Schwedens Angreifer - jetzt müssen sie nur noch treffen

Schwedens Sturmduo: Marcus Berg (l.) und Ola Toivonen

Schweden - England  | Viertelfinale

Schwedens Angreifer - jetzt müssen sie nur noch treffen

Von Tim Beyer

Seit Zlatan Ibrahimovic zurückgetreten ist, heißen Schwedens Angreifer Marcus Berg und Ola Toivonen. Sie kennen sich seit vielen Jahren, sind befreundet und enorm wichtig für Schwedens Taktik. Nur mit dem Toreschießen hapert es noch.

Auch Gott kann irren, und vielleicht hat Zlatan Ibrahimovic kürzlich den Beweis erbracht. In den Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft hatte Ibrahimovic immer wieder durchblicken lassen, er traue den Schweden bei dieser WM nicht viel zu. Das lag sicher auch daran, dass er selbst zwei Jahre zuvor zurückgetreten war. Ibrahimovic, das sollte man wissen, leidet nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. An besonders guten Tagen ernennt er sich selbst zum König oder vergleicht sich mit Gott, solche Sachen eben. Oder er sagt: "Eine WM ohne mich ist keine WM."

Doch die WM findet tatsächlich statt, obwohl Ibrahimovic nicht mehr zum Kader der Schweden gehört. Es stehen die Viertelfinal-Spiele an, und Schweden ist immer noch dabei. Schon jetzt sind die Skandinavier, die am Samstag (07.07.18, 16 Uhr) auf England treffen, eine der positiven Überraschungen des Turniers. "Wir haben im Moment nicht die besten Spieler der Welt. Aber wir sind eine Mannschaft", sagte Berg, als er auf den Einzug in die Runde der letzten Acht angesprochen wurde.

Ibrahimovic ist Vergangenheit, in der Gegenwart sind es andere, die für die Schlagzeilen sorgen. Wie Marcus Berg, 31, und Ola Toivonen, 32, die nun Schwedens Sturmduo bilden.

Sie sind Schwedens erste Verteidiger

Es gibt sicher einfachere Jobs im Team der Schweden. Weil der Schatten von "Ibra" noch immer ein großer ist und weil der aus der Ferne alles dafür tut, damit er ja nicht verblasst. Und dann ist da noch die Taktik. Die hat Schwedens Trainer Janne Andersson ohne Ibrahimovic modifiziert, das Kollektiv steht über allem, und so sind Berg und Toivonen im 4-4-2 Schwedens erste Verteidiger.

Sie laufen, sie verschieben und pressen, und all das in einer Intensität, die für das Spiel der Schweden essentiell ist. Einmal, es lief die zweite Halbzeit im Achtelfinale gegen die Schweiz, da tauchte Berg plötzlich kurz vor dem eigenen Strafraum auf, er verfolgte Blerim Dzemaili, luchste ihm den Ball ab und leitete dann mit einem präzisen Pass auf den linken Flügel den Gegenangriff an.

Trainer Andersson war in den Minuten zuvor unruhig am Seitenrand auf und ab gelaufen, die Schweizer hatten das Tempo erhöht, er schien sich zu sorgen. Doch als Berg den Ball eroberte, verschwanden die Sorgenfalten aus Anderssons Gesicht. Er klatschte Beifall, es war Fußball, wie er ihn liebt.

Zwei Freunde mit einem Ziel

Berg und Toivonen kennen einander schon viele Jahre, man merkt es nicht nur ihren perfekt aufeinander abgestimmten Laufwegen an. Schon als 14-Jährige liefen sie zusammen in der Bezirksauswahl von Värmland in Südschweden auf. Bei der U-21-Heim-EM 2009 sorgten sie für Furore, Berg erzielte damals vier Tore in vier Spielen, Toivonen immerhin drei.

Schon bei der U21-EM 2009 ein erfolgreiches Duo: Marcus Berg (l.) und Ola Toivonen

Schon bei der U21-EM 2009 ein erfolgreiches Duo: Marcus Berg (l.) und Ola Toivonen

Toivonen war kurz zuvor zur PSV Eindhoven gewechselt, um Berg rissen sich nach dem Turnier Europas Spitzenklubs. Er entschied sich für einen Wechsel zum Hamburger SV, heute würde er sicher anders entscheiden. Erst bei Panathinaikos Athen (72 Tore in 112 Spielen) schöpfte er sein Potential aus, heute spielt Berg bei Al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nicht unbedingt die ganz große Bühne.

Und Toivonen? Der erzielte in der vergangenen Spielzeit kein einziges Tor für den FC Toulouse, nicht wenige Experten sagten ihm vor der WM einen Platz auf der Bank voraus.

Es kam dann doch anders, und vielleicht sind Toivonen und auch Berg in diesen Wochen so wichtig wie noch nie für Schwedens Auswahl.

Tore nur eine Frage der Zeit?

Nur mit den Toren will es bislang noch nicht klappen. Sechs haben die Schweden in vier Spielen erzielt, der beste Torschütze ist Andreas Granqvist, Kapitän und Abwehrchef. Er verwandelte in der Vorrunde gleich zwei Elfmeter. Während Berg noch auf seinen ersten Treffer wartet, hat Toivonen immerhin einmal geknipst. Beim 1:2 gegen Deutschland brachte er Schweden in Führung, es war ein wunderschöner Treffer.

Die Flanke von Viktor Claesson war schon toll, doch Toivonen setzte noch einen drauf. Er kam vor Toni Kroos und Antonio Rüdiger an den Ball, nahm die Kugel sehenswert mit und überlupfte dann Manuel Neuer. Die Schweden waren außer sich, in Deutschland erinnert man sich ungern.

Berg ließ im Laufe des Turniers schon einige Großchancen liegen, manchmal hatte er aber auch Pech. Gegen die Schweiz war es Torhüter Yann Sommer, der Bergs WM-Tor-Premiere mit einem glänzenden Relfex verhinderte. Vielleicht klappt es ja gegen England?

Und eigentlich ist es ja auch völlig egal, wer die Tore macht, solange sie überhaupt fallen. In Schweden würde sich sicher niemand beschweren, wenn gegen die Engländer erneut Top-Torjäger Granqvist treffen würde.

Stand: 07.07.2018, 08:00

Darstellung: