel mit ernster Miene

Formel 1

Vettel und Ferrari - Der Graben wird immer tiefer

Spätestens seit dem Grand Prix zum 70. Jubiläum der Formel 1 in Silverstone ist aus dem Riss zwischen Sebastian Vettel und Ferrari ein Graben geworden. Denn es geschah etwas fast Unglaubliches: Vettel beschimpfte sein Team öffentlich über Funk.

Es war in der 23. Runde, als Sebastian Vettel von seinem Team zum ersten Reifenwechsel in die Box geholt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Vettels Teamkollege Charles Leclerc nach seinem ersten Stopp auf den viermaligen Weltmeister aufgelaufen. Vettel platzte im Boxenfunk der Kragen: "Wir haben heute Morgen darüber gesprochen, dass genau das nicht passieren sollte. Ich zieh' das jetzt durch. Aber Ihr habt es verbockt." Weil von der Formel 1 ins Weltbild eingespielt, war die Kritik auf dem gesamten Globus hör- und lesbar. Es ging darum, dass Vettel seiner Meinung nach zu früh zum Boxenstopp gerufen wurde.

Hinterher legte der frustrierte Deutsche noch einmal nach. "Das mit dem ersten Boxenstopp war Quark. Es gab keinen Grund, mich reinzuholen", sagte Vettel im Sky-Interview. Mit dieser Kritik steht Vettel - aus Ferrari-Sicht - allein da: Denn durch den Stopp wurde dem deutlich schnelleren Leclerc ermöglicht, weiter auf die Konkurrenz aufzuholen. Ohne Vettel auf der Strecke überholen zu müssen. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto ging nach dem Rennen gar nicht auf die Beschimpfung des Deutschen ein, sondern erklärte nüchtern, dass die Entscheidung teamtaktische Gründe hatte.

Dicker Fehler in der ersten Kurve

Seine Degradierung zur Nummer zwei bei Ferrari hat Sebastian Vettel offenkundig noch immer nicht verwunden - die Art, wie Ferrari das Ende der Zusammenarbeit kundtat, wohl noch viel weniger. Denn Vettel hatte sich sein Rennen und seine Chance auf eine gute Platzierung selbst zerstört: Bereits in der ersten Kurve des Rennens drehte er sich wegen eines Fehlers ohne gegnerische Einwirkung fast, wurde ans Ende des Feldes zurückgespült und demolierte sich somit sein Rennen selbst.

Ferrari

Verkehrte Richtung: Vettel mit Dreher nach einem Fahrfehler in Silverstone

Frust ja, verbale Entgleisung auf öffentlichen Kanälen nein: Was sich da zwischen Vettel und seinem Team entwickelt, mutet inzwischen an wie ein Rosenkrieg sich einstmals Liebender. Inklusive verletztem Ego - und genau das ist im Motorsport oftmals besonders groß.

Vorzeitige Trennung?

Die Vorkommnisse von Silverstone reihen sich ein in eine bislang verkorkste Saison für den ehemaligen Champion, der Mitte Mai von Ferrarri mitgeteilt bekommen hatte, dass sein auslaufender Vertrag zum Ende des Jahres nicht verlängert werden würde. Einmal Sechster, zweimal Zehnter, einmal Zwölfter und einmal ausgeschieden - das ist Vettels magere Ausbeute in dieser verkürzten Formel-1-Saison. Zu wenig für die großen Ambitionen von Ferrari.

Fraglich ist, ob Vettel die Saison tatsächlich bei Ferrari zu Ende bringt. Wenn er so weitermacht, dürfte der italienische Rennstall überlegen, die zerstörte Beziehung vorzeitig zu beenden. Dass der SF1000 kein Rennwagen für Siege ist, ist das eine - Vettels Fehler auf der Strecke und seine bockige bis destruktive Kommunikation sind allerdings eine Mischung, die den hochbezahlten Ex-Weltmeister den Job kosten könnten.

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Sportschau 09.08.2020 01:05 Min. Verfügbar bis 09.08.2021 ARD Von Jan Gideon

Noch auf Rang drei in der Konstrukteurswertung

Zumal sein Teamkollege Charles Leclerc in drei von fünf Rennen deutlich mehr aus dem SF1000 herausgeholt hat. Auch die Geduld von Teamchef Mattia Binotto scheint allmählich aufgebraucht. Vielleicht wäre eine baldige Trennung für beide Seiten ja eine Erlösung. Über mögliche neue Teams wird bereits hinreichend spekuliert, genauso wie über das Karriereende des Heppenheimers.

So wird Vettel mit Racing Point in Verbindung gebracht. "Wenn das richtige Paket um die Ecke kommt, bin ich schon der Meinung, dass ich noch sehr viel zu geben habe", sagte er: "Wenn das nicht der Fall ist, habe ich auf jeden Fall kein Interesse weiterzumachen, nur damit ich dabei bin."

Ickx über Vettel: "Er spürt den Druck eines jungen Kerls" Sportschau 10.08.2020 00:50 Min. Verfügbar bis 10.08.2021 Das Erste

Dabei steht in dieser Serie noch einiges auf dem Spiel in Sachen Konstrukteurswertung, wo Ferrari derzeit Rang drei hält. Doch der Vorsprung auf Rang sechs beträgt nur 19 Punkte. Am Ende Dritter oder Sechster - das machte in Vor-Coronazeiten einen Unterschied von 15 Millionen Euro aus. In diesem Jahr dürften es etwas weniger sein, doch verzichten will Ferrari auf die Millionen sicher nicht.

Belgiens Formel-1-Legende Jacky Ickx äußerte sich gegenüber Sportschau auch zur aktuellen Vettel-Krise: "Er spürt, was wir alle auch schon gefühlt haben: den Druck eines jungen Kerls, der 22 Jahre alt ist und sehr talentiert dazu. Er hat den Druck, ein Team zu finden und besser zu sein als der Junge. So ist der Sport, leider."

Das sechste Rennen der Saison findet bereits am kommenden Wochenende (16.08.2020) statt, Schauplatz ist dann der Circuit de Catalunya in Barcelona.

jo/red/sid/dpa | Stand: 10.08.2020, 10:39

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