Aliou Cissé - Afrikas Trainerhoffnung trägt Dreadlocks

Japan - Senegal | Gruppe H | 2. Spieltag

Aliou Cissé - Afrikas Trainerhoffnung trägt Dreadlocks

Von Olaf Jansen

Senegal könnte am Sonntag (24.06.2018) mit einem Sieg gegen Japan einen großen Schritt in Richtung WM-Achtelfinale tun. Coach Aliou Cissé wird auf dem Kontinent ganz genau beobachtet. Er ist ein großer Hoffnungsträger Afrikas.

Eine Brille mit dickem schwarzem Rand auf der Nasenspitze, Dreadlocks hängen wild vom Kopf herab. So, wie Aliou Cissé daherkommt, wirkt er wie ein Künstler oder Schriftsteller. Dabei ist er leidenschaftlicher Fußballer. Als Nationaltrainer des Senegal trägt er gerade die Hoffnungen eines ganzen Kontinents.

Afrika: kein Vertrauen in einheimische Trainer

Mit einheimischen Trainern war das in Afrika all die Jahre immer so eine Sache. Otto Pfister, deutscher Trainer-Veteran mit massig Afrika-Erfahrung, erklärte am Rande des Afrika-Cups 2017 in Gabun: "Es gibt ein paar talentierte Trainer auch in Afrika. Aber man traut ihnen vonseiten des Verbands den Job des Nationaltrainers nicht zu."

Pfister glaubt: "In Afrika gibt es ein System aus Clans, in dem der eine dem anderen nichts gönnt und es kein Vertrauen gibt. Heißt, wenn ich einen afrikanischen Trainer eines bestimmten Clans zum Nationaltrainer mache, muss ich befürchten, dass er hauptsächlich Spieler aus seinem eigenen Clan ins Team holt. Da holt man sich lieber einen Coach aus dem Ausland."

Mit 18 nach Frankreich

Aliou Cissé

Cissé will den Gegenbeweis antreten. Er hat seine Fußballausbildung nicht auf dem eigenen Kontinent genossen. Schon mit 18 Jahren verließ er seinen kleinen Heimatort Ziguinchor im Südosten Senegals und übersiedelte nach Frankreich. Scouts des OSC Lille hatten den zweikampfstarken Mittelfeldspieler entdeckt und in Richtung Norden gelockt.

Cissé blieb in Frankreich und wurde bald auch für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes interessant. Seinen größten sportlichen Erfolg erzielte er 2002, als er als Kapitän der legendär gewordenen senegalesischen Mannschaft um El Hadji Diouf im WM-Eröffnungsspiel den "großen Bruder" Frankreich mit 1:0 bezwang und später in die Runde der letzten Acht einzog.

Große Hoffnungen nach 2002

WM Team Senegal 2002

Das WM-Team Senegals 2002 - mit Cissé (unten rechts)

Noch heute spricht man in Senegal stolz von diesem Team. Gleichzeitig erfasst senegalesische Fans dann aber auch eine gewisse Trauer, denn man hatte dem Team nach der WM Großes zugetraut. Weltmeister werden vielleicht, den Afrika-Cup endlich mal gewinnen - das auf jeden Fall.

Doch weder das eine noch das andere gelang, das Team zeigte in der Folge jene Schwächen, die man senegalesischen Auswahlmannschaften irgendwie immer schon nachsagt: Es war nicht diszipliniert genug. Es gab sich mit dem zufrieden, was es hatte. Es kämpfte nicht wirklich um die nächsten Erfolge.

Cissé - ein zupackender Typ

Teamkapitän Cissé hat das damals ganz besonders gefuchst, weil er eigentlich aus ganz anderem Holz geschnitzt ist. Er packt zu, als Spieler tat er das bisweilen sogar ein wenig zu hart. Als er nach der WM 2002 einen Vertrag bei Birmingham City erhielt, flog er in seinem ersten Premier-League-Spiel daheim gegen den FC Arsenal gleich mal mit einer Roten Karte vom Platz. Als er wieder mitmachen durfte, sammelte er in den folgenden sechs Begegnungen fünf Gelbe Karten ein.

Gelernt, sich durchzusetzen

"Das gehört zu meinem Spiel", rechtfertigte sich Cissé damals. Er hat gelernt, sich auch unter harten Bedingungen durchzusetzen. Und er lernte, sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Im Herbst 2002 verlor er mehr als ein Dutzend engster Familienmitglieder, als vor Gambia eine Fähre sank und 1.200 Menschen umkamen.

Cissé blieb in Europa, bis er 2009 seine Karriere in Nîmes, in Frankreichs zweiter Liga, beendete. Dann kehrte er zurück, wurde Trainer, übernahm 2013 die Olympiamannschaft des Senegal. Und er stand bereit, als das A-Team 2015 einen neuen Coach brauchte. Und mit diesem will er nun bei der WM in Russland in die Fußstapfen des Teams von 2002 treten.

Stand: 24.06.2018, 08:30

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