Russland in der Sportschule - Superstar und strenger Scheitel

Trainingsgelände der russischen Mannschaft

Besuch im Leistungszentrum Novogorsk

Russland in der Sportschule - Superstar und strenger Scheitel

Von Marcus Bark (Moskau)

Die russische Fußballnationalmannschaft wohnt während der WM in einem Quartier, das auch zu Sowjetzeiten schon bezogen wurde. Ein Besuch beim Superstar, Modernen Fünfkämpfern und einem Herrn mit strengen Scheitel.

Hinter der Stadtgrenze Moskaus geht es bergab. In der Senke liegt ein Wald, das satte Grün der Wiesen springt ins Auge nach den Wüsten aus Beton am äußeren Gürtel der russischen Hauptstadt.

Die "Moskauer Schweiz" wird diese Gegend genannt auf der Internetseite des "Lern- und Trainingszentrums Novogorsk", das vom russischen Sportministerium betrieben wird.

Vorbei am Trainingsgelände des Fußballklubs Dinamo Moskau liegt das Zentrum etwa 30 Kilometer nordwestlich des Roten Platzes. Hier wurden Hunderte Olympiasieger ausgebildet, mit hartem Training und wohl auch mit unterstützenden, verbotenen Mitteln, auch das gehört zur Geschichte des Stützpunktes.

Russische Sportschule

Chimki heißt die Stadt mit dem Ortsteil Novogorsk, in dem die russische Fußballnationalmannschaft ihr Quartier während der Weltmeisterschaft aufgeschlagen hat. Sie ist einfach zu Hause geblieben, denn hier traf sie sich auch schon zu Sowjetzeiten. Der Plan, das Zentrum zu bauen, wurde schon 1966 entworfen. Ein paar Jahre später war es fertig. Etwa 500 Sportler können zeitgleich im Komplex untergebracht werden. Volleyballer, Bogenschützen, Leichtathleten, auch Wintersportler trainieren hier.

Moderne Fünfkämpferinnen in Reithose steigen aus einem Van und müssen durch die Sicherheitsschleuse, genau wie die Journalisten. Gleich trainiert die Sbornaja, der neue Stolz des Landes. Nach dem Sieg gegen Spanien im Achtelfinale geht es am Samstag (07.07.18) in Sotschi gegen Kroatien weiter.

Ein deutscher Schäferhund schnüffelt auf Geheiß eines Polizisten an der Ausrüstung der Kameraleute. Alles sauber.

Die russischen Fußballer schlurfen aus einem Gebäude der Sportschule, wie der deutsche Bundestrainer wohl sagen würde. Dem Quartier des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Watutinki hatte er das Gütesiegel einer "gehobenen Sportschule" aufgedrückt. Dem Komplex in Novogorsk würde er das Adjektiv vermutlich streichen.

Manche Geräte im Fitnessraum setzen Rost an. Ein Teppich aus Kunstrasen ist auf den letzten Metern für den Weg vom Wohngebäude bis zum Trainingsplatz gelegt worden. Der Weg kreuzt mit dem der Reporter. Beim DFB gab es das auch mal, selbst als die Sowjetunion schon verschwunden war. Inzwischen wird strikt abgeschottet. Scharfe Fotos von den Fitnessgeräten, garantiert ohne Rost, kann nur machen, wer ein teures Teleobjektiv auf seine Kamera geschraubt hat.

Training der russischen Nationalmannschaft

Training der russischen Nationalmannschaft

Russlands Superstar

Die Reporter trotten auf ihre Tribüne, die Leichtathleten gehen einen Platz weiter, auch in der Athletikhalle ist Betrieb. Ivan Prozorov meldet sich für "Rossija 1" vom Trainingsgelände. Der Sender überträgt die Spiele der Weltmeisterschaft.

Unter seiner Jacke trägt Prozorov ein rotes Polohemd mit aufgesticktem russischem Wappen. Der Mann in der blauen Steppjacke, der gerade im Mittelkreis steht, sei "ein Superstar", sagt der Fernsehreporter. Der Sieg gegen Spanien habe Trainer Stanislav Cherchesov dazu gemacht.

Der Superstar pfeift kurz, wie Joachim Löw. Dann wird ein Kreis gebildet, wie bei Joachim Löw. Unterschied: Bei den Russen kommen auch sämtliche Betreuer dazu, es sind an die 20.

Yuri Zhirkov fehlt weiter wegen einer Verletzung beim Training. Igor Vladimirov soll aufklären. Er ist der Pressechef der Russen, hat einen strengen Scheitel und ist auch sehr streng. Er sagt etwas zu Zhirkovs Verletzung, aber das Wort ist den Reportern fremd. Auch das Smartphone hilft nicht weiter.

Nach 15 Minuten müssen die Reporter von der Tribüne, wie beim DFB.

Wortkarge Russen

Kaffee, Wasser und Käseschnittchen stehen in der neuen kleinen Halle bereit, in der sie nun warten sollen. Die Stühle in den hinteren Reihen sind aus Sowjetzeiten. Der Andrang ist größer geworden seit dem Erfolg gegen Spanien.

Cherchesov hat mal bei Dynamo Dresden gespielt, spricht sehr gut Deutsch. Ob er denn nicht nach dem Training mal … zwei Fragen nur … geht ganz schnell. "Keine Chance", sagt der Mann mit dem strengen Scheitel.

Er meint das auch so.

Zwei Spieler sind für die Medienrunde angekündigt. Wer, bleibt bis zum Erscheinen offen. Da ist der DFB deutlich professioneller.

Aleksandr Golovin ist der erste Spieler, der vor den Mikrofonen steht, neben dem strengen Vladimirov. Was er sagt, ist belanglos. Aber Golovin spielt wenigstens. Als zweiter Spieler kommt Vladimir Gabulov, der Ersatztorwart. Die russischen Reporter grummeln, wie es die deutschen Kollegen bei Kevin Trapp täten.

Interview mit Aleksandr Golovin

Interview mit Aleksandr Golovin

Cherchesov und sein Volunteer

Nach ein paar Minuten sagt Vladimiro zwei Mal "Spasibo". Draußen spricht Cherchesov nun doch, allerdings nur mit Lorenzo. Den hat er ein Jahr zuvor beim Confed Cup kennen gelernt, ist dort Volunteer gewesen. Nach dem Sieg gegen Spanien hat Cherchesov seinen Kumpel aus Peru während der Pressekonferenz zu sich geholt, ihm ein russisches Trikot mit Unterschriften überreicht.

Lorenzo wehrt auch alle Interviewanfragen ab. "Sind mir verboten worden. Vielleicht später", sagt er und steigt in einen noblen Wagen mit Aufklebern der FIFA-Sponsoren.

Cherchesov geht in die Sportschule, die Reporter verlassen Novogorsk.

Der deutsche Schäferhund liegt müde im Weg.

Stand: 03.07.2018, 19:30

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