Ein Sommer der Fehlprognosen beim DFB - und jetzt?

Oliver Bierhoff ( 2. v. li.) und Joachim Löw (re.) beim WM-Spiel gegen Südkorea in Kasan

Nach dem Vorrundenaus bei der WM in Russland

Ein Sommer der Fehlprognosen beim DFB - und jetzt?

Von Marcus Bark

"Uns wird das nicht passieren. Wir schaffen das." Joachim Löw, Bundestrainer, am 17. Juni 2018 im Moskauer Luschniki-Stadion. Seine Mannschaft, Weltmeister, hatte gegen Mexiko verloren und ihm war die Frage gestellt worden, ob Deutschland auch in der Vorrunde scheitern werde, wie es den Weltmeistern Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 passierte.

Löws Prognose war falsch, wie mehrere andere in diesem Sommer auch. Der Bundestrainer war der Meinung, dass seine Spieler zum Turnier in bester körperlicher Verfassung seien, dass sie ihr Spiel spielen werden, das sie erfolgreich machte und das die Gegner fürchteten.

Er war auch der Meinung, dass die Weltmeister von 2014 mit aller Macht den Titel erfolgreich wollen und bereit sind, dafür über mindestens ein Jahr mehr zu tun als andere, die mit ihren Bundesligisten einen einstelligen Tabellenplatz anstreben. Appelle sind in dieser Hinsicht genügend in den Archiven zu finden. Schon vor dem Confed Cup redete Löw den Spielern, auch denen, die bei der Generalprobe in Russland vorspielen durften, ins Gewissen.

Kapitän Manuel Neuer erklärte das Projekt am Mittwochabend (27.06.18), direkt nach der Niederlage gegen Südkorea, am Mikrofon der ARD für gescheitert: "Es muss sich jeder fragen, ob er alles gegeben hat, ob die Bereitschaft da war, bei einer Weltmeisterschaft alles für Deutschland zu geben." Die Antwort schob er gleich hinterher: "Da hat ein bisschen etwas gefehlt."

Watutinki kein Campo Bahia

Zurückhaltend war Joachim Löw stets bei der Frage, ob sich auch im Hochsicherheitskomplex von Watutinki ein förderlicher Geist entwickeln könne, wie er vier Jahre zuvor durch das Campo Bahia schlich. Löw wollte nach Sotschi ans Meer, das ist ein offenes Geheimnis. Das Bild, das ihn dort an einer Laterne zeigte, war vielleicht mehr als das Zeichen, auch nach einer Auftaktniederlage entspannt zu sein.

Es war vielleicht auch ein subtiler Protest gegen die Entscheidung für ein Leben im Birkenwald mit Blick auf die Plattenbauten. Offiziell war die Wahl auf das Moskauer Umland gefallen, weil Watutinki logistische Vorteile habe mit Blick auf den Turnierverlauf nach der Vorrunde. Den zweiten Schritt nach dem ersten zu gehen, das ist in einem Sport, in dem so gerne von Spiel zu Spiel gedacht wird, verpönt. Die Nationalmannschaft entfernte sich spätestens mit dem vierten Stern vom Boden.

Spott aus dem Ausland - Schadenfreude im Inland

Deutschland erntete viel Spott aus dem Ausland, aus Brasilien, aus England, aus Italien, aus den Niederlanden. Das muss ein gefallener Riese ertragen. Der DFB sollte aber auch registrieren, dass es viele deutsche Zuschauer und Fans gibt, die Schadenfreude bis Genugtuung empfinden.

Hashtags ohne Vokale, eine goldene Fünf, Werbeveranstaltungen für einen Sponsor, die als Pressekonferenz getarnt sind. Viele sehen die Grenze schon seit langem überschritten. Viele sehen darüber hinweg, wenn es der Erfolg übertüncht.

Kein junger Spieler, um den andere Länder Deutschland beneiden

Die Nationalmannschaft steht vor personellen Veränderungen, schon wegen der Altersstruktur. Es sind aber mehr Spieler als "die Weltmeister", die bei der nächsten Auflage in Katar schon deutlich mehr als 30 Jahre alt sein werden: Mario Gomez, Marco Reus, Jonas Hector.

Von den jungen Spielern, die das Format für die Eliteauswahl des DFB haben und sofort helfen können, waren mit Ausnahme von Leroy Sané alle in Russland dabei. Timo Werner spielte ordentlich, Julian Brandt sorgte in seinen wenigen Einsatzminuten für Torgefahr. Aber den jungen Spieler, um den andere Länder Deutschland beneiden, gibt es derzeit nicht, und er ist auch nicht in Sicht.

Spitzenteams liefern kaum noch etwas für die DFB-Elf

Die Bundesliga blutet mit Ausnahme des FC Bayern immer mehr aus. Die drei Mannschaften, die sich hinter den Münchnern die Qualifikation für die Champions League sicherten, stellten mit Marco Reus und Leon Goretzka zwei Spieler im deutschen Kader. Goretzka wechselt bald zum FC Bayern, dessen deutliche Überlegenheit in der Liga seit Jahren auch als Grund für das Scheitern in Russland in Betracht gezogen werden sollte.

Oliver Bierhoff ist Manager der Nationalmannschaft, aber als Direktor des DFB auch der Chefstratege des Verbands. Er verantwortet den Aufstieg, aber auch die Entfernung von der Basis. Der Bau der Akademie und vor allem die konzeptionelle Entwicklung des (Jugend)-Fußballs werden seine wichtigsten Aufgaben in den kommenden Jahren sein. Andere Nationen, etwa England, sind mindestens gleichgezogen. Appelle in diese Richtung sind in den Archiven leicht zu finden. Wer die Suche mit dem Namen "Matthias Sammer" verbindet, wird schnell fündig.

Stand: 28.06.2018, 17:23

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