Abgang mit Applaus - Englands große Zukunft

Das englische Team verabschiedet sich von seinen Fans

Halbfinal-Niederlage gegen Kroatien

Abgang mit Applaus - Englands große Zukunft

Von Frank van der Velden

Auch wenn es nicht zum ganz großen Coup gereicht hat, so hat England bei der WM voll überzeugt. Den "Three Lions" steht eine große Zukunft bevor.

Das englische Boulevardblatt "The Sun" ist nicht gerade berühmt für seine einfühlsamen Schlagzeilen. Wenn die englische Fußball-Nationalmannschaft bei großen Turnieren ausscheidet, sieht es die Zeitung als ihre vornehmliche Aufgabe, das Team harsch zu kritisieren und Salz in die Wunden zu streuen. Nicht selten werden dann auch Rücktritte gefordert, oder es wird gleich der baldige Untergang des Fußball-Mutterlandes vorhergesagt.

Wenn die "Sun" am Tag nach der Halbfinal-Niederlage Englands bei der Fußball-WM gegen Kroatien titelt "Ihr habt uns stolz gemacht", dann muss wahrlich Großartiges passiert sein.

Auch in anderen Zeitungsschlagzeilen überwog das Positive, immer verbunden mit der Zuversicht, dass das Team von Trainer Gareth Southgate eine große Zukunft hat. Prinz William höchstpersönlich brachte es in einem Tweet aus dem Kensington Palast auf den Punkt: "Da wird noch mehr kommen von dieser englischen Mannschaft."

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Mangelnde Cleverness und Erfahrung

Die scheiterte in Russland am Ende an mangelnder Cleverness und Erfahrung. Das ist gar nicht schlimm. Cleverness ist nichts, was man im Training auf dem Platz erlernen kann, sie kommt vielmehr mit der Zeit. Genau wie die Erfahrung. 26,1 Jahre sind die englischen Spieler im Schnitt alt, und damit sind sie mehr als drei Jahre jünger als die kroatischen. Spieler wie Luka Modric (32) von Real Madrid, Ivan Rakitic (30) vom FC Barcelona, Mario Mandzucik (32) von Juventus Turin, die Jahr für Jahr in der Champions League auflaufen, die wissen, wie man ein enges Spiel in der Verlängerung zu seinen Gunsten drehen kann. Spieler wie Dele Alli (22), Raheem Sterling (23) oder Harry Kane (24) wissen das nicht. Noch nicht.

Das zeigte sich zum Beispiel in der 109. Minute. Die englische Abwehr hatte die Situation eigentlich schon geklärt, die Verteidiger hatten schon geistig abgeschaltet und waren in der Vorwärtsbewegung. Urplötzlich kam der Ball dann von Ivan Perisics Hinterkopf zu Mario Mandzucik, John Stones schaltete zu spät und kam dann nicht mehr hinterher, und um England war es geschehen. Da war sie, die fehlende Cleverness.

Im Jugendbereich fast alles abgeräumt

Bei der WM 2022 in Katar ist mit England zu rechnen. Alli, Sterling und Kane sind dann im besten Fußballer-Alter, Trent Alexander-Arnold (19), Marcus Rashford (20) oder Ruben Loftus-Cheek (22) sind einen großen Schritt weiter.

Und es kommt wohl noch besser. Denn England hat zuletzt im Jugendbereich fast alles abgeräumt, was es abzuräumen gab. Das Land wurde 2017 U20-Weltmeister, U17-Weltmeister und U19-Europameister und hat damit wahrlich beste Aussichten. Der frühere Nationalspieler Gary Lineker ist sich sicher: "Wir haben eine neue goldene Generation." Fest steht: Eine solche Dominanz im Jugendbereich und eine solche Anhäufung von Titeln gab es noch nie.  

Radio-Kommentatoren aus England und Kroatien flippen aus

Sportschau | 12.07.2018 | 02:31 Min.

Rhian Brewster: 20 Tore in 23 Spielen

Die Engländer nehmen sich in Sachen Nachwuchsarbeit gerne Deutschland zum Vorbild. Sami Khedira, Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels und Mesut Özil wurden 2009 U21-Europameister und fünf Jahre später in Brasilien gemeinsam Weltmeister.

Ein Spieler der Zukunft ist beispielsweise Rhian Brewster. Der ist 18 Jahre alt und spielt beim FC Liverpool.  Für die U17 machte er 20 Tore in 23 Spielen. Borussia Mönchengladbach hatte zuletzt seine Fühler nach Brewster ausgestreckt. Das brachte die Liverpooler dermaßen auf die Palme, dass sie sogar damit drohten, den Bundesligisten bei der UEFA zu verklagen. Ein vereinbartes Testspiel für den Sommer wurde erbost abgesagt.

Viel für den Erfolg getan

Für den Erfolg hat die Football Association (FA) viel getan. 2012 eröffnete der Verband in Burton-upon-Trent das hochmoderne "St. George's Park National Football Centre". Alle Nationalmannschaften trainieren dort, der 130 Hektar großer Komplex gilt als Kaderschmiede. Zudem schuf die FA die "Premier League 2" für die Reserveteams. Dort spielen all jene Talente, die bei den großen Klubs noch nicht zum Zuge kommen - zum Beispiel auch Brewster.

Sympathien gewonnen

Für England hat es in Russland nicht zum ganz großen Coup gereicht. Das war auch nicht zu erwarten. Doch das Land hat sich weiter entwickelt - fußballerisch, personell, mental. Und es hat Sympathien gewonnen für einen Fußball, der so gar nicht mehr erinnert an frühere Auftritte der "Three Lions". Dass erstmals bei einer WM ein Elfmeterschießen gewonnen wurde, spricht da für sich und ist auch Ausdruck dieses neuen Englands.

In zwei Jahren findet die nächste Europameisterschaft in zwölf Städten statt. Schauplatz des Endspiels wird am 12. Juli das Londoner Wembley-Stadion sein. Vielleicht sind die "jungen Löwen" dann ja schon so weit, um auch den letzten Schritt zu tun. Die "Sun" würde sehr stolz sein.

Stand: 12.07.2018, 11:21

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