Gelbsperren im Finale - hätten sie diesmal nützlich sein können?

Frankreichs Kylian Mbappé sieht die Gelbe Karte im Halbfinale gegen Belgien.

Unfaires Spiel bei der WM 2018

Gelbsperren im Finale - hätten sie diesmal nützlich sein können?

Von Chaled Nahar

Die FIFA streicht seit 2010 vor den Halbfinalen einzelne Gelbe Karten, um Gelbsperren im Endspiel auszuschließen. Bei der WM 2018 gab es unfaire Szenen in beiden Halbfinalen - eine Folge der Regelung? Oder sollten die Besten spielen dürfen?

Als Frankreichs Louis Saha bei der WM 2006 im Halbfinale in München gegen Portugal in der 87. Minute die Gelbe Karte sah, schrieb er unfreiwillig Fußballgeschichte. Es war seine zweite Verwarnung im Turnier, Saha verpasste das Finale - und wurde damit der bislang letzte Spieler, der ein WM-Endspiel wegen einer Gelbsperre verpasste.

Sahas Landsmann Kylian Mbappé erging es 2018 deutlich besser. Er sah sowohl im Viertelfinale gegen Uruguay als auch im Halbfinale gegen Belgien die Gelbe Karte. Er profitierte davon, dass die FIFA seit der WM 2010 einzelne Gelbe Karten streicht, um Sperren im Finale zu verhindern. Aber profitiert davon auch der Sport?

Pro: Die besten Spieler sollen im WM-Finale spielen

Die Argumentation für die Streichung der Gelben Karten ist eigentlich stark: Wegen einer schnöden Gelben Karte das größte Fußballspiel dieses Planeten zu verpassen, ist eine sehr harte Strafe. Im Spiel der beiden besten Mannschaften der Welt sollen schließlich auch die besten Spieler der Welt zum Einsatz kommen. Kommerziell gedacht wäre es zudem für die FIFA ein großes Ärgernis, wenn beispielsweise bei einem Finale zwischen Portugal und Brasilien vielleicht Cristiano Ronaldo und Neymar nicht hätten mitspielen dürfen.

Italiens Alessandro Costacurta (rechts) im WM-Halbfinale 1994 mit Nasko Sirakov aus Bulgarien

Italiens Alessandro Costacurta (rechts) im WM-Halbfinale 1994 mit Nasko Sirakov aus Bulgarien

Und die Halbfinalespiele lieferten in der Vergangenheit so einige Grausamkeiten: Das bekannteste Beispiel bleibt Michael Ballacks zweite Gelbe Karte im Halbfinale gegen Südkorea 2002, wodurch er der deutschen Mannschaft im verlorenen Endspiel gegen Brasilien fehlte. Aber auch Italiens Weltklasse-Verteidiger Alessandro Costacurta 1994 oder Argentiniens Stürmer Claudio Caniggia 1990 erlebten die gleiche Enttäuschung.

Derartige Sperren nach einer zweiten Gelben Karte sollte es nicht mehr geben, beschlossen die großen Verbände. Bei Weltmeisterschaften werden einzelne Gelbe Karten daher seit 2010 vor dem Halbfinale gestrichen, bei Europameisterschaften seit 2008 und in der Champions League und Europa League, wo man nach drei Gelben Karten gesperrt ist, seit 2014. Und für die richtig unfairen Aktionen gebe es ja immer noch Sperren nach Roten und Gelb-Roten Karten. Zudem bleibt die grundsätzliche Frage nach dem Sinn von Sperren, wenn eh nur der Gegner aus dem nächsten Spiel von ihr profitiert.

Spieler, die ein WM-Finale mit Gelbsperre verpassten
JahrSpielerMannschaft
2006Louis SahaFrankreich
2002Michael BallackDeutschland
1994Alessandro CostacurtaItalien
1990Claudio CaniggiaArgentinien
1990Julio OlarticoecheaArgentinien

Kontra: Das Halbfinale kann an Attraktivität verlieren

Doch nachdem es bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 in den Halbfinalen nichts zu beanstanden gab, zeigte die Regelung bei der WM 2018 in der Runde der letzten Vier erstmals ihre Kehrseite. Denn Gelbe Karten im Halbfinale sind in der Schlussphase keine Bedrohung für die Spieler mehr, die abschreckende Wirkung ist weg. Das Halbfinale ist durch die wegfallende Sperre gemacht für taktische Fouls, Provokationen und Zeitspiel in der Schlussphase.

Frankreich spielte beim Stande von 1:0 gegen Belgien in der Schlussphase fast nur noch auf Zeit. "Anti-Fußball", schimpfte Belgiens Torwart Thibaut Courtois über die Spielweise Frankreichs. Und sein Mitspieler Eden Hazard sagte, er würde "lieber mit Belgien verlieren, als mit Frankreich zu gewinnen". Kylian Mbappé war das selbstverständlich völlig egal, die Gelbe Karte für sein unwürdiges Zeitspiel nahm er hin - am Sonntag gegen Kroatien darf er ja spielen.

Für Kroatiens Spieler war die Regelung im zweiten Halbfinale eine große Erleichterung. Sagenhafte zwölf Gelbe Karten hatte das Team vor dem Spiel gegen England gesammelt, diese Vorbelastung wurde dem Team genommen. Ante Rebic trat mehrfach berherzt zu und wurde erst in der Verlängerung für ein taktisches Foul mit Gelb belangt, Mario Mandzukic schlug den Ball frustriert weg und Englands Kyle Walker zog - als seine Mannschaft noch führte - zwischenzeitlich ein erbärmliches Zeitspiel auf.

Alle drei wären im Finale gesperrt gewesen und hätten mit diesem Wissen ihre Mätzchen wohl gelassen, die die Spiele nun etwas abwerten. Auch Mbappé hätte mit einer drohenden Sperre wohl eher auf sein Zeitspiel verzichtet und Belgien sich stärker auf einen möglichen letzten Angriff konzentrieren können. Dieses Halbfinale hat also gezeigt, dass Gelbsperren im Finale nützlich sein können.

Saha - nach neun Minuten fürs Finale gesperrt

Frankreichs Louis Saha bekommt 2006 im Halbfinale seine zweite Gelbe Karte.

Frankreichs Louis Saha bekommt 2006 im Halbfinale seine zweite Gelbe Karte.

Und Louis Saha? Zwei Jahre nach der WM 2006 wurde er mit Manchester United Champions-League-Sieger. Auch damals saß er im Finale gegen Chelsea draußen, allerdings aus sportlichen Gründen. An den sporthistorischen Moment, als er in nur neun Minuten Spielzeit durch zwei Kurzeinsätze im Viertel- und Halbfinale bei der WM 2006 eine Sperre für das Endspiel produzierte, erinnert sich kaum jemand. Seine Länderspielkarriere endete mit einem Tor beim 5:0 für Frankreich im Herbst 2006 im Qualifikationsspiel zur EM 2008 gegen die Färöer.

Stand: 11.07.2018, 23:28

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