Stimmiger WM-Kader, nur bei Neuer stimmt es nicht

Die Fassade des Fußballmuseums in Dortmund

Fußball-WM 2018

Stimmiger WM-Kader, nur bei Neuer stimmt es nicht

Von Marcus Bark (Dortmund)

Bundestrainer Joachim Löw berief einen stimmigen vorläufigen Kader für die WM. Dass auch Manuel Neuer noch dabei ist, verzögert nur den Moment für die Wahrheit.

Es ist dann doch ein bisschen anders gekommen, als viele vorher gesagt haben. Bundestrainer Joachim Löw überraschte, indem er den Freiburger (das ist das weniger Überraschende dabei) Nils Petersen in den vorläufigen WM-Kader berief. Die Begründung klang schlüssig. Petersen habe in einer Mannschaft, die wenig Torchancen herausgespielt habe, 15 Treffer erzielt. Der Stürmer sei zudem "ein guter Joker". Petersen "braucht nicht lange, um ins Spiel zu finden", wie Löw anmerkte.

Von seinen 15 Saisontoren schoss Petersen allerdings nur eines als Einwechselspieler in der vergangenen Bundesligasaison. Er war auch am zehnten Spieltag zuletzt eingewechselt worden.

Gespür und Fakten

Joachim Löws Gespür und die Fakten passen ab und an nicht recht zueinander. Das ist nicht schlimm für die deutsche Nationalmannschaft, denn in der Vergangenheit lag er mit seinem Gespür überwiegend richtig. So ist auch die Nominierung von Marvin Plattenhardt zu verstehen, der mit mäßigen Leistungen in dieser Saison auffiel - besser: nicht auffiel. Nico Schulz überzeugte hingegen bei der TSG Hoffenheim, Philipp Max beim FC Augsburg.

Aber Löw kennt Plattenhardt vom Confed Cup, und wenn er weiß woran er ist, fühlt sich der Bundestrainer wohler. So sagte er im Dortmunder Fußballmuseum: "Es ist elementar, ein stimmiges Team zu haben."

Nur rechts hinten fehlen Alternativen

Die Auswahl für das Turnier in Russland wirkt stimmig. Der Kader erfüllt weitestgehend die Vorgabe, dass jede Position in Löws bevorzugtem 4-2-3-1/4-1-4-1-System mehrfach besetzt ist. Beim rechten Verteidiger gibt es mit Joshua Kimmich allerdings nur eine Lösung. Sollte er ausfallen, müsste sich Löw mit einem Innenverteidiger behelfen.

Dass gleich sechs Innenverteidiger im vorläufigen Kader stehen, zeigt, dass eine Dreierkette eine Option sein könnte. Es zeigt aber auch, dass Löw für den Fall plant, dass Jérôme Boateng erst später oder vielleicht gar nicht rechtzeitig wieder einsatzbereit sein wird. Da die Qualität im Mittelfeld seit Jahren am höchsten ist, kann es sich der Bundestrainer auch erlauben, auf Mario Götze zu verzichten.

Zwischentöne

"Er hatte wahrlich keine gute Saison in Dortmund", sprach Löw eine Wahrheit aus, vor der sich bei seinem Verein viele scheuten. Bei Manuel Neuer traut sich Löw nicht, die Wahrheit auszusprechen. Selbst wenn der Torhüter bereit wäre, den Test am 2. Juni gegen Österreich zu bestreiten, wäre es maßlos übertrieben, dann davon zu sprechen, dass Neuer mit (der vom Bundestrainer verlangten ) "Spielpraxis" nach Russland fliege.

Die Zwischentöne beim Bundestrainer ("Wir werden ganz ehrlich miteinander umgehen.") ließen erkennen, dass der sanft möglichste Ausstieg aus dieser seit Monaten diskutierten Personalie vorbereitet wird. Es würde auch dem in Dortmund oft propagierten Leistungsprinzip widersprechen, wenn Marc-André ter Stegen bei der WM nur auf der Bank sitzen würde.

Hinter Bayern kommt wenig

Die Auswahl von Löw bestätigte nebenbei, dass der FC Bayern das Nonplusultra in der Bundesliga ist. Sieben Spieler des Meisters sind von Löw berufen worden. Die drei Mannschaften, die in der Liga dahinter standen und sich für die Champions League qualifizierten, stellen zusammen nur zwei Spieler. Marco Reus vertritt Borussia Dortmund, Leon Goretzka noch bis zum 30. Juni die von Schalke 04, dann wird auch er ein Münchner sein. Die TSG Hoffenheim bleibt ohne möglichen deutschen WM-Fahrer.

Außer Schulz wäre Mark Uth ein Kandidat gewesen. Der Stürmer schoss 14 Tore und gab neun Vorlagen. Löw aber wählte Petersen statt des Proporzes. Das sollten all diejenigen bedenken, die den Freiburger vorschnell als einen von vier Spielern ausmachen, die noch gestrichen werden müssen. Der bei weitem wahrscheinlichste Kandidat dafür ist der Kapitän: Manuel Neuer.

Der Kader im Überblick

Tor Bernd Leno (Bayer Leverkusen), Manuel Neuer (Bayern München), Marc-André ter Stegen (FC Barcelona), Kevin Trapp (Paris Saint-Germain).

Abwehr Jérôme Boateng, Mats Hummels, Joshua Kimmich, Niklas Süle (alle Bayern München), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Jonas Hector (1. FC Köln), Marvin Plattenhardt (Hertha BSC), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld Thomas Müller, Sebastian Rudy (beide Bayern München), Ilkay Gündogan, Leroy Sané (beide Manchester City), Julian Draxler (Paris Saint-Germain), Leon Goretzka (FC Schalke 04), Sami Khedira (Juventus Turin), Toni Kroos (Real Madrid), Mesut Özil (FC Arsenal), Marco Reus (Borussia Dortmund), Julian Brandt (Bayer Leverkusen)

Angriff Mario Gomez (VfB Stuttgart), Timo Werner (RB Leipzig), Nils Petersen (SC Freiburg)

Am 4. Juni endet die Meldefrist

Den endgültigen 23-köpfigen Kader für das Turnier muss Löw am 4. Juni benennen. Dieser muss aus Spielern des vorläufigen Kaders bestehen. Löw muss auf jeden Fall einen der Torhüter streichen. Toni Kroos wird einen Teil der Vorbereitung verpassen, weil er mit Real Madrid noch im Finale der Champions League spielt.

Die WM-Termine der deutschen Mannschaft
TerminEreignis
23. MaiAbflug Trainingslager in Eppan (Italien)
26. MaiChampions-League-Finale (mit Toni Kroos)
2. JuniTestspiel gegen Österreich (in Klagenfurt)
4. JuniBekanntgabe endgültiger Kader
8. JuniTestspiel gegen Saudi-Arabien (in Leverkusen)
9. JuniEnde Trainingslager
12. JuniAbflug nach Russland
14. JuniWM-Eröffnung
17. JuniErstes Gruppenspiel gegen Mexiko
23. JuniZweites Gruppenspiel gegen Schweden
27. JuniDrittes Gruppenspiel gegen Südkorea

Stand: 15.05.2018, 16:00

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