Historisches Desaster - Deutschland scheidet in der Vorrunde aus

Südkorea - Deutschland 2:0 | Gruppe F | 3. Spieltag

Historisches Desaster - Deutschland scheidet in der Vorrunde aus

Von Christian Hornung

Kein Mut, kein Tempo, kein Tor. Deutschland hat sich bei der WM in Russland einen historischen Fehltritt geleistet und ist nach einer Pleite gegen Südkorea erstmals in der Vorrunde ausgeschieden - und das sogar als Gruppenletzter.

Das hochnotpeinliche 0:2 (0:0) am Mittwoch (27.06.2018) gegen den bis dahin Letzten der Gruppe F war sogar leistungsgerecht: Der erhoffte Schwung vom Last-Minute-Erfolg gegen Schweden blieb komplett aus, die Vorstellung war ein einziges Desaster - und daran trug auch der Bundestrainer eine Mitschuld.

Überraschend defensive Aufstellung

Mit seiner sehr defensiv ausgerichteten Aufstellung hatte Joachim Löw die Richtung vorgegeben. Mesut Özil und Sami Khedira durften nach ihrer schwachen Auftaktleistung beim 0:1 gegen Mexiko und einem Spiel Denkpause wieder von Beginn an ran. Dazu verhalf der Bundestrainer Leon Goretzka auf der ungewohnten rechten Außenbahn statt des formstarken Julian Brandt zu seinem Turnierdebüt. Der seit Jahren unantastbare Thomas Müller musste dafür auf die Bank. Dazu rückten Mats Hummels für den gesperrten Jérôme Boateng und Niklas Süle für Antonio Rüdiger ins Team.

Und die Partie war geprägt von genau dem Sicherheitsdenken, das Löw mit seiner Aufstellung vorgegeben hatte: Passgenauigkeit ging vor Risiko, trügerische Spielkontrolle vor Geschwindigkeit. Weil dazu die Südkoreaner Deutschland auch noch früh im Aufbau attackierten und vor allem die Außen Joshua Kimmich und Jonas Hector zustellten, war der Weg zu Torabschlüssen dicht.

Patzer von Neuer folgenlos

Auch der Außenseiter fand zunächst spielerisch keine Lücken, aber ein Standard hätte in der 20. Minute beinahe für die Führung gesorgt. Torhüter Manuel Neuer unterschätzte einen Freistoß von Wooyoung Jung aus mehr als 30 Metern, klatschte den Ball unbeholfen nach vorne ab, konnte dann aber noch vor dem heranrauschenden Heungmin Son klären. Son sorgte auch fünf Minuten später wieder für Gefahr, setzte seinen Volleykracher aber knapp am rechten Winkel vorbei.

Das Spiel der Deutschen wirkte in der Folge noch behäbiger und ideenloser - die Erfindung der Zeitlupe war in diesem Durchgang überflüssig. Erst in der 40. Minute kam ein Hauch von Torgefahr für das DFB-Team auf. Timo Werner, der längst eigenmächtig auf die linke Außenbahn gewechselt war und damit die Sturmmitte völlig entblößte, scheiterte mit einem geblockten Schuss. Auch Hummels konnte den Ball nach der anschließenden Ecke nicht an Keeper Hyeonuh Jo vorbeimogeln.

Jo pariert gegen Goretzka

Die zweite Halbzeit begann zwar gleich mit einem krassen Ballverlust von Özil, dann aber auch mit der ersten echten Chance: Nach Kimmichs Flanke kam Goretzka aus kurzer Distanz frei zum Kopfball, Jo lenkte die Kugel aber mit einem starken Reflex um den Pfosten. Auch Werners Volleykracher ging in der 50. Minute knapp vorbei. Weil Schweden zeitgleich in Führung gegangen war, war das DFB-Team zu diesem Zeitpunkt ausgeschieden.

Und es wurde immer schlimmer. Neben dem Mut ließen nun auch noch die Kräfte nach, mehrfach musste Hummels in höchster Not retten, weil die Mittelfeld- und Offensivabteilung die Bälle zunehmend simpel herschenkte. Bezeichnende Szene nach gut 65 Minuten: Nach einem Fehlpass des kurz zuvor eingewechselten Müller klärte Hummels hervorragend, rastete dann aber vor Wut fast aus und gestikulierte wild in Richtung seiner Vorderleute.

