Analyse - Vettel kann Hamilton wieder fordern

Sebastian Vettel auf nasser Strecke

Hoffnung nach dem Grand Prix in Istanbul

Analyse - Vettel kann Hamilton wieder fordern

Von Christian Hornung

Dass Lewis Hamilton seinen siebten WM-Titel einfährt, war nur noch eine Frage der Zeit. Aber der Istanbul-Grand-Prix lässt hoffen, dass der Brite auf den Formel-1-Strecken in Zukunft auch wieder von Sebastian Vettel herausgefordert wird.

Es war der 19. Juli dieses Jahres, und es war ein Tiefpunkt in der Rennfahrerlaufbahn von Vettel: Auf dem Hungaroring in Ungarn musste er sich zwölf Runden vor dem Ende von Hamilton überrunden lassen: die ultimative Demütigung für den viermaligen Weltmeister und seine stolze Scuderia Ferrari.

Die Blauen Flaggen drohten

Es blieb aber kein Einzelfall in dieser Saison, auch beim Heimrennen der Roten in Monza kam es zu diesem Desaster aus Vettels Sicht. Für einen Ehrgeizigen wie ihn muss sich das besonders schlimm anfühlen. Denn es dokumentiert nicht nur den Tempo- und Rangunterschied. Der zu überrundende Fahrer darf sich laut Reglement nicht einmal wehren, er muss sich einfach dünne machen und bitte nicht groß stören, sonst drohen die Blauen Flaggen.

Jetzt, in Istanbul, durfte Vettel gegen Hamilton fighten. Ab der 13. Runde hatte der Deutsche den Briten im Heck hängen, und er wehrte sich 21 Runden lang bis zu seinem zweiten Boxenstopp brillant. Natürlich kam ihm dabei die regennasse Strecke entgegen. Vettel ist bekannt als Regenkönig, dazu hilft die etwas schwächere Power seines Ferrari gegenüber dem Mercedes sogar, zu schnell durchdrehende Reifen (Schlupf) zu vermeiden und die Traktion auf dem rutschigen Asphalt zu erhöhen.

"Da hätte ich mehr riskieren müssen"

"Dieser Zweikampf mit Lewis hat richtig Spaß gemacht, ich habe lange mit ihm gekämpft", freute sich Vettel später und atmete tief durch: "Nach dieser langen Durststrecke hat das gutgetan." Er gab aber auch sogleich zu: "Es war vielleicht sogar noch mehr drin, ich bin dann auf der abtrocknenden Strecke etwas zu konservativ geblieben. Da hätte ich mehr riskieren müssen."

So wie Hamilton, der im Gegensatz zu Vettel auf seinen zweiten Boxenstopp verzichtete und es mit grandiosem Reifenmanagement als letztlich souveräner Sieger über die Ziellinie schaffte.

Gegen den Vorwurf der Bequemlichkeit

Dass Vettel die vielleicht verpasste Siegchance an diesem Sonntag (15.11.2020) ungefragt in dem Moment ansprach, als er gerade sein mit Abstand bestes Saisonergebnis eingefahren hatte, spricht gegen die Vorwürfe, es habe sich beim Familienvater inzwischen auch Bequemlichkeit eingeschlichen.

Natürlich war in dieser von Team und Fahrer bislang komplett verkorksten Saison oft auch Frust und Ratlosigkeit aus seinen Statements herauszuhören. Deshalb ist der Wechsel des Rennstalls überfällig - und für Vettels Ambitionen optimal.

Power ist da, Erfahrung fehlt - noch

Racing Point macht in diesem Jahr bereits extrem viel richtig, wie auch das Rennwochenende in Istanbul zeigte: Die Power ist da. Lance Stroll fuhr auf die Pole, hatte im Rennen bis zu seinem zweiten Reifenwechsel beste Siegchancen. Sergio Perez, der Vettel 2021 Platz machen muss, wurde Zweiter. Aber es fehlt auch noch an Erfahrung, wie sich ebenfalls in der Türkei zeigte.

Bei Stroll ging mit seinem zweiten Reifensatz urplötzlich gar nichts mehr, er wurde von eins auf acht durchgereicht. "Das müssen wir erstmal verstehen", sagte Teamchef Otmar Szafnauer anschließend einigermaßen fassungslos. Genau das sind Vorgänge, bei denen Vettel mit seinen 13 Jahren Rennerfahrung in der Formel 1 dem künftigen Aston-Martin-Werksteam sicher extrem helfen wird.

Rivale statt Überrundeter

Dass bei Hamilton nach nun sieben Titeln der Ehrgeiz nachlassen wird, ist kaum vorstellbar: Der Brite wird nun auch den achten Triumph jagen, um sich zum alleinigen Rekordhalter der Formel 1 aufzuschwingen. Dass Vettel im neuen Auto dies verhindern kann, ist nicht auf Anhieb zu erwarten. Aber dass er es ihm etwas schwerer machen wird als in der aktuellen Saison und vom Überrundeten wieder zu einem Rivalen wird, ist nach dem Istanbul-Grand-Prix ein großes Stück wahrscheinlicher geworden.

Stand: 15.11.2020, 14:57

Darstellung: