Schwedens verschworene Einheit

WM 2018

Schwedens verschworene Einheit

Von Robin Tillenburg und Christian Kerber

Dass Schweden bei der WM 2018 in Russland eine realistische Chance auf das Viertelfinale hat, wundert nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten bringt das Team so einiges mit - nicht zuletzt seine Interpretation des Teamgedankens. Gegen die Schweiz soll im Achtelfinale der nächste Schritt folgen.

Andreas Granqvist (l.) und Albin Ekdal jubeln

Andreas Granqvist (l.) und Albin Ekdal jubeln

Martin Dahlin und Patrik Andersson, Tomas Brolin, Henrik Larsson, Keeper Thomas Ravelli - diese Namen kennt noch heute jeder schwedische Fußballfan. 1994 sorgte das Team für den bislang größten Erfolg der schwedischen Nationalmannschaft - bei der WM in den USA belegten sie Platz drei.

Im Halbfinale sind sie in Russland noch lange nicht - aber auch der Einzug ins Achtelfinale ist ein Achtungserfolg für "Tre Kronor". Die schwedische Mannschaft bildet bei diesem Turnier bislang eine echte Einheit - und spielt auch wie eine. Der Prozess, der aus dem für die vergangenen beiden Endrunden nicht qualifizierten Nationalteam ein verschworenes Team mit Viertelfinal-Ambitionen machte, lässt sich nachzeichnen.

Qualifikanten werden belohnt

Zlatan Ibrahimovic, der personifizierte selbsternannte Fußballgott der Schweden wurde von Trainer Jan Olof "Janne" Andersson für dieses Turnier nicht mehr nominiert. Der inzwischen 36 Jahre alte Stürmer war auch zuvor lange verletzt und hatte nach der EM 2016 seine internationale Karriere beendet, hatte sich nach der gelungenen Qualifikation seiner Landsleute aber noch einmal ins Spiel gebracht.

Andersson schickte jedoch ein Zeichen. Weniger an Ibrahimovic, dessen individuelle Qualitäten er sicherlich trotz fortgeschrittenen Alters auch zu schätzen gewusst hätte, als an seine anderen Spieler. Die Botschaft lautete: Wir haben es als Team zu diesem Turnier geschafft, und als dieses Team treten wir dort auch an. Die Startelf aus dem siegreichen dritten Gruppenspiel gegen Mexiko, das die Blau-Gelben ins Achtelfinale brachte, war bis auf eine Position identisch mit der, die in den Qualifikationsplayoffs im Rückspiel gegen Italien bestand. So etwas schweißt zusammen.

Gemeinsam für Durmaz und gegen Rassismus

Nach dem zweiten Gruppenspiel, der unglücklichen 1:2-Niederlage in der 95. Minute gegen Deutschland, drohten Risse in diesem eng beieinander stehenden Gefüge. Der türkischstämmige Jimmy Durmaz hatte den Freistoß verursacht, der zum deutschen Siegtreffer geführt hatte und wurde daraufhin in den sozialen Netzwerken mehrfach rassistisch beleidigt. Daraufhin schickte das Team eine Videobotschaft an die Öffentlichkeit, in dem der Kader demonstrativ hinter Durmaz stand und sich mit einer Stimme gegen Rassismus aussprach. Ein Team eben.

Namhafte Gegner ausgeschaltet

Die Italiener sind übrigens nicht die einzigen, die sich auf dem Weg zur WM-Endrunde und in deren K.o.-Phase der "Tre Kronor" beugen musste: Die Andersson-Elf ließ auch die Niederlande in der Qualifikation hinter sich, Frankreich wurde außerdem ebenfalls einmal besiegt und auch Weltmeister Deutschland weilt bekanntlich bereits in der Heimat, während die Schweden gegen die Schweiz im Achtelfinale antreten. Auch Siege gegen Favoriten stärken das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl.

Starke Defensive - vorne effektiv

Diese durchaus selbstbewusste Truppe weiß außerdem, was sie kann. Und was nicht. Außer vielleicht dem Leipziger Emil Forsberg ist keiner dabei, der durch seine herausragenden Fähigkeiten als Einzelspieler auf Topniveau regelmäßig offensiv alleine im Dribbling eine Chance kreieren und diese auch erfolgreich vollenden kann.

Dafür arbeitet die Truppe kompakt gegen den Ball und hat dabei ein klares System, das auf der Hilfsbereitschaft der Teamkollegen untereinander beruht. Das Übergeben von Gegenspielern in einem ziemlich tief stehenden Verbund machte es nicht nur den deutschen und mexikanischen Akteuren extrem schwer.

Schweden Coach Janne Andersson mit Spieler Isaac Thelin

Schweden Coach Janne Andersson mit Spieler Isaac Thelin

Die beiden Gegentreffer gegen die DFB-Elf waren die einzigen, die man in den letzten fünf Pflichtspielen hinnehmen musste. Erweitert man diese Statistik sogar um den Faktor Robin Olsen - unter Andersson zur Nummer eins im Tor aufgestiegen - sieht die Bilanz noch besser aus: Mit dem Mann vom FC Kopenhagen zwischen den Pfosten sind es sogar sieben Partien, in denen man nur diese zwei Gegentore hinnehmen musste.

Schaut man auf die andere Seite des Feldes, zeigt sich außerdem eine bemerkenswerte Effektivität: Für die fünf erzielten Tore brauchte man nur 33 Abschlüsse. Zum Vergleich: Deutschland gab insgesamt 67 Schüsse ab und traf zweimal.

Der Traum von 1994

Schweden Dritter bei der Fußball-WM 1994

Schweden Dritter bei der Fußball-WM 1994

Diese Kombination aus Teamgedanken, Effektivität, Defensiv-Disziplin und Erfahrung - die Startelf gegen Mexiko war im Schnitt über 28 Jahre alt - sorgt für die kleine Erfolgsgeschichte. Und wer weiß: Bei einem weiteren Sieg gegen die Schweiz könnten schwedische Fans vorsichtig anfangen, von 1994 zu träumen.

Zehntausende Schweden feierten damals ihre Helden Dahlin, Brolin, Andersson und Co. bei der Rückkehr aus den Staaten. Schaut man sich den Turnierbaum an, könnte dieses "Schicksal" auch ihren Nachfolgern Granqvist, Forsberg und Toivonen blühen.

Stand: 03.07.2018, 08:30

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