DFB-Manager Bierhoff: "Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet"

Oliver Bierhoff

Nach Vorrunden-Aus

DFB-Manager Bierhoff: "Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet"

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff hat Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre eingeräumt und sich kritisch über die WM-Nominierung Mesut Özils geäußert.

Nach dem frühen WM-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft hat der Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" darüber gesprochen, ob eine Nichtnominierung von Özil für die WM in Russland infolge der Erdogan-Affäre gerechtfertigt gewesen wäre.

Zunächst erstaunliche Kehrtwende

"Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet", sagte Bierhoff. Was genau er mit der "Sache" meinte, ließ Bierhoff offen.

Es war eine erstaunliche inhaltliche Kehrtwende, schließlich hatte Bierhoff unmittelbar vor der WM noch betont, es seien vor allem die Medien, die daraus ein Thema machten. So sagte Bierhoff vor dem letzten Testspiel gegen Saudi-Arabien in Richtung des ARD-Moderators Alexander Bommes: "Mein Ratschlag an die Jungs ist: Redet nicht mehr darüber, konzentriert euch auf den Sport."

Bierhoff später: "Habe mich falsch ausgedrückt"

Am Freitagnachmittag versuchte Bierhoff, sich von seinen eigenen Aussagen zu distanzieren, ein klares Bekenntnis zu Özil vermied er aber weiterhin. "Es tut mir leid, dass ich mich da offenbar falsch ausgedrückt habe und diese Aussagen missinterpretiert werden", sagte er der Bild-Zeitung.

Der Frage, ob Özils Karriere in der Nationalmannschaft beendet sei, wich er aus: "Ich kann nur wiederholen, ich habe mich da missverständlich ausgedrückt. Aber klar ist, Mesut wird auch in Zukunft genauso sportlich beurteilt wie jeder andere Spieler auch."

Bierhoff gesteht Fehler ein

Özil hat sich seit den Mitte Mai in London entstandenen Bildern mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in der Öffentlichkeit im Gegensatz zu Ilkay Gündogan nicht geäußert und blieb auf Erlaubnis des DFB auch dem Medientag im Trainingslager fern.

Nach dem historischen WM-Aus in der Vorrunde wurde Özil von der Öffentlichkeit zu einem der Sündenböcke auserkoren und hart kritisiert. "Ich glaube, die Tatsache, dass Mesut und Ilkay die Fotos gemacht haben, hat die Mannschaft nicht so sehr beschäftigt. Aber die Debatte war nachhaltig. Im Rückblick würde ich versuchen, dieses Thema noch klarer zu regeln", sagte Bierhoff.

"Alles auf den Prüfstand"

Bierhoff kündigte zudem "tiefgreifende Veränderungen" an: "Was zu einer 14 Jahre währenden Erfolgsgeschichte beigetragen hat, darf nicht einfach ignoriert werden. Klar ist aber, dass wir alles auf den Prüfstand stellen müssen, personell und strukturell", sagte Bierhoff: "Dazu gehören die Zusammenstellung des Kaders genauso wie die internen Abläufe. Es muss Einschnitte auf allen Ebenen geben. Wir haben uns in Russland nicht als Mannschaft präsentiert. Das ist etwas, was mir besonders wehtut."

Bierhoff sieht keine Entfremdung

Die immer öfter thematisierte Entfremdung zwischen den Fans und der Nationalmannschaft hat Bierhoff nach eigenen Angaben "registriert" und nimmt "diese Wahrnehmung sehr ernst", wehrt sich diesbezüglich jedoch auch gegen einige Behauptungen.

"Im Trainingslager sind die Spieler teils mit dem Fahrrad zum Trainingsplatz gefahren, haben bei den wartenden Fans angehalten und Autogramme geschrieben. Oft wird da einiges verklärt, denn solch eine Nähe gab es zu meiner aktiven Zeit nie", sagte Bierhoff.

Stand: 06.07.2018, 09:29

Darstellung: