Vettel auch als Zweiter ein Sieger - die Analyse

Sebastian Vettel unterwegs in Hockenheim

Formel-1-Rennen in Hockenheim

Vettel auch als Zweiter ein Sieger - die Analyse

Von Christian Hornung

Zweiter zu werden, ist für Sebastian Vettel normalerweise immer eine Niederlage. Diesmal könnte sie helfen: Vettel selbst und vor allem seinem seelisch schwer angeschlagenen Ferrari-Team. Erleichterung wäre aber fehl am Platz - eine Analyse.

Für Charles Leclerc war es die Höchstrafe. Von Startplatz zehn war er am Sonntag (28.07.2019) beim Deutschland-Grand-Prix in Hockenheim auf Zwei vorgefahren und hatte unverhofft sogar gute Siegchancen. Doch dann rutschte er im Motodrom in der 41. Runde von der Strecke. Verzweifelte Versuche, sich aus dem Kiesbett zu befreien, erwiesen sich als vergeblich. Und dann knallte ihm nach dem Einschlag auch noch eine Werbetafel auf das havarierte Auto, in der ausgerechnet das Mercedes-Team sein 125-jähriges Jubiläum im Rennsport feierte.

Qualifying-Desaster hilft am Ende sogar

Dass dieser Ausfall die kollektive Depression bei Ferrari nach dem desaströsen Qualifying tags zuvor nicht noch nachhaltig vergrößerte, lag an der außerordentlichen Vorstellung von Vettel. Ihn hatte es am Samstag noch schlimmer erwischt als Leclerc, nach einem Defekt am Turbolader war er komplett ohne gezeitete Runde geblieben und musste von Platz 20 aus starten - also als Letzter. Doch das war letztlich sogar für vieles gut.

An 18 Konkurrenten vorbeizufahren, an vielen davon durch die Irrungen der vielen Wetterkapriolen und Reifenwechsel sogar mehrmals, war für den zuletzt immer schlechter gelaunten Vettel Balsam. Er wartet zwar weiter auf den ersten Sieg, seit er vor elf Monaten in Spa triumphiert hatte. Doch dass sich selbst für einen Ehrgeizling wie ihn auch mal ein zweiter Platz wie ein Sieg anfühlen kann, sah man ihm in den vielen Interviews nach dem Rennen an.

Immer noch ein Regengott

Vettel lachte, Vettel ballte sogar die Faust, als er den Jubel der Heimfans in Hockenheim nachstellte, und er gab zu: "Es fühlt sich fast ein Sieg an, denn nach den beiden Patzern im Qualifying war das Team natürlich ganz unten mit der Moral. Da war das Ergebnis heute natürlich ganz wichtig, zumal es unheimlich schwer war, das Auto auf der Strecke zu halten. Man hört im Auto bei diesem Motorenlärm ja nicht viel, aber wie die Fans hier nach vorn gegangen sind, als ich am Ende überholen konnte - das werde ich nie vergessen."

Zum Vergessen war ansonsten die komplette Saison bisher gewesen. Vettel wollte Weltmeister werden, jetzt ist er abgeschlagen Vierter. Immerhin wehrte er mit diesem Resultat zunächst einmal den Angriff seines eigenen Teamkollegen ab: Leclerc hatte vor Hockenheim nur noch drei Zähler in der WM-Wertung hinter ihm gelegen. Jetzt sind es wieder 21 Punkte. Und das war vor allem das Resultat der großen alten Stärke des Vierfach-Weltmeisters: Er ist immer noch ein Regengott, beherrscht die Dosierung des Risikos bei solch kompliziertesten Bedingungen nach wie vor von allen Fahrern am besten.

Sebastian Vettel belohnt seine Aufholjagd

Sportschau 28.07.2019 01:13 Min. Verfügbar bis 28.07.2020 ARD Von Volker Hirth

"Noch einiges an Arbeit"

Und diesmal funkte ihm auch sein Team mit technischen Pannen, schlechten Boxenstopps oder falschen strategischen Entscheidungen nicht dazwischen. Ferarris Vorstands-Chef Louis Camilleri wirkte am Ende extrem erleichtert, vermied aber angesichts der Saisonperformance zu Recht jeden Anflug von Euphorie: "Das Ergebnis von Sebastian war ganz wichtig für das ganze Team. Wir hoffen, dass das ein Wendepunkt für uns war. Aber wir haben noch einiges an Arbeit vor uns."

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, Sonntag, 28.07.19., 22.50 Uhr

Stand: 28.07.2019, 18:39

Darstellung: