Kroos rettet Deutschland gegen Schweden

Deutschland - Schweden 2:1 | Gruppe F | 2. Spieltag

Kroos rettet Deutschland gegen Schweden

Von Christian Hornung

Erstmals in der WM-Geschichte drohte dem DFB-Team das Aus in der Vorrunde - doch dann kam Toni Kroos. Der bis dahin ungewohnt fehlerhafte Mittelfeldchef rettete Deutschland mit einem Last-Minute-Treffer in Unterzahl den 2:1-Sieg gegen Schweden.

Kroos gab gleich nach dem Schlusspfiff im ARD-Interview zu: "Das erste Gegentor geht natürlich auf meine Kappe. Aber wenn du 400 Pässe spielst, können auch mal zwei zum Gegner kommen. Du musst dann aber auch die Eier haben, in der zweiten Halbzeit so zurückzukommen. Wir sind im Vorfeld hart kritisiert worden, manchmal hatten wir das Gefühl, einige in Deutschland wollten, dass wir rausfliegen. Aber so leicht machen wir denen das nicht."

"Alles richtig gemacht"

Auch Marco Reus zog trotz des ständigen Auf und Ab über 97 Minuten ein positives Fazit: "Wir haben viel über die Außen versucht und viel Druck gemacht. Na klar haben wir auch Fehler gemacht, aber wenn Toni dann am Ende trifft, hat er eben doch alles richtig gemacht."

Bundestrainer Joachim Löw analysierte: "Für mich war der Sieg verdient, weil wir bis zum Ende drangeblieben sind. Wir haben den Schweden durch unsere Fehler zwei Chancen eröffnet, aber insgesamt bei weitem nicht so viele Fehlpässe wie gegen Mexiko gespielt. So spät ein Spiel noch zu drehen, kann ein Signal sein - jetzt sind wir drin im Turnier."

Özil und Khedira auf die Bank

Auf die miserable Auftaktleistung beim 0:1 gegen Mexiko hatte Löw reagiert: Die Weltmeister Mesut Özil und Sami Khedira mussten am Samstag (23.06.2018) auf die Bank. Für Arsenal-Star Özil war es nach 26 Turnierspielen in der Startelf die erste Verbannung seit der WM 2010 in Südafrika.

Ins Team rückten Reus und Sebastian Rudy, dazu ersetzten Jonas Hector wie erwartet Marvin Plattenhardt und Antonio Rüdiger den an der Halswirbelsäule verletzten Mats Hummels.

Furiose Anfangsphase

Die Umstellungen schienen zunächst zu fruchten, denn die erste Riesenchance hatten die Deutschen bereits nach zwei Minuten. Über Joshua Kimmich und Timo Werner kam der Ball ins Zentrum, der Schuss von Julian Draxler wurde aber von Sebastian Larsson noch geblockt. Auch Sekunden später beim Kopfball von Jonas Hector bekam Schwedens Abwehrchef Andreas Granqvist noch den Fuß dazwischen.

Die Deutschen blieben am Drücker, spielten extrem schnell über die Flügel und schnürten die Schweden komplett ein. Nach zehn Spielminuten hatte das DFB-Team ein Passverhältnis von 122:6. Doch ein einziger Fehlpass brachte das komplette Geschehen zum Kippen. Antonio Rüdiger verlor an der Mittellinie den Ball, der Ex-Hamburger Marcus Berg stürmte allein auf Manuel Neuer zu - und scheiterte am gedankenschnell herausstürzenden Keeper.

Boateng-Foul nicht geahndet

Allerdings behinderte der hinter Berg herhechelnde Jérôme Boateng den schwedischen Mittelstürmer jenseits der Legalität: Er zog ihn an der Schulter, rempelte ihn und traf ihn auch am Bein. Vermutlich weil Berg trotz des Fouls zum Abschluss kam, gab der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak keinen Elfmeter und keine Rote Karte - und sah sich die Szene auch nicht noch einmal am Monitor an.

Doch die Aktion hatte trotzdem Folgen für das deutsche Team. In der Folge ging gar nichts mehr, plötzlich waren die Außenbahnen dicht, keine Passfolge schaffte es mehr in den Strafraum, kollektive Verunsicherung brach aus. Es passte zu dieser Gemengelage, dass Rudy nach einer halben Stunde nach einem unabsichtlichen Tritt ins Gesicht mit starkem Nasenbluten und Verdacht auf Nasenbeinbruch ausgewechselt werden musste.

