Formel 1 - Heftiger Streit um Ferraris Antriebstechnik

Sebastian Vettel bei Testfahrten

Formel 1

Formel 1 - Heftiger Streit um Ferraris Antriebstechnik

Von Andreas Troll

Der Automobil-Weltverband FIA hat die Untersuchungen von möglichen Ungereimtheiten rund um Ferraris Antriebstechnik für beendet erklärt. Für diesen Vorgang gab es heftige Kritik von der Konkurrenz, darunter Mercedes. Für Aufregung sorgt vor allem eine E-Mail.

Barcelona, Freitag, 28. Februar 2020, 17:48 Uhr. Es sind die letzten Minuten des letzten Testtages zur bevorstehenden Formel-1-Saison. Alles konzentriert sich auf die letzten Versuche der Teams und Fahrer auf der Strecke. Zu diesem Zeitpunkt verschickt die FIA eine E-Mail.

"Die FIA kündigt an, dass sie nach gründlichen technischen Untersuchungen ihre Analyse über den Betrieb der Ferrari-Antriebseinheit abgeschlossen hat und mit dem Team zu einer Einigung gekommen ist. Die Einzelheiten der Vereinbarung bleiben zwischen den beiden Parteien bestehen." Diese Ankündigung weckt Neugier.

Verdacht erhöhter Spritmengenzufuhr

Entweder man verkündet nichts oder alles. Oder man hat etwas zu verbergen. Die Untersuchung der Antriebseinheit bezieht sich auf die Saison 2019. In der kam bei der Konkurrenz mehrfach der Verdacht auf, Ferrari würde zu bestimmten Zeitpunkten mehr Leistung erzeugen können als erlaubt, und zwar über eine höhere Spritmengenzufuhr. Diese Zufuhr ist allerdings reglementiert. Die Konkurrenz - Red Bull und Mercedes - mahnte das regelmäßig beim Verband an. Der musste deshalb mit mehreren technischen Vorgaben auf den Vorwurf reagieren.

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Geklärt ist er bis heute nachweisbar nicht. Ferrari verlor aber nach dem Eingreifen des Verbandes zunehmend den Leistungsvorteil. Beim letzten Grand Prix in Abu Dhabi wurde zudem im Ferrari von Charles Leclerc tatsächlich eine höhere Benzinmenge vorgefunden als zuvor offiziell von Ferrari angegeben. Die wurde mit einer Geldstrafe geahndet, allerdings von geringem Ausmaß. In dieser Saison gilt der neue Antrieb von Ferrari übrigens als eine Schwäche.

Die FIA teilt nichts mit

In den Kurven sei der Wagen besser, auf den Geraden fehle es aber an Power. All das lässt Fragen offen. Die FIA teilt zwar in der Mitteilung vom 28. Februar mit, dass die Untersuchungen abgeschlossen seien, nennt aber weder Gesamtergebnis noch Details, es kommt also zu keiner Aufklärung. Der späte Zeitpunkt der Veröffentlichung ließ keine Befragung der Parteien zu. Auch das hinterlässt mehr den Eindruck, etwas verbergen zu wollen. Hat Ferrari sich nun regelkonform verhalten oder nicht? Falls ja, hätte das weitreichende Folgen für den italienischen Rennstall.

Unter anderem droht der Verlust von sehr viel Geld und Ansehen. Im zweiten Absatz dieser E-Mail vereinbart die FIA mit Ferrari eine Reihe technischer Verpflichtungen, um die Überwachung aller Antriebseinheiten künftig zu verbessern. Das bedeutet zum einen für Ferrari einen erheblichen finanziellen Aufwand, ist also durchaus als eine Bestrafung und deren Akzeptanz zu interpretieren. Zum anderen wird das die Konkurrenz nicht akzeptieren, sollte sie bei dieser verbesserten Überwachung ausgeschlossen sein.

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FIA-Präsident Todt und die Nähe zu Ferrari

Als letzten Punkt erwähnt der Verband, dass Ferrari die FIA hinsichtlich CO2-Emissionen und nachhaltiger Kraftstoffe unterstützen will. Beides gilt als Anliegen höchster Priorität des FIA-Präsidenten Jean Todt, der über diese Bereiche die Zukunft des Motorsports sichern will. Gleichzeitig wird ihm in diesem Zusammenhang aber auch eine Nähe zu Ferrari unterstellt. Sein Sohn ist der Manager von Charles Leclerc.

Alles nur Gerüchte, ohne jegliche Beweise - befeuert aber durch diese E-Mail vom Motorsportweltverband, die wie eine Randnotiz erscheint. Will die FIA nicht mehr veröffentlichen, weil sie selbst nicht in der Lage ist, eine hundertprozentige Aufklärung zu leisten? Oder möchte sie größeren Schaden vom gesamten Sport abwenden?

Die Konkurrenz hat jedenfalls am Mittwoch (04.03.2020) mit einer Veröffentlichung ihrerseits reagiert. Darin erklären sich McLaren Racing Limited, Mercedes-Benz Grand Prix Limited, Racing Point UK Limited, Red Bull Racing Limited, Renault Sport Racing Limited, Scuderia Alpha Tauri S.p.A. und Williams Grand Prix Engineering Limited "überrascht und schockiert über die Erklärung der FIA vom Freitag, 28. Februar".

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Mitteilung der Konkurrenz Im Wortlaut

Darin heißt es: "Eine internationale Sportregulierungsbehörde hat die Verantwortung, mit den höchsten Standards in Bezug auf Governance, Integrität und Transparenz zu handeln. Nach monatelangen Untersuchungen, die von der FIA nur nach Anfragen anderer Teams durchgeführt wurden, lehnen wir es nachdrücklich ab, dass die FIA eine vertrauliche Vergleichsvereinbarung mit Ferrari trifft, um diese Angelegenheit abzuschließen. Daher erklären wir hiermit öffentlich unsere gemeinsame Verpflichtung, in dieser Angelegenheit eine vollständige und ordnungsgemäße Offenlegung anzustreben, um sicherzustellen, dass unser Sport alle Wettbewerber fair und gleich behandelt. Wir tun dies im Namen der Fans, der Teilnehmer und der Stakeholder der Formel 1. Darüber hinaus behalten wir uns das Recht vor, im Rahmen des ordnungsgemäßen Verfahrens der FIA und vor den zuständigen Gerichten Rechtsmittel einzulegen."

Es ist dies eine offizielle Reaktion auf die Veröffentlichung der FIA, die wie eine Randnotiz erscheint - und doch eine weitreichende Bedeutung hat.

Stand: 04.03.2020, 14:49

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