Hockenheim - Gegen die Wand gefahren

Der Start am Hockenheimring

In Deutschland droht der Abschied von der Formel 1

Hockenheim - Gegen die Wand gefahren

Der Große Preis von Deutschland am Sonntag könnte für lange Zeit der letzte sein. Die Formel 1 scheint in Deutschland keine Zukunft mehr zu haben. Wie immer geht es ums Geld.

Jochen Rindt war der erste Sieger. Der Österreicher gewann 1970 den Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring in einem Lotus. In den Siegerlisten des Traditionsrennens stehen nur die ganz Großen der Formel 1. Niki Lauda, Nelson Piquet, Alain Prost, Ayrton Senna, Nigel Mansell, Gerhard Berger, Mika Häkkinen und natürlich Michael Schumacher - sie alle haben dort gewonnen. Und noch viele andere mehr.

Sebastian Vettel bisher noch nicht. Der Ferrari-Pilot muss sich sputen. Vielleicht hat er nur noch eine einzige Chance, bei seinem Heimrennen in Deutschland als Erster über die Linie zu fahren. Und das ist am Sonntag (22.07.2018). Das Rennen droht zur Abschiedsvorstellung der Formel 1 in der Autonation Nummer eins zu werden. Bereits jetzt ist klar, dass es 2019 keinen Großen Preis von Deutschland geben wird. Die Aussichten darüber hinaus sind trübe.

Antrittsgage zu hoch

"Es ist frustrierend zu sehen, dass wir für ein Land mit einer so großen Rennsport-Tradition keine Lösung gefunden haben - und dass offenbar niemand bereit ist, die Rennstrecken zu unterstützen und ihnen das finanzielle Risiko abzunehmen", sagte Formel-1-Marketingchef Sean Bratches. Man arbeite "natürlich weiter an einer Lösung", nötig sei dazu vor allem "Flexibilität" der Rennstrecken. Damit meint er wohl, dass die vor allem finanziell flexibler sein sollten.

Das können die Streckenbetreiber in Deutschland allerdings nicht. Für sie ist die Formel 1 mit einer Antrittsgage von rund 20 Millionen Euro längst zu teuer geworden. Der Hype der Ära Michael Schumacher, in der die teuren Tickets oft ein Jahr vorher schon vergriffen waren, ist längst vorbei. Der Nürburgring sah 2015 und 2017 trotz gültigen Vertrags von einer Austragung ab, der Kontrakt des Hockenheimrings läuft mit dem Schwenken der Zielflagge am Sonntag aus. Die Verhandlungen über einen neuen Vertrag sind gescheitert.

70.000 Fans erwartet

Immerhin wird der beste Zuschauerwert seit 2006 erreicht. Damals kamen 70.000 Fans. Auch wegen einer regelrechten niederländischen Invasion dank Max Verstappen waren am Dienstag (17.07.2018) 67.000 Eintrittskarten für das Rennen verkauft, Zusatztribünen werden benötigt. Damit ist Hockenheim allerdings nur auf Kurs "schwarze Null". Denn um die Fans zu locken, sind die Eintrittspreise vergleichbar erschwinglich.

Vettel baut Führung in der Fahrerwertung aus

Sportschau 08.07.2018 01:15 Min. ARD

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Der Hockenheimring und der Nürburgring stellten mehrfach klar, dass sie nicht mehr bereit sind, das finanzielle Risiko allein zu tragen. Aus Sorge vor Millionen-Verlusten drängen sie seit Jahren auf eine Senkung der Antrittsgebühren für die Formel 1. Das Entgegenkommen von Liberty Media ist allerdings begrenzt.

Keine finanzielle Unterstützung

Das US-Unternehmen weiß immerhin um den Wert der Marke Formel 1 und kassiert in Deutschland längst nicht so viel wie in Ländern mit teils fragwürdigem Leumund, auch weil die jeweilige Regierung für die Imagepolitur bereitwillig tief in die Tasche greift - wie zum Beispiel in Aserbaidschan oder in Bahrain. Doch für die deutschen Streckenbetreiber ist die Gage immer noch zu hoch.

Auf Unterstützung durch die öffentliche Hand oder Hilfe aus der Wirtschaft in großem Maße konnten die deutschen Strecken bislang nicht bauen. Genau darauf pocht aber Georg Seiler. "Es kann nicht sein, dass wir die Spielwiese stellen und die Zeche für andere zahlen", sagte der Hockenheimring-Geschäftsführer: "Wir wollen und können kein Risiko mehr eingehen."

"Etwas ganz Besonderes"

An fehlender Action liegen die immer noch überschaubaren Zuschauerzahlen wohl nicht, Hockenheim bot auch nach der Verwandlung der alten Hochgeschwindigkeitsstrecke in einen modernen Allroundkurs nach 2001 oft spannende Rennen. Star-Ingenieur Hermann Tilke, der am (Um-)Bau der meisten aktuellen Formel-1-Kurse beteiligt war, hält Hockenheim immer noch "für etwas ganz Besonderes." Das Motodrom sei "einzigartig mit seiner Streckenführung und der Stadionatmosphäre", sagte Tilke.

Stadtkurse auf dem Vormarsch

Gewiss kein Trumpf für die Strecken in Deutschland ist der Trend zu Stadtkursen in der Formel 1. Die Hetzjagd durch die Straßen von Aserbaidschans Hauptstadt Baku etwa zählt zum Spektakulärsten, was die Königsklasse zu bieten hat. Auch in Miami, Hanoi oder Kopenhagen soll bald gerast werden.

Dass in einigen Jahren nur noch auf Prachtboulevards gefahren wird, glaubt Tilke allerdings nicht: "Es gibt eine Berechtigung für mehr Stadtkurse, doch eine Formel-1-WM wird immer komplett verschiedene Arten von Strecken beinhalten." Vielleicht ist dann ja auch für Deutschland noch Platz, obwohl das zurzeit eher unwahrscheinlich ist.

red/sid/dpa | Stand: 17.07.2018, 16:00

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