Spanien-Aus - Sie haben sich müde gepasst

Spaniens Fußballer am Boden. Das Ende von Tiki-Taka?

WM-Achtelfinale

Spanien-Aus - Sie haben sich müde gepasst

Von Tim Beyer

Die Spanier sind raus, sie haben sich im Ballbesitz verloren und alles andere vernachlässigt. Immer nur Tiki-Taka ohne Plan B, das reicht nicht. Es braucht neue Konzepte.

Wahrscheinlich genügt schon eine einzige Szene, um zu verstehen, woran das Spiel der Spanier beim Achtelfinal-Aus gegen Russland krankte. Es lief die 100. Minute, als Spaniens Marco Asensio etwa auf Höhe der Mittellinie an den Ball kam. Er führte die Kugel am Fuß, vielleicht dreißig Meter, er lief von der rechten Seite in die Mitte, Russlands Vladimir Granat wich ihm nicht von der Seite.

Weil sich kein Mitspieler anbot, drehte sich Asensio einmal um die eigene Achse, dann spielte er den Ball wieder raus auf die rechte Seite zu Dani Carvajal. Der schaute kurz hoch, ganz so, als hätte er gern geflankt. Doch da war niemand, Iago Aspas und Isco hatten sich an der Strafraumkante gegenseitig über den Haufen gerannt.

Szenen wie beim Handball

Für den neutralen Zuschauer war es eine lustige Szene, Spaniens Trainer Fernando Hierro aber stand an der Seitenlinie und schaute fassungslos drein. Unglaubliche 1.137 Pässe spielte Spanien in diesen 120 Minuten gegen eine russische Mannschaft, die sich in Erwartung iberischer Spielfreude mitunter mit allen Feldspielern rund um den eigenen Strafraum verbarrikadierte.

Ratlos: Spaniens Trainer Fernando Hierro und die Spieler Sergio Ramos (l.) und Isco

Ratlos: Spaniens Trainer Fernando Hierro und die Spieler Sergio Ramos (l.) und Isco

Spaniens Edeltechniker ließen den Ball zirkulieren, sie hatten 75 Prozent Ballbesitz, aber keine Idee, wie sie daraus Kapital schlagen sollten. Es waren Szenen, wie man sie sonst nur beim Handball zu sehen bekommt. Einmal spielten sie sich den Ball 21-mal im Mittelfeld zu, dann traute sich Andres Iniesta doch einmal, den Weg in Richtung Tor einzuschlagen. Prompt verlor er den Ball.

Iniestas trauriger Abschied

Ausgerechnet Iniesta, werden viele gedacht haben. Spaniens blasser Zauberer, der über viele Jahre für noch mehr tolle Pässe gesorgt hatte, immer etwas präziser, etwas trickreicher, etwas feiner als andere es können. Manchmal riss er mit einem einzigen dieser Pässe Lücken, die sogar den Gegner staunend zurückließen. Doch an diesem denkwürdigen Abend im Luschniki-Stadion blieb Iniesta lange auf der Bank, und als er dann endlich mitspielen durfte, spielte er Querpässe und keine Iniesta-Pässe.

Neue Lösungen gegen die "kleinen Gegner" gesucht

Sportschau | 02.07.2018 | 01:46 Min.

Vielleicht steht Iniesta, der nach dem Aus seine Karriere in der "Selección" beendete, damit sinnbildlich für den Niedergang der spanischen Mannschaft. Mit dem Tiki-Taka, mit dieser einzigartigen Ballzirkulation, gegen die einige Jahre kaum ein gegnerischer Trainer ein Mittel fand, hatte das längst nichts mehr zu tun. Spaniens Fußballnationalmannschaft spielt schon länger wie eine schlechte Kopie ihrer selbst.

Langsamer Zerfall

Bei der Weltmeisterschaft 2014 schied Spanien in der Vorrunde aus, man hielt es damals noch für eine Ausnahme. Doch auch bei der EM 2016 enttäuschte das Team, das Aus kam im Achtelfinale gegen Italien. Und spätestens, als der Verband einen Tag vor Beginn dieser Endrunde Trainer Julen Lopetegui entließ, weil der heimlich, still und leise mit Real Madrid verhandelt und dort einen Vertrag unterschrieben hatte, ahnte man, die Spanier würden es auch diesmal schwer haben.

Beim Auftakt gegen die Portugiesen lenkten die überragenden David Silva und Diego Costa noch von dem ab, was sich im zweiten Match gegen Iran schon deutlich zeigte. Spaniens Nationalmannschaft hat keinen Plan B, Ballbesitz geht ihnen über alles. Doch wenn sich ein Gegner aufs Verteidigen beschränkt, dann wirken die Spanier uninspiriert, träge, mitunter gar lustlos. Auch im letzten Gruppenspiel gegen Marokko wurde es nicht viel besser.

Spanien liegt im Trend

Ein wenig erinnerten diese Auftritte an die der Deutschen, auch die spielten ohne Überzeugung, auch ihnen mangelte es an Ideen, an Tempo, vielleicht fehlte auch der unbedingte Wille. Weltmeister sein kann träge machen, drei der jüngsten vier Titelträger schieden bei der nächsten Endrunde gleich in der Vorrunde aus.

Beim Turnier in Russland zeigt sich aber auch noch ein anderer Trend, er geht weg vom reinen Ballbesitzfußball, wie ihn Spanien und Deutschland über viele Jahre praktizierten. Auch die Brasilianer suchen noch nach einer Lösung, sie sind aber immerhin noch im Turnier. Frankreich überlässt gerne mal dem Gegner den Ball und kontert dann über den schnellen Kylian Mbappé. England spielt mit so viel Verve, dass andere beim Zuschauen neidisch werden, und sie haben Harry Kane. Auch mit dem Ball fällt ihnen was ein, ihn zu haben, ist für sie aber nicht nur Mittel zum Zweck. Das eint sie mit den Belgiern, dem vielleicht besten Team bislang.

Und es unterscheidet sie von den Deutschen und von den Spaniern, den vielleicht besten Teams des letzten Jahrzehnts. Ihr Plan ist gescheitert, sie müssen ihn modifzieren. Andere haben vorgemacht, wie das aussehen könnte.

Stand: 02.07.2018, 14:34

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