WM in Russland und eine Frage: Bleibt das so?

Kinder spielen auf dem Roten Platz in Moskau

Nach fünf Wochen Weltmeisterschaft

WM in Russland und eine Frage: Bleibt das so?

Von Marcus Bark (Moskau)

Russland wird für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft mit Lob überschüttet und hat einiges davon verdient. Schon das Gedenken an einen inhaftierten Ukrainer im Hungerstreik zeigt aber, dass eine Frage gestellt werden muss: Bleibt das so? Vielleicht ist diese Frage sogar schon falsch gestellt.

In den Fan-Shops werden die T-Shirts nach Größen sortiert. Der letzte Schwung ist gekommen. Nur noch ein Spiel im Luschniki. Das große Finale. Milliarden Zuschauer blicken nach Moskau.

Ein kleiner Laster mit Plastiktank sprüht Wasser unter die Absperrgitter. Als wäre da Dreck. Da ist aber nur Staub in winzigen Dosen. Alles ist rein. Klinisch rein.

Abklatschen mit der Welt

Gut fünf Wochen hat die Weltmesse des Fußballs gedauert. Die Volunteers haben geholfen, gelacht und mit ihren großen Schaumstoffhänden die Welt abgeklatscht. Die Welt hat den Roten Platz bunt angemalt. Das Grün der Mexikaner, das Gelb der Kolumbianer, das Rot-Weiß der Kroaten, fünf Wochen hat der Regenbogen das größte Land der Welt geschmückt.

Die Russen haben mitgefeiert, mitgejubelt, mitgesungen, mitgetrunken, mit der Welt gesprochen, auch wenn das oft nur mithilfe von Apps ging. Glasnost 3.0.

"Mythen und Vorurteile abgebaut"

"Wir freuen uns, dass unsere Gäste alles mit eigenen Augen gesehen haben und dass Mythen und Vorurteile abgebaut sind", sagt Russlands Präsident Wladimir Putin am Abend vor dem Finale. So zitiert ihn jedenfalls "Sputniknews", ein staatlicher Propagandadienst, der sich so nie bezeichnen würde.

Verkleidet als Volunteer: Gianni Infantino

Verkleidet als Volunteer: Gianni Infantino

Gianni Infantino ist der Präsident des Weltfußballverbandes FIFA. Er hat der Weltmeisterschaft schon vor Jahren vorausgesagt, dass sie die beste der Geschichte sein wird. Er bestätigt das mit einem Dauerlächeln an diesem Tag, an dem der Tanklaster die sauberen Straßen nässt.

Freitag, der 13. Juli

Es ist der 13. Juli 2018, ein Freitag. Die ersten Bilanzen sind gesendet und geschrieben worden. Sie lesen sich gut für den Präsidenten Russlands und den des Fußballs. Gastfreundliche Menschen, tolle Stadien, tolle Infrastruktur, tolle Organisation. Die einzige Panne ist schon eine Weile her. Als ein Ermittler der FIFA die Vergabe der WM untersuchte, waren die Computer des russischen Bewerbungskomitees zerstört. Plötzlich.

Auch die Negationen in den Bilanzen sind wichtig, gerade die: keine Randale, keine Hooligans, keine Verspätungen, kein Ärger mit Tickets, kein Doping. Klinisch reiner Fußball.

Diese eine Frage stört in den Bilanzen, aber die Antwort gibt es erst, wenn die Gäste wieder weg sind: Bleibt das so?

Ballons für Sentsov im Straflager

Ein Volunteer mit Schaumstoff-Handschuh vor dem Stadion

Ein Volunteer mit Schaumstoff-Handschuh vor dem Stadion

Am Abend des 13. Juli, Infantino hat ein paar Stunden zuvor - als Volunteer verkleidet - Russland und namentlich Putin für die WM gedankt, stehen etwa 20 Menschen am Ausgang eines Parks in der Moskauer City. Sie haben sich am Denkmal von Vladimir Vysotsky getroffen, einem kritischen Liedermacher aus Sowjetzeiten.

