Gut erholt ins Halbfinale der Fußball-WM

Fabian Delph (l.) und Adnan Januzaj

WM 2018 - Schwächen des Spielplans

Gut erholt ins Halbfinale der Fußball-WM

Von Chaled Nahar

Belgien, England, Frankreich und Kroatien haben das Halbfinale bei der WM erreicht - vielleicht auch deshalb, weil alle vier Teams einen wichtigen Vorteil im Spielplan hatten.

Es waren Spiele, die weder einer Weltmeisterschaft würdig sind noch den Eintrittspreis von 90 bis 180 Euro rechtfertigen. Als Belgien gegen England im dritten Gruppenspieltag antrat, waren beide Teams bereits für das Achtelfinale qualifiziert und versuchten in der ersten Hälfte sogar offensichtlich, Angriffsaktionen zu vermeiden, um als Gruppenzweite im vermeintlich leichteren Teil des Turnierbaums zu landen.

Frankreich und Dänemark reichte zum Abschluss der Vorrunde ein 0:0 zum Weiterkommen, und genau dieses Resultat kam auch zustande. Kroatien gewann sein letztes Gruppenspiel gegen Island immerhin, trat aber mit einer allenfalls verstärkten B-Elf an. Diese vier Teams - Belgien, England, Frankreich und Kroatien - haben nun das Halbfinale erreicht. Ein Zufall?

Längere Erholungsphasen sind ein Vorteil

Man muss nicht Sportwissenschaften studiert haben, um die Bedeutung von Regeneration im Sport zu kennen. Nicht umsonst sind die Erholungsphasen auch oft der Zankapfel bei der Spielplangestaltung in der Bundesliga und den europäischen Vereinswettbewerben.

Eine längere Zeit der Regeneration ist ein Vorteil - und die verschafften die vier Trainer der Halbfinalteilnehmer ihren Stammspielern: zwischen sechs und zehn Spieler tauschten sie in ihren Startaufstellungen im Achtelfinale aus. Oder anders gesagt: die Stammspieler hatten am letzten Gruppenspieltag Pause.

Wechsel in der Startelf 3. Gruppenspiel/Achtelfinale
MannschaftWechsel
Belgien10
England9
Kroatien9
Frankreich6

Psychisch und körperlich waren die offensichtlich wichtigsten Spieler dieser vier Mannschaften in ihren letzten Gruppenspielen also deutlich weniger gefordert als einige ihrer Konkurrenten.

Die "nicht ausgeruhten" Teams traten alle den Heimweg an

Das Vorgehen ist legitim, ein guter Start lohnt sich also. Doch auf dem Papier zeigten die Verschnaufpausen ihre Wirkung: Im Achtelfinale standen sieben Mannschaften, die sich im dritten Gruppenspiel zurücklehnen konnten und neun Teams, für die es am Ende der Vorrunde noch um alles ging. In fünf von fünf Spielen setzte sich jeweils die "ausgeruhte" gegen die "nicht ausgeruhte" Mannschaft durch.

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Sportschau | 08.07.2018 | 01:49 Min.

Nur zwei Teams, die in der Gruppe bis zum Schluss alles geben mussten, kamen überhaupt ins Viertelfinale. Und zwar nachdem sie gegen Mannschaften gespielt hatten, die ebenfalls durchgehend gefordert waren: Es waren Brasilien (gegen Mexiko) und Schweden (gegen die Schweiz). Das achte Spiel bestritten mit Kroatien und Dänemark zwei Teams der Marke "ausgeruht".

Statistik mit Schwächen

Doch auch Brasilien und Schweden sind im Viertelfinale nun ausgeschieden. Zwischen den vier Halbfinalteilnehmern gibt es nun keine großen Ungleichheiten mehr, ihre Viertelfinals trugen die jeweiligen Gegner sogar jeweils am selben Tag aus.

Die Statistik hat zwar Schwächen: Viele Spiele waren eng oder wurden erst im Elfmeterschießen entschieden. Und es gibt Gegenbeispiele aus anderen Endrunden. So wurde Deutschland 2014 Weltmeister, obwohl im letzten Gruppenspiel mindestens ein Punkt für das sichere Weiterkommen nötig war. Auch Spanien brauchte 2010 unbedingt einen Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Chile.

Ein Vorteil beziehungsweise Nachteil sind ungleiche Erholungsphasen aber in jedem Fall.

Der Modus ist das Ärgernis

Die große Schwäche bleibt das Gruppensystem mit vier Mannschaften, das bei jeder EM und WM bedeutungslose oder zur stillen Absprache geeignete Spiele hervorbringt. Und die bringen nur im besten Fall Unterschiede bei der Erholungszeit, im schlechtesten Fall können sie sogar manipulativ für den sportlichen Ausgang sein.

Eine Lösung könnte Leandro Shara haben. Der Mann aus Chile ist Geschäftsführer einer Firma, die Turnierformate entwickelt. Für die WM wünscht er sich ein System ohne feste Gruppen, dafür mit einer Gesamttabelle aller Mannschaften. Er verspricht im Deutschlandfunk: "Jedes Team wird versuchen, so gut wie möglich da zu stehen. Der gesamte Wettkampf wird sehr eng, kein Team wird es sich leisten können, Punkte abzugeben."

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Dass seine Idee von der FIFA aufgegriffen wird, scheint unwahrscheinlich. Denn die hat für das Turnier 2026 beschlossen, dass 48 Teams in 16 Dreiergruppen spielen werden statt wie bisher 32 Mannschaften in acht Vierergruppen. Und da dürfte sich das Phänomen nach den bisher feststehenden Plänen noch verstärken.

Stand: 08.07.2018, 09:44

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