Rückwärts in den Rumpelfußball

Thomas Müller

Deutsches WM-Aus

Rückwärts in den Rumpelfußball

Von Günther Schroth

Deutschland ist bei der WM 2018 in Russland als Titelverteidiger schon in der Vorrunde ausgeschieden - ein Kommentar.

Nach einer Nacht im Halbschlaf ist es gar nicht mal so schwer, sich dieses Ausscheiden zu erklären. Im Grunde ist genau das passiert, was schon 2006 jeder befürchtet hat. Nur dass das diesmal eben keiner befürchtet hat. Und da liegt schon der Kern der Erkenntnis. Seit 2006 sind die deutschen Fußballer mit der Angst in die WM gestartet: Das kann ja nichts werden, so wie wir spielen.

Sie hatten damals ein grandioses Scheitern in der Europameisterschaft hinter sich. 2006 aber hat es dann dennoch gereicht zu einem Sommermärchen mit denkwürdigen Sieg über Argentinien - mit einem Jens Lehmann, der die Elfmeterschützen des Gegners mit einem Spickzettel überrumpelte. Dieser Rumpelfußball deutscher Prägung war immer für Überraschungen gut.

Dann kam Südafrika 2010. Der  Rumpelfußball war plötzlich begeisternder Offensivfußball. Ein 4:0 und 4:1 in Südafrika gegen Argentinien und England waren nur die unerwarteten Vorspiele zum sagenhaften 7:1 vier Jahre später gegen Brasilien in Brasilien - und dem anschließenden Titelgewinn gegen Argentinien.

Und jedes Mal hieß es vorher: Wird ja eh nichts. Der deutsche Fußballer übte sich in Bescheidenheit und holte dann das Maximale  aus sich heraus. Oder auch: Alles was er hatte. Ich denke da an den blutüberströmten Bastian Schweinsteiger aus dem Finale in Brasilien, den Schmerzensmann von Rio. Und jetzt? Kein Schmerzensmann von Russland.

Jetzt war diese Bereitschaft, die physischen und mentalen Grenzen zu überschreiten, nicht mehr vorhanden. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ging die Mannschaft nicht mit Befürchtungen ins Turnier, sondern mit Gewissheiten. Als selbst ernannter Turnierfavorit. Und das ging nach hinten los. Die Bereitschaft, in jeder Spielsituation absolute Maximalleistung zu bringen, ging verloren.

Endlich mal ausgeruht Weltmeister zu werden, ohne die Anstrengung und Qual, die das ständige Über-sich-Hinauswachsen mit sich bringt, das war das heimliche Vorhaben von allen. Vom Trainer, der Espresso trinkend als Mann von Welt mit allzu großer Sorglosigkeit in das Turnier ging, bis zum Pressemann, der auf dem Platz glaubte, den Schweden die Leviten lesen zu müssen. Klar ist es angenehmer, ohne Furcht in ein solches Turnier zu gehen. Aber die Angst vor dem Versagen ist auch ein äußerst wirksamer Motivator.

Und diese disziplinierende Kraft fehlte der Mannschaft, trotz aller späten Einsicht. Die Südkoreaner hatten nichts mehr zu verlieren, sie waren bei dem Sieg gegen die deutsche Mannschaft auch nicht das bessere Team. Aber sie waren das Team, das unter keinen Umständen als Gruppenletzter aus dem Turnier gehen wollte. Die "Mannschaft" betrachtete das nicht mal als entfernte Möglichkeit - und hat deswegen genau dieses Schicksal verdient: Deutschland wurde Gruppenletzter.

Weil das Team nicht mehr die Kraft aufbringen wollte, die Furcht vor der Niederlage auszuhalten. Lieber war man im Kopf schon wieder Weltmeister. Und endete im Rückwärtsgang in den Rumpelfußball. Der einzige Trost: Jogi Löws Nachfolger, und den wird es irgendwann geben, wird es so schwer gar nicht haben. Denn nach dieser desolaten WM ist sie zumindest bei mir wieder da: die Angst vor dem Niedergang des deutschen Fußballs.

Stand: 28.06.2018, 14:19

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