FIFA sieht Traumquote bei Videobeweis

Nestor Pitana

Bilanz nach der Vorrunde

FIFA sieht Traumquote bei Videobeweis

Von Marcus Bark (Moskau)

Die Weltmeisterschaft ist das erste große Fußballturnier, bei dem der Videoassistent zum Einsatz kommt. In einer ersten Bilanz sagt die FIFA, dass nahezu alle der 335 Entscheidungen in der Vorrunde richtig gewesen seien.

Die deutsche Mannschaft kehrte nochmal in das Turnier zurück, zumindest auf die Bildschirme im Moskauer Luschniki-Stadion. Pierluigi Collina, Chef der Schiedsrichterkommission im Weltverband FIFA, zog Bilanz über den Einsatz des Videoassistenten, der mit seinen Helfern in einer großen Halle in Moskau jedes Spiel beobachtet.

Bei der Partie zwischen Deutschland und Südkorea griff er in der Nachspielzeit ein. Schiedsrichter Mark Geiger hatte den Treffer von Younggwon Kim zunächst aberkannt, weil der Linienrichter eine Abseitsstellung erkannt hatte. Die lag auch vor, doch der Südkoreaner erhielt den Pass von Toni Kroos, damit war das Abseits aufgehoben.

Hektik wegen Zeitdruck

Mit einer bemerkenswerten Transparenz erklärte Collina anhand der Szene, wie der Video Assistent Referee (VAR) dies anhand der Bilder erkannte.

Sowohl die Kommunikation des VAR mit seinen Helfern als auch mit Geiger war zu hören. Der Niederländer Danny Makkelie, in diesem Spiel VAR, war sich recht schnell sicher, dass Kroos den Pass gespielt hat. Zu sehen war aber, wie auch in drei anderen Videos, wie der VAR sich unter Zeitdruck fühlte. Teilweise ging es in den Beispielen auch hektisch zu, wenn der VAR von den Helfern andere Perspektiven forderte.

Der Druck, unter dem sich Makkelie wähnte, ist auch daran zu erkennen gewesen, dass er den Schiedsrichter an den Monitor bat, um dort selbst ein Urteil zu fällen. Dabei gab es anhand der Bilder überhaupt keinen Zweifel. Der besondere Umstand - letztes Gruppenspiel, Nachspielzeit - habe wohl dazu geführt, gab Collina zu bedenken.

335 Fälle überprüft

In den 48 Partien der Vorrunde wurden laut FIFA 335 Fälle im Kontrollraum des VAR überprüft, darunter fielen alle 122 Tore. Nur 17 Mal griff der VAR ein, 14 Mal eilte der Schiedsrichter dabei auch zum Monitor. Kims Tor für Südkorea betraf eine von 14 Entscheidungen, die nach Eingriff des VAR geändert wurden. Darunter fielen sieben gegebene Elfmeter, zwei Strafstöße wurden nach Ansicht der Bilder zurückgenommen.

Das trug dazu bei, dass die Anzahl von Elfmetern drastisch anstieg. Waren es bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 nur jeweils zehn Elfmeter in der Vorrunde, gab es in Russland 24.

99,3 Prozent richtige Ergebnisse

Für die FIFA errechnete sich, dass 99,3 Prozent der 335 Überprüfungen des VAR das richtige Ergebnis ergaben. Ohne den VAR wäre die Quote in diesen Fällen bei 95 Prozent gewesen, so Collina. Welche beiden Entscheidungen die FIFA für falsch hielt, verriet der Schiedsrichterboss nicht.

"Der VAR bedeutet keine Perfektion", sagte Collina, der sehr zufrieden mit der Umsetzung war. Es werde weiterhin Fehler geben, aber die Anzahl würde minimiert.

Der Italiener versuchte mit Statistiken den Kritikern Wind aus den Segeln zu nehmen. So habe der Einsatz des VARs nur einen geringen Anteil an der Zeit, in der das Spiel nicht läuft. Durchschnittlich sei der Ball 39 Minuten und 50 Sekunden während einer WM-Partie nicht im Spiel gewesen, nur 38 Sekunden seien dabei auf einen Einsatz des VAR zurückzuführen.

Deutlich längere Nachspielzeit

Die Reviews des VAR dauerten in Russland durchschnittlich 80 Sekunden. Die Zeit verringerte sich von 86 Sekunden um eine halbe Minute, wenn sich der Schiedsrichter die Ansicht am Monitor sparte.

Bemerkenswert ist der Anstieg der Nachspielzeit im Gegensatz zum Turnier 2014. Waren es in Brasilien durchschnittlich 5:19 Minuten, sind es in Russland 6:15 Minuten. Dabei sei zu bedenken, so Collina, dass es in Brasilien viele Spiele mit Trinkpausen von drei Minuten gegeben hätte, die in die Nachspielzeit eingerechnet werden.

Nur eine Rote und zwei Gelb-Rote Karten, eine davon für Jerome Boateng, gab es bislang bei der WM 2018. Ein Schnitt von 3,4 Gelben Karten sei „absolut im Bereich von anderen Wettbewerben“, sagte Collina.

Der Schiedsrichterboss wurde gefragt, ob es vielleicht bei den nächsten Turnieren nicht nur die strittigen Szenen auf den Bildschirmen zu sehen gibt, sondern auch die Kommunikation zwischen VAR und Schiedsrichter.

Collina schloss das nicht aus, sagte aber: "Vor dem Laufen musst du lernen zu gehen." Es sei noch zu früh, darüber zu reden. Zvonimir Boban, stellvertretender Generalsekretär der FIFA, war das vermutlich ein bisschen zu forsch. Er stand von seinem Stuhl im Presseraum auf, ergriff ein Mikrofon und sagte: "Das ist bei einer WM wegen der verschiedenen Sprachen nicht möglich." Boban empfahl, dass sich die nationalen Ligen dies ja überlegen könnten.

Einschätzung der ARD-Experten zum Videobeweis:

Thomas Hitzlsperger: "Es ist für mich auch manchmal schwer, herauszufinden, was jetzt geht und was nicht geht. Wir hatten eine Situation in dem Gruppenspiel zwischen Nigeria und Argentinien, die der Szene aus dem Montagsspiel zwischen Portugal und dem Iran ähnelte – und es wurde jeweils anders entschieden. Wir loben zwar den Schiedsrichter, dass er viel durchgehen lässt und nicht interveniert wird. Aber manchmal ist für mich schwer zu begreifen, was ist Foul und was ist kein Foul. Da wird keine einheitliche Linie gefahren."

Jürgen Jansen, Schiedsrichter-Experte: "Trotz der technischen Unterstützung haben wir auch wieder Menschen, die Szenen unterschiedlich beurteilen. Das werden wir auch durch den Einsatz des VAR nicht ganz rausbekommen. Aber das Thema VAR hat doch – anders als alle erwartet haben und bis auf wenige Ausnahmen – sehr harmonisch funktioniert. So dass ich nach der Vorrunde sagen kann, dass es insgesamt gut geklappt hat."

Stand: 29.06.2018, 18:08

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