Elfmeterschießen - das Drama vom Punkt

Achtelfinale bei der Fußabll-WM

Elfmeterschießen - das Drama vom Punkt

Von Frank van der Velden

Bei der WM in Russland beginnt die K.o.-Runde und damit auch die Zeit des Elfmeterschießens. Das Drama vom Punkt schreibt seit 1982 seine Geschichten. Ein kleiner Überblick.

Es gilt als extrem nervenaufreibend, und die Liste der Weltstars, die dem Druck nicht standgehalten hat, ist lang. Bei der WM in Russland steht der Beginn der K.o.-Runde  an, und das heißt, dass es dann auch wieder zum Elfmeterschießen kommen kann. Das Duell vom Punkt zwischen dem Torwart und dem Schützen entscheidet nach 120 Minuten über Sieger und Verlierer. Es endet immer tragisch für eine Seite, es schreibt Geschichten, und es ist die Zeit der Helden. Kurz gesagt: Es ist faszinierend.

Der Erfinder ist ein deutscher Friseur

Als Erfinder des Elfmeterschießens gilt Karl Wald, ein Friseur und Amateur-Schiedsrichter aus dem oberbayerischen Penzberg. Der setzte seine neumodische Idee 1970 auf dem Verbandstag des Bayerischen Fußball-Verbandes durch. Bald folgten der Deutsche Fußball-Bund sowie die großen Verbände UEFA und FIFA dem Beispiel der Bayern. Die Zeit, in der der Sieger bei einem Unentschieden nach 90 oder 120 Minuten per Münzwurf oder Losentscheid ermittelt wurde, war vorbei. "Das war eine Ungerechtigkeit, sportlicher Betrug, ein glatter Blödsinn", sagte Wald einst.

Premiere 1982

Seine epische WM-Premiere feierte das Elfmeterschießen 1982 in Spanien. Das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich in der "Nacht von Sevilla" bleibt wohl für immer unvergessen. Torwart Harald Schumacher parierte zwei Schüsse, Deutschland gewann mit 5:4. Seitdem gilt der "Showdown vom Punkt" als deutsche Domäne. Doch darüber muss sich die Konkurrenz ja in Russland bekanntlich keine Sorgen mehr machen.

Zwölf Schützen mussten damals ran, und damit jeweils auch zwei, die gar nicht auf der Liste standen und so auch eigentlich gar nicht wollten. Während dem Franzosen Maxime Bossis komplett die Nerven versagten, machte es für Deutschland Horst Hrubesch besser. So spannend war es später nur noch 1994 im Viertelfinale zwischen Rumänien und Schweden (4:5). Da war der Rumäne Miodrag Belodedici als zwölfter Schütze am Ende der Gelackmeierte.

Argentinien hat die beste Bilanz

Von den Teams, die in Russland im Achtelfinale stehen, hat Argentinien die beste Bilanz. Die Südamerikaner setzen sich 1990 im Viertelfinale gegen Jugoslawien (3:2) und im Halbfinale gegen Italien (4:3) durch. 1998 besiegten sie im Achtelfinale England (4:3), 2014 zogen sie durch ein 4:2 gegen die Niederlande ins Finale ein. Einzige Niederlage der Argentinier: Das 2:4 bei der WM 2006 im Viertelfinale gegen Deutschland. Da zeigte sich Torwart Jens Lehmann als Meister der Psychospielchen. Immer wieder schaute er auf einen Zettel, den er in seinem Stutzen hatte und auf dem angeblich die Lieblingsecken der argentinischen Schützen standen. Das reichte, um die Gegner aus der Fassung zu bringen.

Krul von der Bank zum Helden

Dass Deutschland und Argentinien so erfolgreich sind, lag ohnehin auch an den Torhütern. Harald Schumacher (1982/1986) und Sergio Goycochea (1990) hielten in je zwei Elfmeterschießen insgesamt je vier Schüsse.

Apropos Psychospielchen: Bei der WM 2014 wechselte der niederländische Trainer Louis van Gaal im Viertelfinale gegen Costa Rica kurz vor dem Elfmeterschießen Torhüter Tim Krul ein. Das verwirrte die gegnerischen Schützen so sehr, dass Krul gleich zwei Elfmeter halten konnte.

England zittert

Am schlechtesten vom Punkt sind in der Tat die Engländer. Deshalb wollen die "Three Lions" in Russland die Entscheidung vom Punkt gewiss unbedingt vermeiden. Abgesehen von der Pleite 1998 gegen Argentinien zogen sie 1990 im Halbfinale gegen Deutschland (3:4) den Kürzeren. Unvergessen ist der Schuss von Chris Waddle in den Turiner Nachhimmel. 2006 setzte es im Viertelfinale gegen Portugal (1:3) eine Niederlage. Portugals Torwart Ricardo hält seitdem einen Rekord: drei gehaltene Elfmeter in einem Spiel.

Spanien tritt im Achtelfinale gegen Gastgeber Russland an. Falls es dort zum Elfmeterschießen kommt, dürfte das böse Erinnerungen an das Turnier 2002 wecken. Denn da mussten die Iberer schon einmal mit einem Gastgeber ins Nervenspiel, sie verloren im Viertelfinale gegen Südkorea 3:5.

Schweiz schrieb 2006 Geschichte

Unvergessen ist der Auftritt der Schweiz im Achtelfinale der WM 2006 gegen die Ukraine. Als bisher einziges Team der WM-Geschichte brachten es die Eidgenossen fertig, im Elfmeterschießen nicht zu treffen. Marco Streller, Tranquillo Barnetta und Ricardo Cabanas scheiterten beim 0:3.

Gänzlich unbefleckt können Belgien, Schweden, Portugal und Uruguay ins Rennen gehen. Sie traten in der WM-Geschichte je einmal vom Elfmeterschießen an - und siegten.

Zwei Finale vom Punkt entschieden

Zweimal wurde ein Finale vom Punkt entschieden. Brasilien besiegte 1994 Italien mit 3:2. Dem Italiener Robert Baggio stand die Angst beim letzten Schuss förmlich ins Gesicht geschrieben. Der Ball flog dann auch weit über das Tor. 2006 machten es die Italiener - seinerzeit ohne Baggio - im Finale gegen Frankreich (5:3) besser.

Karl Wald, der noch mit 75 Jahren als Schiedsrichter auf dem Platz stand, hat die vielen Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften bis zu seinem Tod im Jahr 2011 immer sehr genossen. "Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Recht hatte", sagte er  einst.

Stand: 29.06.2018, 11:54

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