Topfavorit Brasilien – mehr als nur Neymar

Brasilien bejubelt den Treffer im Freundschaftsspiel gegen Deutschland, Neymar fehlte

WM-Endrunde

Topfavorit Brasilien – mehr als nur Neymar

Von Marco Schyns

Nach der 1:7-Schmach gegen Deutschland bei der WM 2014 will Brasilien in Russland angreifen. Sie gelten als Topfavorit. Auch weil das Team viel mehr zu bieten als hat nur Superstar Neymar.

Brasilien Nationaltrainer Tite ist ein Mann der klaren Worte. Schon vier Monate vor dem WM-Start hat der 56-Jährige seine Startelf für das Auftaktspiel gegen die Schweiz bekanntgegeben. So ungewöhnlich der Schritt damals auch war, er könnte einen entscheidenden Vorteil haben: Niemand ist überrascht und enttäuscht, wenn er nich aufläuft – so stark er auch gespielt hat in den vergangenen Wochen und Monaten.

Da wäre zum Beispiel Liverpools Firmino, der mit den „Reds“ vor allem in der Champions League für Furore gesorgt hat und Teil des aufregendsten Sturm-Trios Europas war – gemeinsam mit Sadio Mané und Mohamed Salah. Bei der WM aber wird er trotz 15 Premier-League- und 10 Champions-League-Treffern zunächst kein Stammspieler sein. Dafür aber sein ehemaliger Liverpool-Teamkollege Philippe Coutinho, der im Winter für rund 120 Millionen Euro zum FC Barcelona gewechselt ist.

Neymar schwebt über allem

Nach dem Plan von Tite soll der 25-Jährige zusammen mit Gabriel Jesus und dem über alles schwebenden Kapitän Neymar die Offensivreihe bilden. Der teuerste Fußballer der Welt ist in Brasiliens Nationalmannschaft zu einem ähnlichen Fixpunkt geworden wie Cristiano Ronaldo im Team der Portugiesen. Die Brasilianer vergöttern Neymar – auch weil er nicht die Last der 1:7-Schmach gegen Deutschland bei der Heim-WM vor vier Jahren mit sich herumträgt. Der Star von Paris St. Germain fehlte damals aufgrund einer Verletzung. Zwei Jahre später ließ er sich in Brasiliens Olympiakader berufen und holte – als Anführer einer blutjungen Mannschaft die Goldmedaille im eigenen Land.

Seine Bilanz im Nationalteam ist atemberaubend: 53 Tore in 83 Spielen. Und doch wäre es viel zu einfach, den vermeintlichen Topfavoriten auf den WM-Titel in Russland nur auf einen Spieler zu reduzieren. Dass es naiv ist, als Gegner Brasiliens das komplette defensive Spielsystem darauf auszurichten, Neymar so gut es geht aus dem Spiel zu nehmen, haben einige Teams während der Südamerika-Qualifikation lernen müssen. Beim 2:0-Sieg gegen Ecuador im September 2017 trafen Paulinho und Coutinho. Beim 3:0-Sieg einen Monat später gegen Chile waren es zwei Mal Jesus und erneut Paulinho, die für die Tore sorgten.

Kein Vergleich mehr zum 1:7 gegen Deutschland

Und dass es auch gänzlich ohne Neymar geht, bewies die Selecao erst im Frühjahr diesen Jahres gegen Deutschland. Damals sorgte Jesus für den einzigen Treffer der Partie. Es war ein Spiel, das ziemlich deutlich klargemacht hat, dass diese brasilianische Truppe nichts mehr gemeinsam hat mit jenem Team, dass im Juli 2014 von der DFB-Elf aus dem Stadion in Belo Horizonte geschossen wurde. Während bei Deutschland mutmaßlich sieben Akteure aus der Startelf von damals auch in diesem Jahr zu den Stammkräften zählen werden, sind bei Brasilien gerade einmal fünf Spieler aus dem damaligen WM-Kader heute noch dabei. Real-Madrid-Star Marcelo ist der einzige Spieler aus der damaligen Startelf, den Tite auch gegen die Schweiz ins Rennen schickt.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Brasilien hat sich gewandelt. Sie haben 2014 die Zeichen der Zeit erkannt und den längst fälligen Umbruch eingeläutet und jüngeren und weniger erfahrenen Spielern das Vertrauen geschenkt. Dass sich nahezu alle Spieler in den vergangenen vier Jahren von guten zu Weltklasse-Spielern entwickelt haben, ist nicht planbar - für Brasilien aber eine glückliche Fügung.

Für jede Position zwei Weltklassespieler

Nationaltrainer Tite (l.) mit Philippe Coutinho

Nationaltrainer Tite (l.) mit Philippe Coutinho

Auf nahezu jeder Position sind die Brasilianer doppelt besetzt mit Weltklasse-Akteuren. Das fängt im Tor an. Tite entschied sich schon früh für Allison Becker vom AS Rom als ersten Torhüter – und damit gegen Ederson von Manchester City. Beckers Champions-League-Auftritte zuletzt sollten Tite in seiner Entscheidung bestätigt haben. Vor Becker in der Innenverteidigung sollen Miranda von Inter Mailand und Paris' Marquinhos spielen. Für Thiago Silva heißt das: Ersatzbank. Währen Marcelo hinten rechts seit gefühlt einem Jahrzehnt gesetzt ist, muss Tite auf der Position des Rechtsverteidigers gezwungenermaßen Veränderungen vornehmen: Dani Alves fehlt wegen einer Knieverletzung bei der WM. Manchester Citys Danilo dürfte für den 35-Jährigen einspringen.

Auch im Mittelfeld stellt ein Akteur von Manchester City nur den Back-Up dar: Fernandinho bleibt nur der Platz auf der Bank – weil der Ex-Leverkusener Renato Augusto, Real-Star Casemiro und Barcelonas Paulinho gesetzt sind. Und weil auch die Stumreihe mit Neymar, Coutinho und Jesus schon feststeht, gucken Stars wie Firmino, Willian und Douglas Costa erst einmal in die Röhre.

Bleibt es bei dieser Elf am 17. Juni zum Auftakt gegen die Schweiz, hätte Tite seinen Worten Taten folgen lassen. Obwohl ihn die Unwägbarkeit von Verletzungen bei Dani Alves bereits einen Strich durch die Rechnung gemacht hat und Neymars Einsatz – vor allem in der Gruppenphase – noch immer offen ist. Gut, dass, Coutinho, Firmino, Jesus, Paulinho und Co. schon bewiesen haben, dass die Selecao sehr viel mehr ist als nur Neymar.

Stand: 01.06.2018, 08:00

Darstellung: