England bei der WM - Alles auf die Jugend

Marcus Rashford (l.) und Harry Kane

WM-Endrunde

England bei der WM - Alles auf die Jugend

Von Marco Schyns

Englands vergangene WM? Peinlich. Englands vergangene EM? Enttäuschend. Jetzt aber reisen die "Three Lions" mit einer Generation von Spielern nach Russland, die gerade erst ins beste Fußballer-Alter kommt.

Es ist ein einfaches Video, dass die aktuelle Situation im englischen Fußball perfekt beschreibt. Um den Kader für die Weltmeisterschaft in Russland bekanntzugeben, hat der Englische Fußballverband ein Video erstellt. Darin rufen Jugendliche die Namen ihrer Idole in die Kamera – und verkünden damit deren Teilnahme. Das Video entwickelte sich binnen weniger Stunden zum Social-Media-Hit. Und es zeigt auf, worum es geht, wenn die "Three Lions" in Richtung Russland starten: die Jugend.

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Der Kader ist der drittjüngste überhaupt in der WM-Geschichte der Engländer. 25,5 Jahre im Schnitt sind die 23 Profis, die von Nationaltrainer Gareth Southgate für die Endrunde nominiert wurden. Southgate selbst gehört mit seinen 47 Jahren zur jüngeren Generation in der Trainer-Riege – und ist seinerseits der jüngste Nationalcoach Englands bei einer WM seit Glenn Hoddle vor 20 Jahren. Der ehemalige Premier-League-Profi war nach seinem Karriereende 2006 beim FC Middlesbrough sofort ins Trainergeschäft eingestiegen.

Southgate nur die B-Lösung nach EM-Blamage

Nach dem blamablen Achtelfinal-Aus bei der Europameisterschaft 2016 gegen Außenseiter Island war Southgate nicht die erste Wahl für den nach dem Turnier in Frankreich entlassenen Roy Hodgson. Sam Allardyce heuerte an, stolperte aber nur wenige Wochen nach Amtsantritt über eine Betrugsaffäre. Demnach soll Allardyce bei einem Treffen mit verdeckt recherchierenden Reportern Tipps zur Umgehung von Transferregeln gegeben haben.

Der damalige U21-Trainer Southgate sprang ein – und ging nicht mehr weg. Noch immer sieht er sich, vor allem wegen fehlender Erfahrung, einigen Kritikern im Verband gegenüber, die Bilanz aber spricht für ihn: In 14 Spielen gab es sieben Siege und nur zwei Niederlagen. Die WM-Qualifikation gelang problemlos mit 26 von 30 möglichen Punkten in Gruppe F.

Fast alles neu im Team der „Three Lions“

Dass eine souveräne Qualifikation aber nichts heißen muss, haben die "Three Lions" höchstselbst bewiesen bei der EM vor zwei Jahren. Damals gelangen zehn Siege in zehn Spielen – um dann erneut früh abzureisen. Was also soll sich geändert haben in diesen gut zwei Jahren? Das Video zeigt es: fast alles.

Trainer Gareth Southgate (l.) im Gespräch mit John Stones

Trainer Gareth Southgate (l.) im Gespräch mit John Stones

Der halbe Kader wurde ausgetauscht (nur zwölf EM-Fahrer sind in Russland dabei), das Team verjüngt und der Spielstil verändert. Nur drei Spieler sind älter als 28 Jahre: Abwehrchef Gary Cahill (32 Jahre), WM-Debütant Ashley Young (32) und Leicesters Torschützenkönig aus deren Meistersaison 2016, Jamie Vardy (31). Dass ein unerfahrener Trainer auf einen unerfahrenen Kader setzt, hatte sich in den vergangenen Monaten zwar angedeutet, wirft aber dennoch Fragen auf. Die englische Presse nennt es gar ein Lotteriespiel. Southgate aber verteidigt seine Linie. "Ich sehe es nicht als Lotteriespiel", sagt der Nationalcoach: "Wir denken, es ist die beste Gruppe an Spielern für dieses Turnier."

Der Traum vom ersten Titel seit 1966

Tatsächlich gibt es keinen Anlass, das Team kleiner zu reden, als es ist. Mit Harry Kane, der das Team bei der WM als Kapitän anführen wird, und Dele Alli von den Tottenham Hotspur sind zwei Spieler dabei, die schon in der Champions League bewiesen haben, wozu sie fähig sind. Die beiden sind die Aushängeschilder einer Generation von Fußballern, die, so erhoffen es sich die Fans auf der Insel, England wieder in die Nähe eines Titels bringen sollen.

Für Englands Fußball-Legende Gary Lineker sollte das bevorstehende Turnier einzig und allein als Lernkurve der jungen Spieler dienen. Schließlich sind die Protagonisten gerade erst dabei, ins beste Fußballer-Alter zu kommen. Das gilt für Kane (24 Jahre) und Alli (22) genauso wie für Raheem Sterling (23), John Stones (23), Eric Dier (24), Jesse Lingard (24) und sogar für die talentierten Torhüter Jordan Pickford (24) und Jack Butland (25). Große Hoffnungen ruhen auch auf den beiden Jüngsten im Kader: Marcus Rashford (20) von Manchester United und Debütant Trent-Alexander Arnold (19), der von Liverpool-Coach Jürgen Klopp zum Stammspieler gemacht wurde.

Sie alle verfügen über eine feine Technik, ein gute Ballbehandlung und haben ein Verständnis dafür, wie sich der Fußball entwickelt hat. Lang und weit – so wie es den Engländern einst nachgesagt wurde und noch heute von Teams wie Irland und Nordirland praktiziert wird, kennen diese Akteure gar nicht. Sie werden trainiert von den besten Trainern der Welt – ob nun Pep Guardiola, José Mourinho, Mauricio Pochettino oder Jürgen Klopp.

Southgate will kein Ziel für die WM ausgeben

Ihr Nationaltrainer hat einen weitaus weniger bekannten Namen im Weltfußball, weiß sich aber durchaus auf verschiedene Situationen einzustellen. Zuletzt ließ der 47-Jährige im 3-1-4-2-System spielen – mit Dier als einer Art Vorstopper vor der Dreier-Abwehrkette. Ansonsten gilt Southgate aber auch als Fan der klassischen Viererkette. Welches System bei der WM zum Erfolg verhelfen soll, ist daher aktuell noch nicht vorherzusagen.

"Ich denke, diese Gruppe junger Spieler kann sehr viel Spaß machen – jetzt und in der Zukunft. Ich werde kein Ziel ausgeben und damit ein mögliches Limit dafür setzen, was sie erreichen können", sagt ein ambitionierter Southgate, der sich ganz offensichtlich mehr vom Turnier verspricht als die breite Öffentlichkeit in England.

Vielleicht könnte genau dieser fehlende Druck zum Erfolg verhelfen – und wenn nicht jetzt in Russland, dann womöglich beim nächsten großen Turnier. Die junge Generation legt ja gerade erst richtig los.

Stand: 07.06.2018, 09:28

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