Formel-1-Analyse - Warum ein Fehlstart kein Fehlstart mehr ist

Startphase beim Rennen in Suzuka

Großer Preis von Japan

Formel-1-Analyse - Warum ein Fehlstart kein Fehlstart mehr ist

Von Christian Hornung

Der Große Preis von Japan in Suzuka hat viele Formel-1-Fans ratlos zurückgelassen. Vor allem die Frühstartregel sorgt für Verwirrung, aber auch das zunächst als "normaler Rennunfall" gewertete Abräummanöver von Charles Leclerc gegen Max Verstappen - eine Analyse.

Es gab Zeiten, da war die Formel 1 deutlich einfacher zu verstehen. Wenn die roten Startampeln erloschen, durften die Autos losrollen. Wer sich zu früh bewegte, bekam für seinen Fehlstart eine Strafe. Diese Regel gibt es natürlich auch heute noch - nur nicht mehr so eindeutig. Ende September beim Rennen in Sotschi beispielsweise kassierte Kimi Räikkönen eine "Drivethrough", eine Durchfahrtstrafe, weil sein Alfa Romeo deutlich vor dem Signal losgefahren war. Genauso wie der Ferrari von Sebastian Vettel in Suzuka, und in dessen Sog auch Valtteri Bottas im Mercedes. Oder eben doch nicht "genauso"?

"Video zeigt Bewegung. aber innerhalb der Toleranz"

Es gab tatsächlich einen gewichtigen Unterschied. Vettel stoppte seinen Wagen noch einmal kurz, verlor dadurch seinen Spitzenplatz, verhinderte aber damit die Bestrafung. Die Sportkommissare klärten auf: "Wir haben uns die Videoaufnahmen und den Bericht über Fehlstarts angesehen, der von der FIA anhand der in jedem Auto verbauten Transponder erstellt wird. Das Video zeigt zwar eine Bewegung, aber die war innerhalb der Toleranz des F1-Fehlstart-Systems, nach der ein Fehlstart in Artikel 36.13(a) im Sportlichen Reglement der Formel 1 definiert ist."

F1: Mercedes ist vorzeitig Weltmeister Morgenmagazin 14.10.2019 01:37 Min. Verfügbar bis 14.10.2020 Das Erste

Laut Artikel 36.13(a) ist einzig das Signal des Transponders dafür entscheidend, ob ein Start ein Fehlstart ist oder nicht. Durch sein kurzes Abstoppen vor dem Erlöschen der Ampeln hatte Vettel den an der Startposition verbauten Sensor noch nicht überfahren - und blieb deshalb straflos. Warum die Jury nicht aber auch Bottas' Fehlstart überprüfte, erklärte sie nicht. Offenbar hatte sich aber auch der Finne noch so gerade im Toleranzbereich bewegt.

Verstappen wird zum Opfer, Leclerc wird erst sehr spät bestraft

Insgesamt schien sich an diesem Tag die Rennleitung vorgenommen zu haben, möglichst wenig einzugreifen und die Fahrer selbst die Dinge austragen zu lassen. Das betraf auch einen weiteren Grenzfall: den Startunfall zwischen Leclerc und Verstappen. Normalerweise ist der Niederländer für sein knallhartes und kompromissloses Fahren bekannt - diesmal wurde er zum Opfer.

Leclerc war deutlich zu schnell in die zweite Kurve eingefahren. Obwohl er sichtbar nach rechts lenkte, um auf der Straße zu bleiben, rutschte sein Ferrari geradeaus weiter und krachte in die Seite des neben ihm liegenden Verstappen. Der war nach dem Rennen außer sich: "Das war dumm! Ich bin selbst für hartes Racing, aber dass er einfach mein Auto ruiniert, dafür muss es eine Strafe geben!" Diese Sichtweise war nachvollziehbar, aber während des Rennens sahen sich die Kommissare nicht einmal genötigt, eine Untersuchung einzuleiten.

Tempo unterschätzt

Natürlich war Leclercs Abräummanöver keine Absicht, aber eben auch alles andere als ein normaler Rennunfall: Es lag ein klarer Fahrfehler des Monegassen vor, der vor Kurve zwei schlicht sein Tempo unterschätzt und dadurch für einen Moment die Kontrolle über sein Auto verloren hatte.

Vettel vermasselt Start - Bottas siegt

Sportschau 13.10.2019 00:58 Min. Verfügbar bis 13.10.2020 ARD Von SWR-Reporter Jens Wolters

In vergleichbaren Situationen gab es für solche Patzer bislang fast immer Strafen - und zwar noch während des Rennens. Diesmal reagierte die Jury erst mehr als drei Stunden (!) nach Rennende. Dann sprach sie eine zweigeteilte Strafe aus: fünf Sekuden für Leclerc wegen des Herbeiführens der Kollision, weitere zehn Sekunden, weil Ferrari den für alle sichtbar beschädigten Wagen zunächst auf der Strecke beließ. Dort wurde er nicht nur zum Sicherheitsrisiko, sondern riss tatsächlich dem dahinten fahrenden Lewis Hamilton mit umherfliegenden Metallteilen den Rückspiegel ab. Leclerc fiel durch die Strafe nachträglich von Rang sechs auf sieben zurück.

Rabenschwarzer Tag der Jury

Insgesamt war es ein rabenschwarzer Tag der Jury, nicht nur wegen dieses viel zu spät gefällten Urteils. Hinzu kam am Ende, dass sie auch noch das Rennen versehentlich mit der schwarz-weißen Zielflagge zu früh abwinkte, so dass der Stand nach 52 statt nach den vorgesehen 53 Runden gewertet werden musste. Dadurch ergaben sich Verschiebungen bei den Plätzen von Nico Hülkenberg (Zehnter statt Neunter) und Sergio Perez (Neunter, obwohl er eigentlich in Runde 53 ausgeschieden war).

Gleich drei Änderungen im Rennergebnis gab es also zum deutlich nach Ende des Grand Prix - krasser kann man kaum danebenliegen.

Leclerc legt sich mit seiner Box an

Auf eine weitere Frage aus dem Rennen in Suzuka wird erst die Zukunft Antwort geben. Nach seinem Startcrash ignorierte Leclerc zunächst die Anweisung seiner Teamleitung, sofort zur Reparatur des Frontflügels an die Box zu kommen, weil er sein Auto noch für wunderbar fahrtüchtig hielt.

Auch bei einem späteren Boxenstopp begann der Monegasse eine Diskussion mit seinen Ingenieuren. Wohlgemerkt: Er fährt erst das erste Jahr für den legendären Rennstall. Da wird die weitere Entwicklung, vor allem die Balance aus Respekt und Selbstüberschätzung, sehr interessant zu beobachten sein.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 13.10.19, 18 Uhr

Stand: 13.10.2019, 19:53

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