Analyse - Team-Stress macht Hamilton noch stärker

Lewis Hamilton in Shanghai vor Valtteri Bottas

Großer Preis von China in Shanghai

Analyse - Team-Stress macht Hamilton noch stärker

Von Christian Hornung

Die Kampfansage von Valtteri Bottas vor der Saison an Teamkollege Lewis Hamilton hätte der Weltmeister als Affront auffassen können - in Wahrheit macht der Stress ihn nur noch stärker. Bei Ferrari wirkt sich das offene Duell etwas anders aus.

Vor der Saison redete Bottas Klartext und überraschte damit vermutlich nicht nur seine Fans, sondern auch seinen Arbeitgeber und vor allem seinen Teamkollegen. Hatte sich zuvor der Eindruck aufgedrängt, dass der Finne sein Cockpit bei Mercedes nur behalten durfte, weil er ein treuer Vasall ohne eigene Ambitionen war, änderte sich mit diesen Worten alles: "Ich habe mich im Winter nicht rasiert. Ich fand den Bart gut, und er passt auch zu dem, wie es in mir aussieht und was ich vermitteln will. Ich war über den Verlauf der zweiten Saisonhälfte enttäuscht und verärgert, deshalb habe ich mir geschworen: So etwas darf nie mehr passieren. Um meine Ziele zu erreichen, bin ich dieses Jahr bereit zu tun, was nötig ist. Wenn ich dafür an einigen Stellen härter agieren muss, gehört das dazu." Rumms.

Hamilton wirkte satt und gelangweilt

In der zweiten Saisonhälfte - damit meinte Bottas, dass er mehrfach zugunsten von Hamiltons Ambitionen zurückgesteckt hatte. Damit ist es nun vorbei. Die Frage drängte sich auf: Wie reagiert Mercedes? Wie reagiert Hamilton? Mit Härte? Beleidigt? Beginnt er gar, Fehler zu machen? Alles falsch. Die Saison 2019 zeigt bislang: Bottas' Angriff macht den Fünffach-Weltmeister noch stärker. Noch fokussierter. Das beweist nicht nur seine komplett fehlerfreie Fahrdemonstration in Shanghai mit einem Start-Ziel-Sieg, sondern auch der Vergleich mit dem Saisonbeginn 2018.

Da wirkte der Jetset-affine Brite satt. Die Partys nach seinem vierten Titel schienen nicht so richtig enden zu wollen, Hamilton kam in keinen Rhythmus, agierte unkonzentriert, strahlte kein Feuer aus, wirkte in den Stellungnahmen zu seinen Niederlagen in den ersten drei Rennen gelangweilt. Völlig neu: Er schien sich sogar mit dem Verlieren arrangieren zu können - und Sebastian Vettel zog davon. Erst die Pannenserie von Ferarri bewirkte, dass Hamilton ab dem vierten Rennen wieder in die Spur kam, und auch die Hilfe von Bottas trug ihren Teil zur Wende bei.

Formel 1 in Shanghai - Hamilton siegt und übernimmt die Gesamtführung

Sportschau 14.04.2019 00:55 Min. ARD Von Jens Gideon (NDR)

Ferrari braucht jetzt schon einen Schlichter

Die Folge war der fünfte Titel, doch diese Sattheit von 2018 ist nun nicht mehr zu beobachten. Der Warnschuss, dass Bottas gleich im ersten Saisonrennen seinen Worten Taten folgen ließ und in Melboune gewann, mag sein Übriges beigetragen haben. Hamilton gewann die Rennen zwei und drei und hat jetzt schon 23 Punkte mehr auf dem Konto als zum Vorjahreszeitpunkt.

Hamilton profitiert also vom neuen Konkurrenz-Stress im eigenen Team. Und die zweite schlechte Nachricht für Vettel: Bei Ferrari scheint das nicht im gleichen Maß der Fall zu sein. Auch der Deutsche hat nun im supertalentierten Charles Leclerc einen deutlich aufmüpfigeren Kollegen, als es zuvor Kimi Räikkönen war. Doch bei den Roten ist schon jetzt der neue Teamchef Mattia Binotti als Schlichter gefragt.

Teamorder macht Leclerc wütend

Beim Großen Preis von Shanghai hatte die Teamleitung per Stallorder in der zehnten Runde zugunsten von Vettel eingegriffen, der den Start gegen Leclerc verloren hatte. Doch auch von dem künstlichen Überholmanöver profitierte Vettel nicht und nun wäre es die logische Folge gewesen, nach einer ergebnislosen Aufholjagd die alte Reihenfolge wieder herzustellen. Das ging aber nicht, weil Ferrari für beide Fahrer unterschiedliche Taktiken gewählt hatte, in deren Folge Leclerc auch noch seinen vierten Platz an Max Verstappen verlor.

Der Monegasse war schon während des Rennens wütend über die Teamentscheidung und nach dem Rennen erst recht: "Das war sehr schwer für mich zu akzeptieren. Verstanden habe ich die Entscheidung nicht, zumal Sebastian auch nicht an Mercedes herankam."

"Keine Entscheidung gegen den einen oder anderen Fahrer"

Binotto zeigte Verständnis: "Ich verstehe Charles' Gefühle, aber wir haben lediglich versucht, für das Team das Bestmögliche herauszuholen. Es war keine Entscheidung gegen den einen oder anderen Fahrer."

Profitiert hat Ferrari aber letztlich nicht - auch weil die Silbernen ihren teaminternen Konkurrenzkampf nutzen, um aus beiden Fahrern noch mehr Stärke herauszukitzeln.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 14.04.19, 18 Uhr

Stand: 14.04.2019, 11:40

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