Schiedsrichter-Assistent Borsch - "Kein Chaos beim Videobeweis"

Mark Borsch beim Fitnesstraining zwei Wochen vor der WM

sportschau.de-Interview vor der WM-Endrunde

Schiedsrichter-Assistent Borsch - "Kein Chaos beim Videobeweis"

Von Christian Hornung

Das deutsche Schiedsrichtergespann bei einem Großereignis ist zum dritten Mal das von Felix Brych mit seinen Assistenten Mark Borsch und Stefan Lupp. sportschau.de sprach mit Borsch über den speziellen Job des Assistenten, die WM-Vorbereitung, den Konkurrenzkampf und ein mögliches Chaos beim Videobeweis.

sportschau.de: Herr Borsch, die deutsche Nationalmannschaft bereitet sich in zwei Trainingslagern auf die WM vor – wie sieht Ihre Vorbereitung auf so ein Groß-Event aus?

Mark Borsch: "Die Vorbereitung hat schon vor vier Jahren unmittelbar nach der letzten Weltmeisterschaft begonnen. Insgesamt waren wir als Schiedsrichter und –Assistenten bei fünf Lehrgängen sowie einem FIFA-Turnier, der Klub-WM in Abu Dhabi. Dazu haben wir unmittelbar vor der WM in Russland noch ein einwöchiges Trainingslager."

Es gibt nur ein deutsches Schiedsrichter-Gespann bei der WM in Russland – waren Sie erleichtert, dass die Wahl erneut auf Ihre Crew mit Dr. Felix Brych gefallen ist?

Borsch: "Erleichtert ist der falsche Ausdruck – eher glücklich und stolz. Es ist eine tolle Bestätigung für die harte Arbeit der letzten Jahre."

Als Schiedsrichterassistent wird man in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf Abseits, Einwurf und Eckball reduziert. Wie ist das in Wahrheit, wieviel Einfluss nehmen Sie über das Headset auch auf ganz andere Entscheidungen?

Borsch: "Leider ist das mit der falschen öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich oft so. Dabei funktioniert ein Top-Schiedsrichter aber nur mit zwei guten Assistenten, die ihn nicht nur auf dem Platz bei allen Entscheidungen unterstützen und ihm helfen, sondern auch außerhalb des Platzes verlässliche Partner sind. Die Zusammenarbeit ist von viel Vertrauen geprägt. Darüber hinaus möchte ich betonen, dass Schiedsrichter im Fußball Leistungssportler sind. Auch wir müssen täglich trainieren, um den Anforderungen standhalten zu können. Dies wird in der Öffentlichkeit auch oft anders wahrgenommen."

Das deutsche WM-Schiedsrichtergespann mit Felix Brych (M.), Stefan Lupp (l.) und Mark Borsch (r.)

Das deutsche WM-Schiedsrichtergespann mit Felix Brych (M.), Stefan Lupp (l.) und Mark Borsch (r.)

Ist für die Schiedsrichter genau nachvollziehbar, wen der DFB für so eine WM nominiert? Gibt es da exakte Leistungskriterien über die ganze Saison? Und wie wichtig sind auch die internationalen Auftritte bei Länderspielen oder im Europapokal für die Auswahl des Top-Gespanns?

Borsch: "Die Auswahl für die Weltmeisterschaft trifft die FIFA, nicht der DFB. Da werden verschiedene Aspekte mit einbezogen: die Qualität der Spielleitungen sowohl in den Bundesligen als auch international bei FIFA-Turnieren, WM-Qualifikationsspielen, Champions-League-Spielen sowie sportliche Fitness und vieles mehr."

Von der deutschen Weltmeister-Mannschaft 2014 in Rio hat man immer wieder gehört, wie sehr sich die Unterbringung im Camp damals auf ihren Teamgeist und damit auch auf Ihre Leistung ausgewirkt hat. Wie ist das für die Unparteiischen – wohnen alle Schiedsrichter zusammen?

Borsch: "Ja, wir sind alle gemeinsam in einem Moskauer Hotel untergebracht. Das fördert auch bei uns den Teamgeist untereinander."

Wie ist der Austausch mit den Referees aus anderen Nationen?

Borsch: "Stetig und intensiv. Man kann voneinander lernen."

Herrscht Konkurrenzkampf? Spricht man nach den Spielen auch mit anderen Schiedsrichterkollegen über die Leistung, gibt man sich vielleicht sogar Tipps?