Kroos-Fehlpass zum Gegentor

Als Erklärung für den krassen Fehlpass von Toni Kroos konnte diese Umstellung aber nicht dienen. Völlig unbedrängt spielte der Champions-League-Sieger von Real Madrid im Aufbau den Ball in die Füße von Berg, über Victor Claesson kam die Kugel zu Ola Toivonen, der Neuer mit einem perfekten Lupfer ins lange Eck keine Chance ließ. Fast noch schlimmer als der Fehlpass von Kroos war sein anschließendes Umschaltverhalten: Er hätte Toivonen locker stellen können, trabte aber im Zeitlupentempo hinterher und kam dadurch die entscheidenden Meter zu spät.

Bis zur Pause überließen die Schweden danach wieder den Deutschen das Mittelfeld, blieben bei ihren immer wieder durch Fehler des DFB-Teams eingeleiteten Kontern extrem gefährlich. Kurz vor der Pause stoppte Hector den durchgestarteten Claesson so gerade noch, in der Nachspielzeit lenkte Neuer mit einer Super-Parade einen Berg-Kopfball um den Pfosten.

Reus gleicht aus

Zur zweiten Halbzeit reagierte Löw, stellte mit der Hereinnahme von Mario Gomez für Draxler auf Doppelspitze um. Der Ertrag folgte schnell. Gomez fälschte in der 48. Minute eine Werner-Flanke leicht ab, Reus verwandelte gedankenschnell mit dem Knie zum 1:1. Danach sah das deutsche Spiel endlich wieder nach Fußball aus. Hector scheiterte an Torhüter Robin Olsen (56.), Reus verpasste die Führung nach einer Stunde, weil er einen Kimmich-Pass mit der Hacke verwandeln wollte.

Das DFB-Team blieb feldüberlegen, hatte aber durch Gomez (68.) und Werner (81.) kein Glück im Abschluss. In der 82. Minute schwächte sich Deutschland dann selbst, weil Boateng nach einem der zahllosen Ballverluste Berg umgrätschte und zu Recht mit Gelb-Rot vom Platz flog.

Matchbälle für Gomez und Brandt

Toni Kroos

Da ist das Ding: Toni Kroos bejubelt sein Last-Minute-Tor.

Trotzdem hatte Gomez in der 88. Minute nach einer Kroos-Flanke noch einen "Matchball", scheiterte aber per Kopf aus kurzer Distanz an Olsen. In der zweiten Minute der Nachspielzeit fehlten dann erneut nur Zentimeter - Joker Julian Brandt scheiterte wie schon gegen Mexiko erneut am linken Pfosten.

Doch die Deutschen hatten noch einen Trumpf. Ausgerechnet der völlig fahrig wirkende Kroos verwandelte in der fünften Minute der Nachspielzeit einen Freistoß zum Sieg. Werner hatte mit einem seiner vielen Sololäufe in die Spitze die entscheidende Vorarbeit geleistet - doch zu diesem Zeitpunkt hatte wohl kaum noch jemand auf das DFB-Team gesetzt.

Selbst bei Sieg droht das Aus

Trotz des Erfolges - selbst bei einem Sieg am Mittwoch (27.06.2018) gegen Südkorea könnte Deutschland noch rausfliegen. Wenn Schweden zeitgleich Mexiko schlägt, stünden alle drei Teams mit sechs Punkten da - dann würde die Tordifferenz entscheiden. Ein deutscher Sieg mit zwei Toren Unterschied würde allerdings den sicheren Einzug ins Achtelfinale bedeuten.

Statistik

Fußball · Weltmeisterschaft · 2. Spieltag 2018

Samstag, 23.06.2018 | 20.00 Uhr

Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Kimmich, Boateng, Rüdiger, Hector (87. Brandt) – Rudy (31. Gündogan), Kroos – Müller, Reus, Draxler (46. Mar. Gomez) – Werner

2
Flagge Schweden

Schweden

Olsen – Lustig, Lindelöf, Granqvist, Augustinsson – Claesson (74. Durmaz), Larsson, Ekdal, Forsberg – Toivonen (78. Guidetti), Berg (90. Thelin)

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Toivonen (32.)
  • 1:1 Reus (48.)
  • 2:1 Kroos (90.)

Strafen:

  • gelbe Karte Ekdal (1 )
  • gelbrote Karte Boateng (82./Wiederholtes Foulspiel)
  • gelbe Karte Larsson (1 )

Zuschauer:

  • 44.287

Schiedsrichter:

  • Szymon Marciniak (Polen)

Stand: Samstag, 23.06.2018, 21:56 Uhr

Stand: 23.06.2018, 23:03

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