Serbien - Krstajic und die richtige Mischung

Mladen Krstajić

Teamcheck

Serbien - Krstajic und die richtige Mischung

Von Frank Hellmann

Serbien tritt bei der WM mit einer interessanten Mischung aus alten Haudegen und jungen Talenten an. Die wichtigste Aufgabe des aus der Bundesliga bekannten Trainers Mladen Krstajic wird es sein, eine Einheit zu formen.

Es gab Zeiten, da haben Bundesliga-Stürmer um Mladen Krstajic am liebsten einen großen Bogen gemacht. Weil kaum einer so geradlinig, konsequent und hart verteidigte wie dieser kantige Profi, der ein entscheidender Baustein dafür war, dass 2004 Meisterschaft und Pokalsieg an Werder Bremen gingen.

Schon Monate vor dem Bremer Double hatte der damalige Schalker Manager Rudi Assauer den Abwehrspieler vom Wechsel nach Gelsenkirchen überzeugt. Auch bei den Königsblauen wird viel Gutes über den 243-fachen Bundesligaspieler erzählt.

Keine Angst vor irgendwas

Trotzdem hätten die wenigsten erwartet, dass der inzwischen 44-Jährige einmal bei einer WM als Nationaltrainer auftaucht. Doch Zaudern und Zögern war noch nie seine Sache.

Also wischt der dreifache Familienvater den Umstand flugs beiseite, dass sich seine Erfahrung im Trainermetier in Grenzen hält: "Einige beginnen mit 40 wichtige Dinge zu tun, manche mit 55 und manche im hohen Alter. Andere wiederum kommen nie an diesen Punkt. Ich selber will in meinem Leben immer die größten Herausforderungen annehmen."

Wichtigste Aufgabe: Eine Einheit formen

Das ist die Mission mit den "Weißen Adlern" fraglos: Gute Fußballer fanden sich im ehemaligen Jugoslawien eigentlich schon immer, aber selten gelang es, daraus wirklich eine Einheit zu machen. Auch nicht, als der 59-fache Nationalspieler noch selbst aktiv war.

Als Serbien und Montenegro scheiterte das Team bei der WM 2006 in Deutschland. In den drei Spielen gegen Niederlande (0:1), Argentinien (0:6) und die Elfenbeinküste (2:3) setzte es ausnahmslos Niederlagen. Niemand kassierte bei dem Turnier so viele Gegentore. Trotz Krstajic.

Trainerlegende Stepanovic ist skeptisch

Als eigenständiger Staat nahm Serbien erstmals 2010 an einer WM teil, als nach einer 0:1-Niederlage gegen Ghana ein bemerkenswerter 1:0-Sieg gegen Deutschland gelang. Dann war aber doch wieder in der Vorrunde Schluss, weil die damalige Elf um Anführer Dejan Stankovic sich im letzten Gruppenspiel eine 1:2-Pleite gegen Australien leistete. Mit Torwart Vladimir Stojkovic (34) und Abwehrchef Branislav Ivanovic (34) gelten zwei der alten Säulen bis heute als gesetzt.

Den Erwartungsdruck an sich selbst hat der Geradeauscharakter Krstajic mal so beschrieben: "Mir ist natürlich klar, dass ich aus dieser Geschichte entweder als Oberst oder als Toter herausgehen werde."

Zu den Skeptikern zählt interessanterweise Dragoslav Stepanovic. Die in der Rhein-Main-Region heimisch gewordene serbische Trainer-Legende, die mit seinem "Lebbe-geht-weider"-Ausspruch Kultcharakter genießt,  sagt über seinen Landsmann Krstajic: "Er muss beweisen, dass er eigene Ideen entwickeln kann. Und er muss dafür sorgen, als Respektperson anerkannt zu werden."

Eine hoffnungsvolle Generation junger Spieler

Vor allem im serbischen Verband, der sich als Nachfolger der einst stolzen Fußball-Nation Jugoslawiens begreift, kochen zu viele noch ihr eigenes Süppchen und sollen in der Vergangenheit versucht haben, Einfluss auf Kaderauswahl oder sogar Aufstellung zu nehmen.

Ein Grund, warum Krstajic im Oktober 2017 überhaupt vom Assistenz- zum Cheftrainer befördert wurde, denn Slavoljub Muslin hatte das A-Team nach drei verpassten Turnieren - der EM 2012 und 2016 als auch der WM 2014 - überhaupt wieder auf WM-Kurs gebracht.

Dennoch erging der Vorwurf, der 64 Jahre alte Muslin würde zu sehr auf Routiniers setzen. Und zu wenig die Akteure berücksichtigen, die 2013 erst die U19-EM, zwei Jahre später sogar die U20-WM gewannen. Dazu zählen Marko Grujic (22), Leihgabe des FC Liverpool an Cardiff City, Andrija Zivkovic (21) von Benfica Lissabon, Aleksandar Mitrovic (23), von Newcastle United an den FC Fulham verliehen, und vor allem der mit zahlreichen Topklubs in Verbindung gebrachte Stratege Sergej Milikovic-Savic (23) von Lazio Rom.

Frankfurts Pokalheld flog noch aus dem Aufgebot

Nichts mal ins endgültige Aufgebot schaffte es aus dieser Generation Mijat Gacinovic (23) von Eintracht Frankfurt. Der 2015 nach Deutschland transferierte Mittelfeldspieler, der beim Sensationscoup im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern (3:1) den letzten Treffer erzielte, indem er nach einem langen Spurt den Ball ins verwaiste Tor schob, stagnierte in seiner Entwicklung, war auch im Verein kein Stammspieler. Insofern war die Entscheidung sogar nachvollziehbar.

Die gegenteilige Entwicklung durchlief Milos Veljkovic, der es bei Werder Bremen unter Trainer Florian Kohfeldt zum Leistungsträger in der Innenverteidigung gebracht und nun unmittelbar vor der WM seinen Vertrag langfristig verlängert hat. Mit ihm hoffen auch Filip Kostic (25) vom Hamburger SV und Luka Jovic (20) von Eintracht Frankfurt, dass es für ihr Team ins Achtelfinale geht – und dann vielleicht ein Duell gegen Deutschland wartet.

Russen mit Sympathie für die Serben

Denn der Spielplan bringt es nun einmal so mit sich, dass der Gruppenerste der deutschen Gruppe F gegen den Zweiten der Gruppe E antritt - und das könnte im Windschatten von Rekordweltmeister Brasilien ja womöglich dieses Team mit Überraschungspotenzial sein. Sein Vorteil in Russland: Den Balkanstaat und die Gastgebernation verbindet aus der Geschichte eine tiefe Freundschaft.

Beide Länder haben in Krisenzeiten immer zusammengehalten, zudem bekennt sich im Sieben-Millionen-Volk mit der Hauptstadt Belgrad die Mehrheit ebenso zum orthodoxen Glauben wie Russland. Es wird damit gerechnet, dass die serbischen Kicker bei ihren Gruppenspielen gegen Costa-Rica in Samara (17. Juni/ 14 Uhr MESZ), gegen die Schweiz in Kaliningrad (22. Juni/ 20 Uhr MESZ) und gegen Topfavorit Brasilien in Moskau (27. Juni/ 20 Uhr MESZ) reichlich Unterstützung vom russischen Teil des Publikums erfahren. Vielleicht hilft das ja Team und Trainer.

Stand: 09.06.2018, 10:33

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