Verstappen kämpft mit Hamilton - Ferrari nur mit sich selbst

Sebastian Vettel vor Charles Leclerc, beide im Ferrari

Analyse nach dem Großen Preis von Brasilien in Sao Paulo

Verstappen kämpft mit Hamilton - Ferrari nur mit sich selbst

Von Christian Hornung

Die Formel-1-WM ist entschieden, es geht schon um die nächste Saison. Deshalb darf man den Sieg von Max Verstappen in Sao Paulo als Kampfansage an Champion Lewis Hamilton werten. Ferrari hingegen kämpft wieder nur mit sich selbst - eine Analyse.

Die richtigen Reifenwechsel im richtigen Moment, eine überragende Pace der Red Bull vor allem auf der Geraden, dazu auch noch zwei brillante Überholmanöver gegen Hamilton auf der Strecke: Der Triumph von Sao Paulo kann für Verstappen deutlich mehr bedeuten als die 25 Punkte, die er damit in der Fahrerwertung einstrich. Es kann ein Tag sein, an den sich die Formel-1-Fans auch im kommenden Jahr noch erinnern werden. Nämlich dann, wenn Verstappen tatsächlich soweit ist, dem sechsmaligen Weltmeister in dessen Silberpfeil ein Duell zu liefern, einen richtigen Kampf.

Kann Binotto den Konflikt bewältigen?

Hamilton herauszufordern, um die Spitze mitzufahren - das sollte nach den eigenen Wünschen und Vorstellungen eigentlich der Job von Ferrari sein. Doch ehe die "Roten" sich mit Ambitionen in Richtung Titel befassen, haben sie zunächst mal wieder sehr viel im eigenen Haus zu regeln. Mattia Binotto ist gefordert. Doch der nach außen stets konziliant und moderat auftretende Teamchef von Ferrari ist bislang den Beweis schuldig, dass er für die Bewältigung dieses Konfliktes der richtige Mann ist.

Denn schon mehrfach ist es in dieser Saison zu schweren Verwerfungen zwischen Platzhirsch Vettel und Blitzaufsteiger Leclerc gekommen. Es gab anschließend viele Unterredungen, danach dann die üblichen Lippenbekenntnisse, die einen Frieden im Team suggerieren sollten. Sao Paulo bewies: Es ist nicht mal ein Scheinfrieden. Was die beiden Fahrer, jeweils nach Rücksprache mit der Teamleitung, der Öffentlichkeit mitteilten, zeugte zwar von dem Bemühen, den auf der Strecke offen ausgebrochenen Streit nicht weiter eskalieren zu lassen. Aber nicht von Einsicht.

Stur auf der Linie geblieben

Mit seinem spontan über Boxenfunk herausgebrüllten Frust ("Mein Gott, muss das sein?! So ein Bockmist aber auch!") hatte Vettel zuvor seine Sicht der Dinge klarer erkennen lassen. Sein Kontrahent ebenso: "Was zur Hölle macht der?" Leclerc hatte Vettel zuvor im Kampf um Platz vier überholt, der Deutsche konterte, schob sich ein Stückchen vor den Kollegen und zog nach innen. Der Monegasse, der Vettel wie in einem Kampf gegen einen teamfremden Konkurrenten nur ganz wenig Platz gelassen hatte, hätte die Richtung mitgehen müssen, um einen Crash zu vermeiden. Er sah das aber nicht ein und blieb stur auf seiner Linie, was auch nicht ganz unverständlich war - aber genau deshalb knallte es.

Vettel sagte später: "Das Rennen ist gelaufen, es ist bitter, wir werden irgendwann darüber sprechen." Eine klare Ansage durch das Team sei aber nicht nötig: "Charles hat versucht zu überholen, ich habe mich auf die nächste Gerade konzentriert und dachte schon, ich wäre vorbei. Dann kam es zum Knall." Leclerc ließ durchblicken, dass er die Schuld bei Vettel sah: "Ich habe ihm den Raum gelassen, dann zog er nach links, es wurde ganz eng. Aber wir sind reif genug, um das hinter uns zu lassen."

Nummer-zwei-Status wird keiner akzeptieren

Es gibt bislang keinen Grund, ihm das zu glauben. Leclerc hat nach 20 von 21 Rennen 19 Punkte Vorsprung auf Vettel herausgefahren, er wird es niemals akzeptieren, sollte Binotto ihm nach dieser Saison einen Nummer-zwei-Status aufdrücken. Und dass sich ein viermaliger Weltmeister kampflos auf so eine Rolle einlässt, ist genauso ausgeschlossen. Freie Fahrt also weiterhin für freie Fahrer?

Im Sinne der Fans ist das durchaus, denn abgesprochene gegenseitige Überholmanöver, wie sie Ferrari in dieser Saison auch schon (erfolglos) probiert hat, will niemand sehen. Aber: Es gibt in der Formel 1 nicht 20 Einzelfahrer, sondern zehn Zweierkombinationen. Deshalb werden bei gleicher Leistung am Ende die Rennställe profitieren, die die unbestreitbaren Vorteile einer funktionierenden Teamarbeit für sich nutzen. So wie Mercedes und Red Bull. Und nicht so wie Ferrari.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, Montag, 18.11.19, 22.50 Uhr

Stand: 17.11.2019, 21:56

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