Borsch: "Selbstverständlich werden die Spiele gemeinsam aufgearbeitet und analysiert. Konkurrenzkampf ist im Schiedsrichterwesen und erst recht bei einem solch großen Turnier fehl am Platz. Schließlich wollen wir alle professionell Spiele leiten und fiebern mit den Kollegen mit."

Wie viele Spiele wird Ihr Gespann bei der WM leiten – weiß man das vorher?

Borsch: "Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ein Spiel dürfte es aber auf jeden Fall werden ..."

Wie ist das für ein Gespann während der WM, wenn man nicht weiß, ob und wann man wieder ein Spiel leiten darf? Was macht man in der Zwischenzeit – und wie lange bleiben alle Gespanne vor Ort? Bis die FIFA sagt, Sie können den Heimflug buchen?

Borsch: "Langweilig wird uns nicht. Wir werden jeden Tag trainieren - sowohl auf dem Fußballplatz, als auch vor dem TV-Gerät."

Wie läuft die Nachbearbeitung eines WM-Spiels – zum einen intern in Ihrem Gespann, aber auch mit der FIFA? Gibt es Feedback, werden Szenen nochmal aufgearbeitet, gibt es mitunter auch harte Kritik?

Borsch: "Wie bereits gesagt, werden alle Spiele sowohl intern von uns aufgearbeitet, aber auch von der FIFA-Schiedsrichter-Kommission und den Instruktoren analysiert und besprochen."

Die Bundesliga arbeitet mit dem Video-Assistenten, andere WM-Nationen und ihre Schiedsrichtergespanne aber bisher nicht. Befürchten Sie da Anlaufschwierigkeiten in solch einem wichtigen Turnier? Droht sogar Chaos?

Borsch: "Chaos droht mit Sicherheit nicht, dafür gab es zu viele Lehrgänge, bei denen sich auch die Schiedsrichter, die in ihren Ligen ohne Video-Assistent auskommen müssen, mit dem System vertraut machen konnten. Insgesamt hat die FIFA eine gute Auswahl getroffen."

Wie stark sind die Anforderungen durch den Video-Assistenten gestiegen? Wie werden die Gespanne da von der FIFA vorbereitet, damit alle auf einem Stand sind?

Borsch: "Die Anforderungen sind insofern gestiegen, als dass man in gewissen Fällen Funkdisziplin halten muss, da man nun gegebenenfalls mit noch mehr Leuten kommunizieren muss. Ansonsten ist der Video-Assistent eine Erleichterung für uns, da man vor großen Fehlentscheidungen geschützt wird. Allerdings gibt es in vielen Situationen nicht nur eine Wahrheit!"

Gibt es bei Schiedsrichtern eigentlich auch eine Formkurve – und wie kommt man in WM-Form?

Borsch: "Natürlich unterliegen wir auch gewissen Formschwankungen, und nicht jeder Tag ist gleich. Aber spätestens mit Abflug nach Russland und der ersten Ansetzung vor Ort steigen die Anspannung und die Konzentration."

Mark Borsch mit Headset an der Linie

Mark Borsch mit Headset an der Linie

Wie sehr befassen Sie sich, wenn Sie Ihre Paarungen kennen, mit den beiden Teams? Schauen Sie beispielsweise, wer sind die Schwalbenkönige, wer provoziert gern, wer redet ständig auf den Schiedsrichter ein, wie wild sind die Trainer an der Seitenlinie?

Borsch: "Jedes zu leitende Team wird von uns vorher analysiert. Dazu bekommen wir auch professionelle Hilfe von unseren Match-Analysten. Das ist seit einigen Jahre bei internationalen Spielen bereits gängige Praxis und sehr effektiv. Und wer weiß, vielleicht treffen wir in Russland ja auf den einen oder anderen Bekannten aus der Bundesliga."

Drücken Sie eigentlich Deutschland die Daumen? Denn wenn das Team beispielsweise ins Halbfinale oder Finale kommt, heißt das ja auch, dass Ihr Gespann diese Spiele nicht leiten dürfte...

Borsch: "Natürlich drücke ich der Mannschaft die Daumen. Ich hoffe aber auch, dass Jogi Löw und sein Team uns ebenfalls die Daumen drücken ..."

Stand: 08.06.2018, 08:34

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