Messi und Argentinien - der letzte Tango

Lionel Messi bei der Ankunft in Russland

WM in Russland

Messi und Argentinien - der letzte Tango

Mehr denn je erscheint Argentinien bei der Weltmeisterschaft abhängig von seinem Anführer. Für Lionel Messi könnte es die letzte Chance auf den WM-Titel sein, ihm droht das Schicksal des Unvollendeten.

Beim ersten öffentlichen Training der Argentinier im WM-Quartier stand wie erwartet ein Mann im Fokus: Lionel Messi. Argentiniens Superstar nahm sich auf dem bestens besuchten Trainingsplatz in Bronnizy Zeit für die Fans, posierte bereitwillig für Selfies. Dabei machte der Umschwärmte in etwa den gleichen schwermütigen Eindruck, den er schon bei seinen vergangenen Weltmeisterschaften verbreitet hat.

Argentinien unter Messi ohne den großen Wurf

Schon vor zwei Jahren war Messi aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, erdrückt von der ewigen Last des Heilsbringers, der der "Albiceleste" 30 Jahre nach Diego Maradona wieder den ersehnten WM-Titel erobern sollte. Zwar kehrte der Kapitän dann doch wieder zurück. Im WM-Quartier Bronnizy, südlich von Moskau, verbreitete er aber nun schon wieder Melancholie, auf Nachfrage ließ der 30-Jährige sich einen möglichen endgültigen Abschied nach der WM ausdrücklich offen. Messi, der schon zuvor die fehlende Anerkennung aus der Heimat beklagt hatte, verwies auf die drei verlorenen Endspiele mit der Seleccion und "schwierige Momente mit der argentinischen Presse".

Vor allem bei Weltmeisterschaften wurde es deutlich, wie schwer Messi am himmelblauen Hemd zu tragen hatte. Sieben WM-K.o.-Spiele hat der fünffache Weltfußballer bislang bestritten, in keinem davon hat er einen Treffer erzielt. In besonders schmerzhafter Erinnerung ist das bislang letzte, das Finale von Rio 2014, als Messi beim Stand von 0:0 eine sehr gute Chance vergab. Auch bei der Copa America standen die Argentinier zuletzt zweimal im Endspiel und verloren. Argentinien unter Messi, so der verfestigte Eindruck, wirkt mental nicht stark genug für den ganz großen Wurf.

Der größte Druck liegt aber auf Messis Schultern, der als Unvollendeter in die Geschichte  einzugehen droht. Bei dieser WM mehr noch als je zuvor, obwohl insbesondere die Offensive mit ihm, Gonzalo Higuain, Angel di Maria und Paulo Dybala herausragend besetzt ist. Für Mauro Icardi, Torschützenkönig der italienischen Liga, ist da schon kein Platz mehr im Kader.

Klangvolle Offensive, dahinter viele Fragzeichen

Doch bei den jüngsten Turnieren hatte Argentiniens klangvolle Offensive immer Probleme, ihre Stärke in Tore umzumünzen. Und dahinter fällt das Niveau im Kader ab, vor allem im Mittelfeld gibt es viele Fragezeichen. Giovani Lo Celso von Paris Saint-Germain ist sicherlich einer der interessantesten Spieler, ob der 22-Jährige aber die Rolle als zentraler Umschaltspieler alleine tragen kann, wird sich zeigen.

Mehr Erfahrung hat Lucas Biglia mit mehr als 50 Länderspielen, der Mann vom AC Mailand geht aber angeschlagen ins Turnier. Mit Manuel Lanzini meldete sich ein Kandidat für die Startelf kurz vor der WM verletzt ab, weshalb auf einmal wieder Javier Mascherano eine größere Rolle zukommen soll, dem inzwischen 34-Jährigen, der seine Karriere in der chinesischen Liga ausklingen lässt.

In der Abwehr gibt es mit Nicolas Otamendi nur einen Verteidiger von Weltniveau. Zudem ist Torwart Sergio Romero verletzt, bei der WM wird wohl Willy Caballero im Kasten stehen, Ersatzkeeper bei Chelsea, der auf gerade einmal drei Liga-Einsätze in der vergangenen Saison kommt.

Coach Sampaoli: "Mehr Kontrolle über das Team als ich"

So wird bei Argentinien fast alles an der Genialität seines Kapitäns hängen. Als Messi beim Testspiel im März gegen Spanien verletzt zuschauen musste, wurde Argentinien mit 1:6 auseinandergenommen.

Auch Coach Jorge Sampaoli hat bereits zu erkennen gegeben, dass er das Schicksal seiner Mannschaft bei der WM vor allem in die Hände seines wichtigsten Spielers legen werde: "Wenn Leo fit ist, wird er mehr Kontrolle über das Team haben als ich." Noch mehr Verantwortung also für Messi - daran scheiterte Argentinien allerdings schon in der Vergangenheit.

red/dpa/sid | Stand: 12.06.2018, 12:30

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