Halbchancen von Gomez

Als die Zwischenstände aus dem Parallelspiel bekannt wurden - Schweden ging mit 2:0 und 3:0 in Führung - war klar, dass jegliche Rechnerei und das Schielen nach Fairplaywertungen oder Losentscheiden Makulatur waren: Es half nur noch ein Tor. Joker Mario Gomez hatte noch zwei Halbchancen, auch Hummels kam kurz vor Schluss völlig frei zum Kopfball, scheiterte aber ebenso wie Kroos mit einem Flachschuss.

Auf der Gegenseite konnte Deutschland sogar noch froh sein, dass Südkorea seine Konter extrem dilettantisch vortrug - sonst hätte die Entscheidung über das Vorrunden-Aus des DFB-Teams auch schon früher fallen können. In der Nachspielzeit kam dann nach Videobeweis der endgültige K.o.: Ein zunächst wegen Abseits nicht anerkanntes Tor von Younggwon Kim fand zu Recht doch noch seine Geltung, weil der entscheidende Pass von Kroos gekommen war. Als Neuer dann vor lauter Verzweiflung auch noch vorne attackierte, nutzte Son die Einladung zum 2:0 für Südkorea.

"Ganz, ganz bitterer Abend"

Hummels fand als Erster Worte zum Debakel: "Ein ganz, ganz bitterer Abend für uns. Ganz, ganz, ganz bitter. Wir haben bis zum Schluss dran geglaubt, haben versucht, es zu drehen, haben aber den Ball nicht reingebracht. Wir hatten genug Gelegenheiten. Das hat uns heute das Genick gebrochen."

Der Bundestrainer erklärte: "In der Kabine herrscht natürlich eine riesige Enttäuschung. Wir müssen jetzt sehen, dass wir das annehmen. Wir haben es nicht geschafft, mal in Führung zu gehen, es hat einfach die Leichtigkeit gefehlt. Unsere Sicherheit hat einfach gefehlt, wir sind letztlich zu Recht in dieser Gruppe ausgeschieden. Es ist schiefgegangen und dafür muss ich auch die Verantwortung übernehmen, selbstverständlich werde ich mich jetzt auch selbst hinterfragen." Seine Zukunft ließ er eine knappe Dreiviertelstunde nach Spielende offen: "Es ist jetzt zu früh, darüber zu sprechen."

Grindel kündigt Konsequenzen an

DFB-Präsident Reinhard Grindel gab zu: "Die Enttäuschung auch bei uns im Präsidium ist natürlich sehr groß. Für die sportliche Bewertung dieser Weltmeisterschaft haben wir jetzt die Verantwortlichen mit Sportdirektor Oliver Bierhoff an der Spitze. Da erwarte ich eine klare Analyse, aus der wir dann die nötigen Konsequenzen ziehen werden."

Die klarsten Worte fand Kapitän Neuer: "Ich denke, dass von uns allen die Bereitschaft nicht groß genug war und der Wille zu zeigen, dass wir bei dieser Weltmeisterschaft was reißen wollen. Spätestens bei der nächsten oder übernächsten Station wäre Halt gewesen für uns. Wir haben in keinem Spiel richtig überzeugt, wo wir sagen können, das war die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Das ist bitter und erbärmlich."

Statistik

Fußball · Weltmeisterschaft · 3. Spieltag 2018

Mittwoch, 27.06.2018 | 16.00 Uhr

Flagge Südkorea

Südkorea

Jo – Y. Lee, Yun, Y. Kim, Hong – Jang – J. Lee, Koo (56. Hwang / 79. Ko), W. Jung, Mun (69. Ju) – Son

2
Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Kimmich, Süle, Hummels, Hector (78. Brandt) – Khedira (58. Mar. Gomez), Kroos – Goretzka (63. Müller), Özil, Reus – Werner

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 J. Kim (90.)
  • 2:0 Son (90.)

Strafen:

  • gelbe Karte W. Jung (2 )
  • gelbe Karte J. Lee (1 )
  • gelbe Karte Mun (1 )
  • gelbe Karte Son (1 )

Zuschauer:

  • 41.835

Schiedsrichter:

  • Mark Geiger (USA)

Vorkommnisse:

  • Tor (Südkorea) nach Videobeweis (90.+3)

Stand: Mittwoch, 27.06.2018, 21:09 Uhr

Stand: 27.06.2018, 19:39

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