Zwei schwarze Luftballons bilden die Zahl 42. Die Gruppe denkt mit den Ballons an Oleg Sentsov. Der Filmemacher aus der Ukraine ist im August 2015 zu 20 Jahren Straflager verurteilt worden, er verbüßt sie in einem weit entfernten Kaff am Polarkreis. Einen Monat vor Beginn der WM ist er in den Hungerstreik getreten. Wie es ihm genau geht, weiß hier keiner seiner Unterstützer.

Kreml prüft Gnadengesuch

Der russische Staat sieht in Sentsov jemanden, der Terroranschläge geplant haben soll, um dem Land zu schaden, das völkerrechtswidrig die Krim annektierte. Sentsov ist dort, in Simferopol, geboren worden, am 13. Juli vor 42 Jahren.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sieht in Sentsov einen politischen Gefangenen, der durch einen unfairen Prozess im Lager landete. Die Mutter des Filmemachers hat zum Ende der WM ein Gnadengesuch an die russische Regierung gestellt. Ihr Sohn habe doch niemanden umgebracht. Ihre Enkel warteten auf ihren Vater. Der Kreml hat gesagt, dass er das Gesuch prüfen werde.

"Svoboda"

Ein Mann mit Gitarre kniet vor den Luftballons und dem Denkmal. Er singt ein Lied, in dem der Refrain aus einem Wort besteht: "Svoboda." Freiheit. Er singt es mehrmals an diesem Abend.

Elena trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei Sventsovs. Darunter steht, dass er freigelassen werden solle. Fürchtet Elena keine Repressalien? Sie berichtet, dass es die erst am Mittag gegeben habe. Zwei andere Aktivisten seien zu 20.000 Rubel Strafe verdonnert worden, weil sie Flugblätter verteilt hätten, mit denen auf das Gedenken an Sentsov hingewiesen worden sei. 275 Euro für eine Geburtstagseinladung.

Flehen an die Welt

Zwei Polizisten kommen zum Denkmal. Leichtes Grummeln in der Gruppe. Eine Frau mit roten Haaren und Sommersprossen hebt flehend die Arme und ruft zwei Mal in das Smartphone: "Foreigner, come to my rescue!" Ausländer, rette mich! Statt des Regenbogens liegt ein bedrückendes Grau über dem Park am Vysotzky-Denkmal.

Eingeschränktes Demonstrationsrecht

Die beiden Polizisten machen einen freundlichen Eindruck. So, wie es von staatlichen Stellen für die Zeit der Weltmeisterschaft verordnet worden ist, besonders wenn Ausländer dabei sind und filmen. Sie sprechen ruhig mit der Frau mit den schwarzen Haaren, die sich selbstbewusst als Wortführerin bekennt. Die Polizei habe lediglich zu bedenken gegeben, dass das Demonstrationsrecht während der Weltmeisterschaft eingeschränkt sei, wird übersetzt. Operation klinisch rein.

Die Polizei rollt mit

Die Gruppe spaziert durch den Mittelgang des nächsten Parks. Auf der Straße ein paar Meter rechts rollt ein Polizeiwagen mit. Der Geburtstagskuchen kommt leicht verspätet. Eine junge Frau mit hellblonden Haaren zieht auch zwei Kerzen aus der Tüte, eine "4" und eine "2".

"Happy birthday to you" - russische Version

Im Gegenverkehr auf dem Mittelweg vier junge Menschen. Ein Mädchen mit langen Haaren trägt eine Geige mit sich. Könntest Du nicht? Ja, sie kann. Sie holt die Geige aus dem Kasten und spielt "Happy birthday to you." Die Demonstranten, die sich als Spaziergänger geben, singen dazu den russischen Text. Ob er das erfahren wird in Labytnangi, im Straflager "Weißer Bär"?

Verstärkung aus dem Mannschaftswagen

Zwei Bögen mit Blumen stehen am Ende des Parks. Moskau ist in die Abendsonne getaucht. Die Menschen haben sich schick gemacht, gehen aus, trinken Cocktails. An der Ampel hält ein Mannschaftswagen. Fünf Polizisten steigen aus. Gucken zunächst, was die Spaziergänger machen. Dann gehen sie los. Der Spaziergang ist beendet. Der Geburtstag löst sich auf. Die Frage, ob das so bleibt, ist vielleicht schon falsch gestellt, weil das klinische Weiß fünf Wochen blendete.

Stand: 15.07.2018, 10:00

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